Zwei Polizisten führen eine Aktivistin ab.

Monate nach den Rodungen im Dannenröder Forst sitzt eine Baumbesetzerin noch immer in Untersuchungshaft. Für eine Freilassung müsste sie offenbar lediglich ihren Namen sagen.

Seit auf den Tag genau vier Monaten sitzt eine Frau in Untersuchungshaft, die sich im vergangenen Herbst an den Protesten gegen die Rodungen im Dannenröder Forst beteiligt hat. Dabei könnte es einen einfachen Ausweg aus ihrer Lage geben: Die Frau müsste bloß sagen, wie sie heißt.

Doch sie weigere sich seit Monaten, ihren Namen zu nennen, sagte der Gießener Staatsanwalt Thomas Hauburger am Freitag dem hr und bestätigte damit einen Bericht der Bild-Zeitung. Und so stehen die Ermittler weiterhin vor einem Rätsel: Ihre Fingerabdrücke ergaben keine Übereinstimmung, Papiere hatte sie bei ihrer Festnahme nicht dabei.

Polizisten gegen Kopf getreten

Ende November, als es im Dannenröder Forst noch hoch her ging, war die Frau in 15 Metern Höhe auf einem Baum herumgeklettert. Sie soll sich gegen die Räumung des Camps "Nirgendwo" gewehrt und dabei einen Polizisten in luftiger Höhe mehrmals gegen den Kopf getreten haben. Die Staatsanwaltschaft warf ihr zunächst versuchte Tötung vor, inzwischen lautet der Vorwurf aber auf gefährliche Körperverletzung und tätlichen Angriff auf Vollstreckungsbeamte.

Vor diesem Hintergrund spreche viel dafür, dass die Frau freigelassen würde, sollte sie Angaben zu ihrer Identität machen, sagte Staatsanwalt Hauburger. "Solange der Wohnsitz der Dame allerdings unbekannt bleibt, muss das Gericht davon ausgehen, dass Fluchtgefahr besteht."

Auch am Donnerstag schwieg sie

Bei gefährlicher Körperverletzung ist eine Untersuchungshaft unüblich, sofern die Person nicht zuvor bereits polizeibekannt war, Verdunklungsgefahr oder eben Fluchtgefahr besteht. Somit hat sich die Frau ihre missliche Lage wohl selbst zuzuschreiben.

Erst am Donnerstag verpasste sie erneut eine Chance, aus der Justizvollzugsanstalt in Frankfurt freizukommen. Nachdem ihr Anwalt Tronje Döhmer einen Antrag auf Haftprüfung gestellt hatte, musste sich das Amtsgericht in Alsfeld mit ihrem Fall befassen - sah die Voraussetzungen für eine Entlassung allerdings nicht erfüllt. Denn die Beschuldigte habe ihre Personalien weiter nicht genannt, teilte das Gericht mit.

Anfang Februar erhob die Staatsanwaltschaft Anklage. Die Hauptverhandlung wird nach Angaben des Amtsgerichts voraussichtlich im Juni stattfinden. Bei gefährlicher Körperverletzung droht nach Auskunft der Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zehn Jahren.

Anwalt legte Beschwerde ein

Ihr Anwalt geht allerdings nicht davon aus, dass es zu einem so hohen Strafmaß kommen wird. "Wenn überhaupt mit einer Freiheitsstrafe zu rechnen ist, dann gehe ich davon aus, dass sie die Strafe bereits zu zwei Dritteln abgesessen hat", sagte er auf Anfrage. Die Fortdauer der Untersuchungshaft bezeichnete er als "völlig unverhältnismäßig". Seine Mandantin sei eine von vielen Demonstrantinnen gewesen und bisher nicht strafrechtlich vorbelastet.

Bei der Räumung seien außerdem "sämtliche Richtlinien außer Acht gelassen" und Menschen in Lebensgefahr gebracht worden. All dies müsse das Gericht strafmildernd berücksichtigen. Eine "Erzwingungshaft" zur Preisgabe der Personalien sei zudem im Gesetz nicht vorgesehen. Er habe deshalb sofort Beschwerde gegen den Gerichtsbeschluss eingelegt.

Die Entscheidung, ob sie ihren Namen verrate, habe er seiner Mandantin überlassen, sagte Döhmer weiter. "Diese Entscheidung wurde möglicherweise im Vorfeld gemeinsam mit den anderen Aktivisten getroffen." Eine Vielzahl vergleichbarer Fälle habe jedoch gezeigt: Sobald die Aktivisten ihre Personalien verraten hätten, seien sie sofort auf freien Fuß gesetzt worden.

Fahndung nach zweitem Aktivisten läuft weiter

Die Polizei fahndet außerdem immer noch nach einem zweiten Aktivisten, der ein hohes Holzgestell zum Einsturz gebracht hatte, das Polizisten nur knapp verfehlte. Ermittelt wird unter anderem wegen des Verdachts auf versuchten Totschlag.