Jasmin Müller: "Ich möchte kein Opfer sein. Ich bin Betroffene"

Ihr Judo-Lehrer verging sich an Jasmin Müller. Das Landgericht Frankfurt verurteilte ihn zu einer langen Haftstrafe. Bis zum Prozess hat die heute 35-Jährige die Taten verdrängt. Jetzt will sie nicht länger schweigen.

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Zu achteinhalb Jahren Haft hat das Landgericht Frankfurt Anfang des Monats einen ehemaligen Judo-Trainer verurteilt. Sven G. beging demnach in 26 Fällen schweren sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Jasmin Müller ist eine der Betroffenen. Der Prozess hat sie aufgewühlt. Als sie am Abend nach dem Urteil "Missbrauch Judo" googelt, findet sie viele Artikel, auch andere Fälle.

Dass aber überall nur vom Täter die Rede ist, macht sie wütend. Sie beschließt, sich an die Öffentlichkeit zu wenden: "Ich will Gehör finden. Ich möchte, dass alle Betroffenen Gehör finden", sagt sie.

"Da fing das dann an mit den 'Massagen'"

Die heute 35-Jährige wächst im Wetteraukreis auf, in der Nähe von Karben. Mit zehn Jahren entdeckt sie Judo für sich, ihre Schwester ist bereits im Verein. Über sie lernt Jasmin auch ihren Trainer kennen: Sven G. Er baut eine freundschaftliche Beziehung zu ihr auf. "Ich habe immer zu ihm aufgeschaut", erinnert sie sich.

Im Sommer 1997 besucht sie mit anderen Kindern aus dem Judo-Verein ein Sommerfest in seinem Haus. Plötzlich wird aus der Vertrauensperson ein Täter: "Da fing das dann an mit den 'Massagen'."

Unter diesem Vorwand habe Sven G. sich an ihr und, wie sie heute weiß, auch an anderen vergangen. Es sei immer nach dem gleichen Schema abgelaufen, erzählt sie. Massieren, umdrehen, und so weiter. Details möchte Jasmin Müller nicht noch einmal erzählen. Das habe sie schon im Prozess getan.

Aus der verlesenen Anklageschrift vor Gericht geht hervor, dass Sven G. die insgesamt zehn betroffenen Mädchen bei Massagen ausgezogen und im Intimbereich berührt habe. In einigen Fällen kam es offenbar auch zu Vergewaltigungen.

Plötzlich von den Erinnerungen eingeholt

Ihre traumatischen Erlebnisse hat Jasmin Müller bis vor einem Jahr verdrängt. Sie habe nicht gewusst, wie sie sich verhalten soll, sagt sie. Sven G. sei immer sehr hilfsbereit und mit allen im Guten gewesen. "Deshalb hatte ich auch Angst, das zu erzählen, weil ich dachte, mir glaubt eh keiner", sagt sie. Im Jahr 2019 holt die Vergangenheit sie ein.

Im Zuge der Ermittlungen gegen Sven G. kontaktiert die Polizei die Schwester. Über Umwege gelangt die Info an Jasmins Ehemann, der sie fragt, was damals vorgefallen sei. "Da habe ich gedacht, jetzt sterbe ich", sagt Jasmin Müller.

Sechs Wochen lang wie paralysiert

Schlagartig seien die Erinnerung und viele der verdrängten Missbrauchserfahrungen wieder hochgekommen. "Wie eine Lawine kam das über mich. Mein Brustkorb war wie zugeschnürt, und ich habe keine Luft mehr bekommen", sagt sie. Sechs Wochen lang ist sie wie paralysiert, kann weder arbeiten noch sich um ihre Tochter kümmern.

Sie macht ihre Aussagen bei der Polizei und sucht sich Hilfe. Zunächst bei Wildwasser, einem gemeinnützigen Verein für Betroffene von sexualisierter Gewalt. Zwei Monate später bekommt sie einen Platz bei einer Trauma-Therapeutin, die sie bis heute besucht. Das Reden wirkt befreiend: "Danach ging es mir besser."

Raus aus der Opferrolle

Das Thema sexuelle Gewalt wird Jasmin Müller ein Leben lang begleiten, das weiß sie. "Aber ich habe beschlossen, dass ich kein Opfer sein will. Ich bin eine Betroffene", sagt sie. Opfer bedeute für sie, in einer passiven Rolle zu bleiben. "Ich will ihm keine Macht mehr über mich geben", sagt sie.

"Mir ist das passiert. Es war richtig schlimm, aber jetzt kann ich darüber sprechen. Ich weiß, dass es schwer ist, das zu akzeptieren, aber man muss sich nicht schämen." Indem sie ihr Schweigen bricht, möchte Jasmin Müller anderen Betroffenen helfen und sie ermutigen. Zeigen, dass es möglich ist, mit einer solchen Erfahrung zu leben und sein Seelenheil trotzdem wieder zu finden.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 22.01.2021, 19.30 Uhr