In Argentinien gab es am 16. Juni dieses Jahres einen Blackout mit flächendeckendem Stromausfall.

Ohne Strom kämen aus dem Hahn statt Trinkwasser nur noch Tropfen, könnten Hühner in ihren Ställen ersticken und lebenswichtige medizinische Geräte ausfallen. Um das zu verhindern, werden Gegenmaßnahmen ergriffen. Aber wie gut ist Hessen wirklich vorbereitet? Und wie wahrscheinlich ist das Szenario?

Die Leuchtreklame flackert nicht unsicher, bevor sie erlischt, sie geht einfach aus. So wie die Tankstellenanzeige daneben. Der gesamte Straßenzug hört auf einen Schlag auf zu leuchten, nur die Autoscheinwerfer strahlen weiter.  Und auch die Bürotürme, die sich eben noch gegen den Nachthimmel abgezeichnet haben, verschwinden im Dunkel.

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Dieses Szenario ist fiktiv, doch Katastrophenschützer fragen sich immer wieder: Was wäre, wenn der Strom ausfällt, für ein paar Stunden, ein paar Tage, noch länger? "Wir sind in den letzten Jahren ein paar Mal haarscharf daran vorbeigeschrammt", sagt Wolfram Geier, Leiter des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). "Das Risiko für einen längeren Stromausfall ist auf jeden Fall gestiegen." Doch wie ist Hessen vorbereitet und was würde passieren? Wir proben den Ernstfall in verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft.

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Die hessenschau befasst sich einer Serie von Montag bis Sonntag täglich mit einem Blackout-Szenario für Hessen. Los geht's jeweils um 19.30 Uhr.

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Lebensmittel

60.000 Hühner, das sind die drei Ställe von Axel Strauß. An der Rückwand rühren konstant Ventilatoren vor sich hin. Bei einem Stromausfall fehlt dieser Luftaustausch. "Die Hitze und der Sauerstoffmangel, das wäre dann der Erstickungstod", sagt Strauß. Sein Stall hat deswegen Notfallklappen an der Seite. Fällt der Strom aus, werden sie per Batteriebetrieb sofort geöffnet, um den Hühnern etwas Luft zu verschaffen. Und Strauß Zeit, damit er sein mobiles Notstromaggregat an den Trecker hängen und die Ventilatoren von außen wieder zum Laufen bringen kann. Zumindest solange der Treibstoff fürs Aggregat reicht.

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Ein solches haben auch viele Supermärkte, denn ohne Kühlung würden viele Nahrungsmittel innerhalb kurzer Zeit verderben. Trotzdem: "Bei einem längeren Stromausfall würden wir sofort Probleme in der Lebensmittelversorgung kriegen", sagt Wolfram Geier vom BBK. Denn die Lebensmittel liegen in der Regel in zentralen Lagern, Lkw liefern sie "just in time" an die Supermärkte. Und dieses System funktioniert nur IT-gestützt. Vor Ort würden die Vorräte also schnell ausgehen, sagt Wolfram Geier: "Den Tante-Emma-Laden, der immer gut gefüllt ist, gibt es nicht mehr."

Krankenhaus

Operieren im Handylicht, davon tauchen aus Krisengebieten mit Stromausfällen immer wieder Videos im Internet auf. In Hessen dürfte das nicht passieren – die Kliniken sind gesetzlich verpflichtet, mit Notstromaggregaten vorzusorgen. So auch das Klinikum Darmstadt: Hier lagern große Dieselaggregate im Keller. Fällt der Strom aus, sichern sie nach 15 Sekunden die Versorgung von Beatmungsgeräten, Überwachungsmonitoren, Infusionspumpen. So wie vor einigen Jahren: Stromausfall im Klinikum, die Geräte liefen weiter. "Das hat keinen Patienten auf der Intensivstation gefährdet", berichtet Martin Welte, der Direktor der Anästhesiologie.

Das liegt auch daran, dass lebenswichtige Geräte batteriegepuffert sind: Alles, was in den roten Spezialsteckdosen steckt, läuft ohne die 15 Sekunden Unterbrechung weiter, denn Batterien liefern konstant Strom. So auch bei Patienten, die zuhause zum Beispiel auf Beatmungsgeräte angewiesen sind. Doch anders als im Krankenhaus gibt es dort keine Notstromversorgung, und die Batterien halten nur wenige Stunden. "Dort steht tatsächlich Leben auf dem Spiel", sagt Wolfram Geier vom BBK.

Verkehr

Die Ampel zeigt ohne Strom schwarz, die Autos fahren trotzdem weiter. Vorerst. Denn sind die Tanks erst einmal leer, muss neues Benzin her – die Pumpe der Tankstelle ist allerdings auch ausgefallen. "Die Treibstoffversorgung ist unsere Achillesferse bei einem längeren Stromausfall", sagt Wolfram Geier. Denn es gebe kaum notstromversorgte Tankstellen. Dabei sind das größte Problem gar nicht die Autos, sondern die Notstromaggregate. Sind deren Tanks leer, gebe es kaum Möglichkeiten, schnell an Kraftstoff zu kommen. Bahn und Frankfurter Flughafen sind hingegen mit Notstrom versorgt.

Trinkwasser

Das Wasser strömt lautlos in das unterirdische Betonbecken, ein Strudel treibt langsam dutzende Meter weit um die grauen Säulen herum. Betreten verboten, das Trinkwasser muss sauber bleiben. Das Wasserwerk in Darmstadt ist eines von 21, sie versorgen 2,2 Millionen Menschen im Rhein-Main-Gebiet. Bald soll das Wasser von hier Klos spülen, Wäsche waschen und Gläser füllen. Doch ohne Pumpen kommt es nicht weit. Sie halten Tag und Nacht den Druck in den Leitungen aufrecht. Die Stromrechnung des Wasserwerks: rund 60 Millionen Euro im Jahr.

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Um kurze Stromausfälle zu überbrücken, haben sie hier Maßnahmen ergriffen: In einem Nebengebäude brüllt im Notfall ein Dieselaggregat, mit ihm können sie in den Leitungen einen Mindestdruck sicherstellen. "In drei Tagen können wir die Grundversorgung für Darmstadt sicherstellen", erklärt Sprecher Hubert Schreiber. Dazu kommt die geografische Lage der Wassertanks: Tagsüber pumpen die Wasserwerke ihre Hochbehälter voll. Sie liegen auf Hügeln oder anderen Erhebungen in den Städten. Liegt der Wasserhahn tiefer, fließt das Wasser also automatisch.

Wirtschaft

Eine Industriehalle in Wiesbaden, gedämpftes gelbes Licht, die Maschinen rattern rund um die Uhr. Mehr als hundert Millionen Euro Umsatz setzt die AGFA im Jahr mit Druckplatten für Zeitungen und Verpackungen um. Und ohne Strom würden die Maschinen sofort still stehen. "Sie können sich vorstellen, ein paar Stunden sind ein paar hundert tausend Euro Umsatz weniger", sagt Betriebsleiter Mathias Eichhoff. Denn eine eigene Notstromversorgung gibt es hier nicht.

Auch kleinere Banken haben keine eigene Notstromversorgung, wie Wolfram Geier erklärt. Auf dem Land Bargeld aus dem Automaten ziehen: bei einem Stromausfall also eher schwierig. Größere Banken hätten aber in der Regel mit Notstromaggregaten vorgesorgt. Darüber sprechen wollen die selbst aber nicht: Alle angefragten Banken haben ein Interview aus sicherheitstechnischen Gründen abgelehnt.

Mitarbeiter bei Tennet kontrollieren den Status der Stromleitungen permanent.

Energie

Daran, dass all diese Fälle niemals eintreten, arbeiten Übertragungsnetzbetreiber wie Tennet. Von der Schaltleitung in Lehrte bei Hannover aus kontrolliert und steuert Tennet die großen Leitungen, die etwa Nord- und Mittelhessen mit Strom versorgen. Volker Weinreich sitzt vor Bildschirmen, darüber laufen unzählige Striche, Kurven und Daten. Sie zeigen den Status der Stromleitungen an, aber auch, wie viel Wind- und Sonnenenergie gerade fließt. Weinreichs wichtigste Aufgabe: die Stromfrequenz bei rund 50 Hertz halten. Zu niedrige oder zu hohe Frequenzen könnten zu einem Blackout führen.

Um das zu verhindern, muss immer wieder gegensteuert werden, denn es darf nur so viel Strom erzeugt werden, wie an anderer Stelle verbraucht wird. Also müssen Windparks oder Kohlekraftwerke mal dazu geschaltet und mal heruntergefahren werden. Diese Steuerung werde in Zeiten von immer mehr Wind- und Solarstrom schwieriger, sagt Weinreich, und dadurch steige das Risiko für Stromausfälle: "Wenn ich sage, wir müssen heute statt zwei Mal 1.500 Mal eingreifen, wäre es naiv zu sagen, das Risiko steigt nicht."

Notfallmaßnahmen

Für den Fall eines Blackouts hat das Land Hessen Rahmenempfehlungen herausgegeben, wie die Notfallversorgung geregelt wird. Vor allem die Feuerwehren spielen dabei eine wichtige Rolle. In Frankfurt hat die Feuerwehr eine Katastrophenschutzhalle, mit allem, was für mögliche Notlager gebraucht würde: Feldbetten, Kissen, Hygiene-Sets.

Besonders wichtig werden die elf Notstromaggregate. Die sind vor allem dafür gedacht, die vielen Freiwilligen Feuerwehren auszurüsten. Aus ihnen würden im Blackout-Fall so genannte Leuchtturmzentren werden, mit einer funktionierenden Heizung, mit Licht und mit Möglichkeiten, sich über die Lage zu informieren.

Denn Fernsehen, Telefonieren und im Internet Surfen wäre so schnell nicht mehr möglich. Die Alternative: ein batteriebetriebenes Radio. Denn auch der Hessische Rundfunk ist notstromversorgt – um die wichtigsten Informationen zu liefern. Das Radio steht deshalb genauso auf der Checkliste für jeden Haushalt wie Taschenlampe, Trinkwasser und Konserven.

Sendung: hr-iNFO, 22.7.2019, 6 Uhr