Regisseur Dieter Wedel gestikuliert und trägt eine Sonnenbrille

Schon vor einigen Jahren beschuldigten Frauen den Theatermacher Dieter Wedel öffentlich. Nun klagt die Staatsanwaltschaft München den früheren Intendanten der Bad Hersfelder Festspiele wegen Vergewaltigung an.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Film- und Theater-Macher Dieter Wedel

Dieter Wedel
Ende des Audiobeitrags

Mehr als drei Jahre nach Bekanntwerden von Gewaltvorwürfen hat die Staatsanwaltschaft München Anklage gegen Regisseur Dieter Wedel erhoben. Es bestehe der Verdacht der Vergewaltigung, teilte die Behörde am Freitag mit. Über die Zulassung der Anklage muss nun das Landgericht München I entscheiden. Der 81-jährige Wedel bestreitet die im Januar 2018 öffentlich gemachten Anschuldigungen.

Es geht um einen Vorwurf und eine mutmaßliche Tat, die sich vor rund 25 Jahren zugetragen haben soll. Die Schauspielerin Jany Tempel gibt an, Wedel habe sie im Sommer 1996 in einem Münchner Luxushotel zum Sex gezwungen. Damals, im Alter von 27 Jahren, habe sie für eine Rolle vorsprechen wollen. Die beiden hatten sich Tempel zufolge in seinem Hotelzimmer getroffen und eine erotische Passage aus einem Drehbuch gelesen.

Im Bademantel beim erotischen Vorsprechen

Bei dem Treffen soll Wedel nichts außer einem Bademantel angehabt haben. Bei dem Vorsprechen sei er dann auf sie losgegangen. Es sei zu einem Kampf gekommen, wobei die Schauspielerin verletzt wurde. Laut Anklage hat Wedel die Frau aufs Bett geschleudert und dann vergewaltigt. Wegen der Schmerzen und aus Angst soll sie sich nicht weiter gewehrt haben.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zogen sich lange Zeit hin. Einer der Gründe dafür sei gewesen, dass unter anderem auch Zeugen im Ausland vernommen werden mussten, erklärte die Behörde. Die 20-seitige Anklage führt nach Angaben der Staatsanwaltschaft mehr als 20 Zeugen, eine Gutachterin sowie Kalendereinträge als Beweismittel an. Wegen einer Änderung des Strafgesetzbuches im Jahr 2015 ist die Wedel vorgeworfene Tat noch nicht verjährt.

Der preisgekrönte Film- und Theaterregisseur wurde über Jahrzehnte für seine Fernseh- und Bühnenerfolge gefeiert. TV-Mehrteiler wie "Der große Bellheim" (1993/ZDF), "Der Schattenmann" (1996/ZDF) oder "Der König von St. Pauli" (1998/Sat.1) machten ihn zum Star der Szene mit hohen Einschaltquoten.

Die Fernsehnation sprach erwartungsvoll vom "neuen Wedel", wenn ein neues Werk erschien. Das klang wie ein Gütesiegel - und bewahrheitete sich oft. Schauspieler und Schauspielerinnen rissen sich darum, mit der Galionsfigur des deutschen Filmgeschäfts zu arbeiten, weil sie sich einen Schritt auf der Karriere-Leiter erhofften.

Anwältin: "Öffentliche Vorverurteilung"

Das mutmaßliche Opfer Jany Tempel wollte sich nach Angaben seines Anwalts Alexander Stevens zunächst nicht zur Entscheidung der Staatsanwaltschaft äußern. Stevens schrieb auf Twitter: "Das war heute ein richtiger und wichtiger Schritt für alle echten Opfer sexueller Gewalt."

Die Anwälte Wedels kritisierten die Anklage aus München scharf: "Das Ermittlungsverfahren, das von einer fast beispiellosen öffentlichen Vorverurteilung eingeleitet und begleitet wurde, dauert seit mehr als drei Jahren an, ohne dass sich in dieser Zeit durchgreifende neue Gesichtspunkte zur Belastung unseres 81-jährigen Mandanten ergeben haben", sagte die Rechtsanwältin Dörthe Korn am Freitag.

Wedel selbst wollte die Anklage nicht weiter kommentieren. Seine Ehefrau Uschi Wolters sagte auf Anfrage des hr: "Es tut mir leid. Er möchte sich im Moment nicht äußern." Sie verwies auf die Stellungnahme von Wedels Anwälten. Es sei verabredet, dass es darüber hinaus derzeit keine weiteren persönlichen Stellungnahmen gebe.

Regisseur Dieter Wedel mit seiner Ehefrau Uschi Wolters

Wedel verhalf Festspielen zu neuem Glanz

Von Herbst 2014 bis Anfang 2018 war Wedel Intendant der bundesweit beachteten Bad Hersfelder Festspiele, denen er als Theater-Macher und Regisseur zu großem Glanz verhalf. Er hob das Freilicht-Theaterfestival auf ein neues Qualitäts- und Bekanntheitslevel. Dem Top-Regisseur gelang es, prominente Schauspieler in die osthessische Provinz zu lotsen. Im Januar 2018 erklärte er seinen Rücktritt, nachdem ihm mehrere Schauspielerinnen im Rahmen der #MeToo-Debatte sexualisierte Gewalt vorgeworfen hatten.

In einer persönlichen Stellungnahme hatte Wedel daraufhin erklärt, er sehe sich einer "nicht enden wollenden Flut schwerster, öffentlich in den Medien erhobener Anschuldigen und Vorwürfen ausgesetzt". Die Vorwürfe setzten Wedel nach Angaben seines Anwalts derart zu, dass er mit Herzbeschwerden ins Krankenhaus musste.

Regisseur Dieter Wedel

Im Zeit-Magazin vom 4. Januar 2018 hatten mehrere Schauspielerinnen schwere Vorwürfe gegen Wedel erhoben, die bis hin zum erzwungenen Sex reichten. Wedel widersprach den Anschuldigungen per eidesstattlicher Erklärung. Unterstützung erhielt er damals auch vom Bad Hersfelder Bürgermeister Thomas Fehling (parteilos), der von einer "Hexenjagd" sprach.

Nach dem Beginn der sogenannten #MeToo-Debatte - von Schauspielerinnen in den USA mit Berichten über sexuelle Übergriffe in Gang gesetzt - erhoben im Januar 2018 damit erstmals Frauen in Deutschland konkrete Vorwürfe gegen einen prominenten Mann aus der Filmbranche.

Nach den Vorwürfen entbrannte eine größere Debatte mit Stimmen von verschiedenen Akteuren aus dem Schauspielgeschäft. Einige Schauspielerinnen und Weggefährten verteidigten Wedel. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass an den Vorwürfen etwas dran sei.

Wedel: "Ich verabscheue jede Form von Gewalt"

Andere belasteten den promovierten Theaterwissenschaftler: Er wurde beschrieben als Exzentriker und Choleriker, der seine Macht als einflussreicher Regisseur missbraucht habe, der Schauspielerinnen schikanierte. Wedel versicherte in einer persönlichen Erklärung: "Ich verabscheue jede Form von Gewalt, gegen Frauen ebenso wie gegen Männer."

Nach seinem Rücktritt wegen der Vergewaltigungsvorwürfe nahm die Karriere des kreativen wie auch energischen Star-Regisseurs ein abruptes Ende. Es wurde düster um die einstige Lichtgestalt, die Fernsehgeschichte in Deutschland schrieb und ein Millionen-Publikum begeisterte.

Sendung: hr-iNFO, 05.03.2021, 12.30 Uhr