Foto eines Waschbär-Babys auf dem Arm der Finderin.

Ein kleiner Waschbär fällt aus seiner Wurfhöhle im Baum auf einen Weg - mitten in Kassel. Die Mutter holt den Kleinen nicht zurück. Als hr-Reporterin Stefanie Küster das Tierbaby findet, will sie es retten. Doch das ist schwieriger als gedacht.

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Ein Waschbärbaby hat meinen Montag vor zwei Wochen in Kassel komplett durcheinandergebracht. Ich habe stundenlang telefoniert, Wasser in ein kleines Maul gespritzt und bin bis in die Nähe von Marburg gefahren. Mit einem wimmernden Bärchen im Katzenkorb meiner Nachbarn.

Meine Geschichte - und damit die Geschichte von Bruno - beginnt morgens um sechs. Ich stehe auf, ziehe mich an und streife unserem Hund das Halsband über. Wir gehen die Straße runter, vorbei an Reihen- und Mehrfamilienhäusern und auf einen Weg, der unter der ICE-Trasse hindurch führt.

Kassel - die Hauptstadt der Waschbären

Mitten auf dem Weg, unter einem Baum, sehe ich einen kleinen gestreiften Schwanz. Wer wie ich in Kassel lebt, weiß, was das ist: ein Waschbär. Kassel gilt als Hauptstadt der Beutegreifer. Kein Wunder, dass auch bei uns ganze Banden im Kirschbaum sitzen oder versuchen, es auf unser Dach zu schaffen.

Das ist wichtig, weil das, was jetzt folgt, eine süße Geschichte ist, die nicht allen Facetten der Waschbärpopulation gerecht wird. Denn Waschbären richten Schäden an. Sie wühlen in Mülltonnen, stoßen sie um, reißen die Dämmung unter den Ziegeln heraus und plündern Obstbäume. Sie sind Allesfresser und eine Gefahr für seltene Tierarten. Das weiß ich alles - und trotzdem ist da der gestreifte Schwanz.

Kleiner Waschbär aus Kassel

Ein kleiner Bruchpilot auf dem Asphalt

Der Waschbärwelpe liegt wie ein kleiner Bruchpilot auf dem Bauch und wimmert leise. In mir steigt Panik auf: Was mache ich jetzt? Ich treffe eine Entscheidung: Baby hin oder her, hier liegt ein Wildtier und die Mutter wird es holen, wenn ich schnell verschwinde.

Eine Dreiviertelstunde später bin ich fertig mit meiner Morgenrunde und der Kleine liegt immer noch da. Mist. Und jetzt? Ich rufe bei der Polizei an und melde ein hilfloses Waschbärbaby. Der Beamte verspricht, eine Streife zu schicken.

Ein neues “Haustier”?

Menschen radeln vorbei, eine Frau bleibt stehen. Ich solle das arme Tier auf den Arm nehmen, es erfriere sonst, rät sie mir. Na gut. Mittlerweile warte ich gefühlt eine Dreiviertelstunde auf die Streife.

Eine Nachbarin erzählt mir, dass der kleine Waschbär bereits am Sonntag dort gelegen habe und von Passanten angefasst wurde. Das hat die Mutter offenbar abgeschreckt. Ich informiere die Polizei, dass ich den Welpen mit nach Hause nehme. Das ist wichtig, denn man darf ein Wildtier nicht einfach mitnehmen. Der Beamte gibt mir grünes Licht.

Hilfe suchen - am Telefon und im Netz

Zu Hause telefoniere ich: mit Tierärztinnen, Zoos und mehreren privaten Pflegestellen für verletzte Wildtiere. Ich bekomme Tipps, wie ich den Waschbären erstversorge - aber keiner kann den Kleinen aufnehmen. Eine Tierschützerin aus Felsberg im Schwalm-Eder-Kreis rät mir, Fotos in Facebook-Gruppen zu teilen und die Postleitzahl zu hinterlegen. Ich lasse mich für die Gruppen freischalten und lade Fotos und die Fundstelle hoch.

Der Waschbär liegt auf einem warmen Kirschkernkissen und erholt sich scheinbar von der ganzen Aufregung. Ich flöße ihm Wasser mit ein wenig Traubenzucker ein - das soll verhindern, dass er austrocknet.

Mittlerweile weiß ich, dass Waschbären nicht ausgewildert werden dürfen, weil sie eine invasive Art sind, also nicht heimisch. Man darf sie halten, sie brauchen allerdings ein ausreichend großes Gehege und Gesellschaft von Artgenossen. Das kann ich nicht bieten. Aber ich fühle mich verantwortlich dafür, dass der Welpe in fachgerechte Hände kommt.

Der kleine Waschbär erholt sich auf einem Kirschkernkissen m Katzenkorb

Ein Platz in einer privaten Wildtierauffangstation

Mein Handy meldet sich im Sekundentakt. In den Facebook-Gruppen wird mein Foto mit Hinweisen kommentiert. Am Vormittag meldet sich eine Frau aus der Nähe von Marburg. Sie heißt Stefanie Hecklinger und hat schon 30 Waschbärbabys aufgepäppelt. Sie könne den Kleinen aufnehmen, am besten sofort. Wir verabreden uns für den frühen Nachmittag bei ihr zu Hause.

Mit dem Auto bringe ich den Waschbären zu ihr und bin erleichtert. Das Waschbärbaby wird nicht in Freiheit aufwachsen, aber es wird ihm gut gehen. Ich darf sogar noch einen Namen aussuchen. Er wird Bruno heißen - wie unser erster Hund - und das ist ein perfekter Name für einen kleinen Bären.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 26.05.2021, 19:30 Uhr