Tobias Almeroth im ehemaligen Frankfurter Polizeipräsidium, die Ruine einer Privatbauerei in Gießen

Eine Ruine, in der längst keine Dampflok mehr steht. Ein Kurhaus, in dem die Bäder seit langem leer sind. Diese Lost Places faszinieren Fotografen. Ein Blick hinter die Mauern von fünf großen Ruinen in Hessen.

Lost Places Tobias Almeroth in Bahnstellwerk Dillenburg

Entdecker von verlassenen Orten wie Tobias Almeroth haben einen strengen Kodex: "Nimm nichts mit außer Fotos- und hinterlasse nichts außer Fußspuren." Urban Explorer, kurz "Urbexer", wie Almeroth erforschen Bauruinen und fotografieren die Orte, die lange schon verlassen sind und längst nicht mehr ihren Zweck erfüllen: riesige Hallen wie das alte Bahnstellwerk in Dillenburg (Lahn-Dill) oder das ehemals prunkvolle Polizeipräsidium in Frankfurt.

Der hr hat Almeroth durch fünf hessische Ruinen begleitet. Überall finden sich noch Spuren der Vergangenheit, Aktenordner, eine karge Ausnüchterungszelle, Laborproben in einer verfallenen Brauerei - aber auch Folgen von Zerstörungswut und Randale. Denn nicht alle Besucher der Ruinen halten sich an den Kodex. Was aus den verlassenen und zerstörten Immobilien in Zukunft werden soll, erzählen die aktuellen Besitzer.

Das Bahnbetriebswerk in Dillenburg: Seit 40 Jahren Industrieruine

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Das alte Bahnstellwerk in Dillenburg
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Wo jahrzehntelang Dampflokomotiven im Bahnbetriebswerk standen, erobert sich die Natur das Gelände zurück. 800 Menschen arbeiteten im Bahnbetriebswerk in Dillenburg (Lahn-Dill), 1972 fuhr hier die letzte Lok ein, rund zehn Jahre später war offiziell Schluss. Übrig geblieben sind die großen Hallen auf mehreren tausend Quadratmetern Fläche, Löcher im Dach, zerborstene Fenster, Graffiti an den Wänden und junge Bäume, die sich ihren Weg durch die Lücken im Beton bahnen. Für Urban Explorer Tobias Almeroth eine Fundgrube, "definitiv obere Liga", sagt er.

Die Stadt Dillenburg hat die Immobilie 2019 ersteigert, für 155.000 Euro. "Bürgermeister träumen gerne für ihre Stadt, ich würde gerne hier ein Kulturzentrum machen", sagt Michael Lotz, Dillenburger Bürgermeister von der CDU. Die Architektur sei einmalig und habe "unglaublich viel Charme". Die Stadt will das Industriedenkmal retten, auch wenn es viel Geld kostet.


Polizeipräsidium: Herrschaftlich und heruntergekommen

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Urban Explorer Almeroth im Polizeipräsidium Frankfurt
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Frankfurts prominenteste Ruine steht unweit vom Hauptbahnhof in bester Lage. Das alte Polizeipräsidium wartet schon seit 20 Jahren darauf, wieder mit Leben gefüllt zu werden. Die gekachelten Ausnüchterungszellen sind schmucklos, die Treppenhäuser umso herrschaftlicher, Blumenornamente schmücken die Fenster. Das Hauptgebäude ist über 100 Jahre alt.

Vor zwei Jahren wurde der Komplex für 212 Millionen Euro an die Gerchgroup verkauft. Vorstand Mathias Düsterdick hat große Visionen für das Areal, das Hauptgebäude soll mit allen Details erhalten bleiben, "der Rest des Areals wird komplett neu geordnet mit einem 145 Meter hohen Turm und einer umschließenden Bebauung entlang der Straße". In Investoren-Sprache soll ein "urbanes Quartier" entstehen.

Kurhaus in Bad Wildungen: Ein Staatsbad fällt der Zerstörung zum Opfer

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Bad Wildungen Kurbad Ruine
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"Das ist so ein wunderschönes Objekt und dann wird das einfach so zerstört", sagt Lost Places-Experte Almeroth über das Kurhaus in Bad Wildungen. Auf dem Boden liegen Glassplitter, leere Getränkedosen, Türen sind zerschlagen. Die Zerstörungswut schade dem Ruf derjenigen, die versuchten, auf legalem Weg in Immobilien rein zu kommen, sagt Almeroth. Die Besitzer hätten schnell keine Lust mehr auf die Entdecker verlassener Orte.

Das Kurhaus wurde 1987 eröffnet, ein Heilbad für Gesundheit, ein Ort zum Wohlfühlen. Auch in der Ruine zeigt sich noch die aufwändige Gestaltung im Stil der 80er und 90er Jahre. In den 90ern ging es bergab für das Kurhaus, 2002 übernahm die Stadt Bad Wildungen das Kurhaus vom Land.

Auch den Bad Wildunger Bürgermeister Ralf Gutheil ärgert der Vandalismus: "Es wird ja das Eigentum aller Wildunger zerstört , was letztendlich mit den Steuergeldern aller Wildunger finanziert wird." Noch gibt es niemanden, der das Kurhaus übernehmen will, notfalls auch mit "geputzter Platte" - also einem kompletten Abriss, sagt Gutheil.

Die alte Brauerei in Gießen: Brühmalz und Löcher im Boden

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Die Ruine der alten Brauerei in Gießen
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Die Aktenschränke sind noch voll, die Stühle liegen quer, Brühmalzproben stehen auf dreckigen Tischen. 100 Jahre lang wurde hier Bier gebraut. Das Wahrzeichen der ehemaligen Privatbrauerei in Gießen ist ein 54 Meter hoher Brauturm, mit Gastronomie und bestem Ausblick. Das alles ist schon einige Jahre her.

Turm und Gebäude werden bald nicht mehr da sein, auf dem rund zweieinhalbtausend Quadratmeter großen Gelände sollen bald Hotels, Wohnungen und Büros entstehen. "Das meiste, oder fast alles, wird abgerissen und komplett neu entwickelt", sagt Projektentwickler Jochen Ahl.

Die ehemalige Disco in Wehretal: Früher Party, jetzt Gerümpel

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 Die ehemalige Disco in Wehretal: Früher Party, jetzt Gerümpel
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Manch einer kann sich noch an Partys im Lido oder im Bodai Center in Reichensachsen, einem Ortsteil von Wehretal (Werra-Meißner) erinnern. Auf der Tanzfläche türmt sich der Schrott, die Bar ist eingestaubt. Urban Explorer wie Almeroth gehen zwar gerne an solche Orte, versuchen aber, geheim zu halten, wo ihre Bilder genau entstanden sind.

In Reichensachsen hat das nicht funktioniert, seit zehn Jahren gehört das Gebäude Manfred Liese. Er lässt die Türen mittlerweile offen, weil sonst sowieso eingebrochen werde, sagt er. Liese erinnert sich, wie das war, als 1977 eine Disco mitten auf dem Land entstand: "Das war eine richtige Sensation. Wir waren damals um die 30 Jahre alt, da ging dann die Post ab bis morgens, es gab auch Schlägereien. Das war ein richtiger Magnet hier". Aus der ganzen Umgebung seien Partygäste angereist. 2005 war alles vorbei. Seitdem hofft Liese darauf, dass sich nochmal jemand traut, eine neue Disco zu eröffnen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 06.10.2020, 19.30 Uhr