Der Angeklagte von Volkmarsen, Maurice P., beim Prozessauftakt vor dem Landgericht Kassel

Maurice P. wird seit Montag wegen versuchten Mordes in 91 Fällen vor dem Landgericht Kassel der Prozess gemacht. Er steuerte sein Auto am Rosenmontag 2020 in einen Karnevalszug in Volkmarsen. Auch am ersten Prozesstag ist vieles unklar geblieben.

Videobeitrag

Video

zum Video Auftakt im Volksmarsen-Prozess

hs
Ende des Videobeitrags

Nach einer Autoattacke auf den Rosenmontagsumzug in Volkmarsen (Waldeck-Frankenberg) im vergangenen Jahr bleibt das Motiv des Angeklagten unklar. Sein Mandant werde vom Schweigerecht Gebrauch machen, sagte der Verteidiger des 30-Jährigen am Montag zum Prozessauftakt vor dem Landgericht in Kassel. Dort muss sich der Angeklagte für die Tat verantworten.

Video zeigt Moment der Tat

Am 24. Februar 2020 war Maurice P. mit einem Auto in den Karnevalsumzug seiner Heimatstadt gefahren. 90 Menschen erlitten teils schwere Verletzungen, darunter Kinder. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt wirft dem Angeklagten versuchten Mord in 91 Fällen, Körperverletzung in 90 Fällen und gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr vor. Insgesamt geht die Generalstaatsanwaltschaft von mehr als 150 Betroffenen aus, die beeinträchtigt oder traumatisiert wurden.

Mit einer Geschwindigkeit von 50 bis 60 km/h soll Maurice P. in den Umzug gerast sein. Ein Zeuge filmte den Moment: Das Video wurde am Montag in dem Prozess gezeigt. Zu sehen ist, wie der silberne Mercedes auf den Karnevalszug zurast, Richtung Bürgersteig fährt, wo die Zuschauer stehen, und sich von dort regelrecht den Weg durch die Menschen pflügt.

Es sind nur wenige Sekunden, dann stoppt das Auto. Maurice P. schaute während der Präsentation nicht auf die Leinwand, er saß mit starrer Miene auf seinem Stuhl und bewegte sich auch sonst während der gesamten Sitzung kaum.

Staatsanwaltschaft: Absicht, "auf offener Straße zu töten"

Staatswanwalt Tobias Wipplinger warf dem Angeklagten am Montag vor, die Tat geplant zu haben mit der Absicht, "auf offener Straße zu töten". Sein Ziel sei gewesen, dabei möglichst viele Menschen zu erwischen.

Videobeitrag

Video

zum Video Die Amokfahrt in Volkmarsen

hs
Ende des Videobeitrags

Die Anklageschrift zeigt, dass es wohl nur Glück war, dass alle überlebten: Kinder gerieten unter den Wagen oder wurden vor dem Frontschutz des Wagens mitgeschleift, andere Menschen landeten auf dem Dach, flogen durch die Luft oder wurden von umherfliegenden Teilen getroffen. 28 Menschen mussten stationär im Krankenhaus behandelt werden, zwei von ihnen schwebten zwischenzeitlich in Lebensgefahr.

Nachdem der Wagen stoppte, mussten Umstehende ein unter dem Wagen eingeklemmtes Kleinkind befreien. Die Staatsanwaltschaft verlas die lange Liste der teils schweren Verletzungen der Opfer - viele leiden bis heute unter körperlichen und seelischen Folgen.

Dashcam funktionierte nicht

Vor der Tat soll Maurice P. laut Anklage auch eine Dashcam in seinem Auto platziert haben, zwei Videos davon wurden im Saal gezeigt: Eines ist vom Tag vor der Tat am frühen Abend, offenbar ein Test. Das zweite Video zeigt eine zersprungene Autoscheibe, dazu panisches Stimmengewirr. Offenbar war die Kamera während der Fahrt nicht eingschaltet und ging erst an, als der Wagen schon stand. Laut Anklage versuchten mehrere Zeugen, den Autoschlüssel zu ziehen, um Maurice P. am Weiterfahren zu hindern und hielten ihn fest.

Maurice P. soll nicht unter Drogen- oder Alkoholeinfluss gestanden haben. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der 30-Jährige schuldfähig ist. Das Motiv ist laut Ankage weiter unklar, eine politischen oder extremistischen Ansatz sei bisher nicht ermittelt worden, sagte der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft, Georg Ungefuk.

Die Opfer, ihre Angehörigen und Zeugen der Tat erhoffen sich vom Prozess Antworten. "Die Frage, warum, ist für Opfer eine ganz entscheidende", sagte Rechtsanwalt Klemens Wirth, der eine Nebenklägerin im Prozess vertritt. Ob der Prozess die Frage auch beantworte, werde man sehen.

"Es ist ein Wunder, dass bei dieser Geschichte niemand zu Tode gekommen ist", sagte Wirth. Seine Mandantin habe sich das Video der Tat ersparen wollen, sie verließ den Raum, bevor der Richter das Video startete. "Es ist nur ein Augenblick, aber er zeigt im Kern das ganze Schrecken", sagte Wirth.

Bürgermeister: Mit Prozessende einen Abschluss finden

Auch der Bürgermeister von Volkmarsen, Hartmut Linnekugel (parteilos), war am Montag vor Ort. Er hatte schon vor dem Prozess gesagt, er hoffe auf ein Urteil noch in diesem Jahr: "Wichtig wäre für die Stadt und die Vereine, dass der Prozess dieses Jahr abgeschlossen wird. Die Karnevalssaison steht dann wieder vor der Tür." Das sei traditionell eine wichtige Zeit für den Ort. Mit einem gerechten Urteil könne man dann womöglich einen Abschluss finden, hofft der Bürgermeister.

Nach rund drei Stunden beendete der Richter den ersten Prozesstag, am Mittwoch geht es weiter. Insgesamt sind über 30 Termine bis Dezember angesetzt. Das Gericht hatte das Verfahren in eine Messehalle verlegt, damit trotz Corona möglichst viele Zuschauer kommen können. Mehr als 300 Plätze waren für Besucher vorgesehen. Es kamen nicht mehr als 40.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 03.05.2021, 19.30 Uhr