Glastür mit der Aufschrift "Notaufnahme"

Die Corona-Pandemie hat einen auffälligen Nebeneffekt: Die Zahl der anderen medizinischen Notfälle sinkt – sogar die der Herzinfarkt-Patienten. Was erfreulich scheint, ist besorgniserregend.

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zum Video Corona-Krise – Einige Kliniken sind kaum belegt

hessenschau vom 09.04.2020
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Für Dr. Ole Breithardt ist es noch ein Rätsel: Warum kommen seit Beginn der Corona-Epidemie weniger Herzinfarkt-Patienten in seine Klinik, fragt sich der Chefarzt der Inneren Medizin an den Diakonie Kliniken Kassel. Der Rückgang ist jedenfalls auffällig. Breithardts Befürchtung: Patienten haben Angst, sich im Krankenhaus mit Corona anzustecken und verdrängen die Infarkt-Symptome, solange es nur geht.

In einem Fall hatte das schon schlimme Folgen. Ein Patient ignorierte erste Anzeichen eines Herzinfarkts, ging erst drei Tage später zum Hausarzt und wurde dann gleich in die "Chest Pain Unit" eingewiesen, die Station für Patienten mit Brustschmerzen der Diakonie Kliniken. Nun drohen bleibende Schäden.

Starke Indizien

Andere Krankenhäuser in Hessen berichten auf hr-Anfrage das Gleiche. Etwa das St. Josefs-Hospital in Wiesbaden. Auch dort gibt es eine Chest Pain Unit, die sich um Patienten mit typischen Infarktsymptomen wie Brustschmerz und Luftnot kümmert. Auch dort: weniger Patienten, aber dafür schwerere Verläufe. Ein starkes Indiz dafür, dass Menschen mit Herzinfarkt gewartet haben, bis es nicht mehr ging.

Festlegen will sich der Kasseler Kardiologe Breithardt mangels statistischer Belege noch nicht. Das Ausbleiben der Patienten könnte theoretisch auch andere Gründe haben, sagt er. Zum Beispiel könnte der weitgehende Stillstand des öffentlichen Lebens zu weniger Stress führen – und damit zu weniger Herzinfarkten. Auch die seit der Corona-Krise reinere Luft könne ein Faktor sein.

Bundesweites Phänomen

Auch außerhalb von Hessen berichten Kliniken von dem Phänomen - und bringen es in einen direkten Zusammenhang mit der Angst von Patienten vor Ansteckung. So beobachten die Hamburger Askleipos Kliniken laut einem Bericht des Nachrichtenmagazins Spiegel einen starken Rückgang in den zentralen Notaufnahmen. In einer Klinik sei die Zahl der Herzpatienten mindestens um die Hälfte zurückgegangen, in einer anderen noch viel stärker.

Wie viele zögernde Patienten sich genau in Gefahr brächten, werde man erst später analysieren können. Ein Neurologe erzählte vom riskanten Abwarten einer Schlaganfallpatientin. Der Frau machte weniger die Angst vor Ansteckung zu schaffen, als das Besuchsverbot in Kliniken.

112 weniger gefragt

Ein Effekt der Corona-Krise lässt sich nicht nur bei Herzinfarkten und Schlaganfällen ablesen. So wählen etwa in Frankfurt, Kassel oder Darmstadt seit Beginn der Pandemie weniger Menschen den Notruf 112 als sonst. Das berichten die dortigen Rettungsleitstellen. In Darmstadt liegt das Minus bei rund zehn Prozent, Frankfurt spricht von einem leichten Rückgang.

In den Rettungsleitstellen erklärt man sich das vor allem mit dem weitgehend gelähmten öffentlichen Leben. Es komme zu weniger Unfällen und Bränden. Corona-Notfälle dagegen spielen in den Leitstellen offenbar noch keine große Rolle. Zwar werden Verdachtsdiagnosen wie im Fall von Covid-19 dort nicht statistisch erfasst. Aber der Eindruck der Leitstellen-Mitarbeiter ist: Sie müssen im Moment nicht mehr Notrufe wegen Atemnot annehmen als sonst.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 9.4.2020, 19.30 Uhr