Ein Schild wirbt für Maskenverkauf in der Offenbacher Fußgängerzone

Corona breitet sich in Hessen weiter aus - am stärksten in Offenbach. Die Zahl der Fälle in Frankfurter Kliniken steigt allmählich. Und Gesundheitsamts-Ärzte fordern einen Strategiewechsel bei der immer öfter unmöglichen Nachverfolgung.

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hessenschau kompakt 16:45 Uhr am 14.10.2020 Thumbnails
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Die Sache wird als besonders dringend eingestuft, aus der Schalte wird daher diesmal ein persönliches Treffen: In Berlin kommen an diesem Mittwoch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Länderchefs zusammen. Gesucht wird nach einheitlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie, die gerade auch in Hessen wieder Fahrt aufgenommen hat.

Das Land wird beim Corona-Gipfel von Staatskanzleichef Axel Wintermeyer (CDU) vertreten. Die aktuellen Zahlen, die er im Gepäck hat: Binnen 24 Stunden stieg die Zahl der Neuinfektionen im Bundesland noch einmal deutlich an, um 509.

Am Vortag waren es 271 mehr Fälle gewesen. Da waren zwar 97 Frankfurter Neuinfektionen nicht aufgeführt worden. Der Trend der vergangenen Tage ist aber eindeutig - und er zeigt nach oben.

Offenbach dunkelrot

Es wurden auch wieder mehr Todesfälle als zuvor registriert: Im Zusammenhang mit Corona waren es seit Dienstag fünf weitere, wie das Robert-Koch-Institut am Mittwoch mit Stand 0 Uhr mitteilte.

Nicht auf dem Land, aber vor allem im Ballungsraum Rhein-Main gelten Warnstufen 3 und 4, orange und rot: orange für mehr als 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern innerhalb von sieben Tagen, rot für mehr als 50 neue Fälle.

Diese sogenannte Inzidenz ist in Offenbach am höchsten. Sie stieg von Dienstag auf Mittwoch noch einmal deutlich auf 84,4 an. Das bedeutet dunkelrot und höchste Alarmstufe. Hier ist laut Pandemieplan des Landes die Steuerung der Lage durch den Covid-19-Plamungsstab im Sozialministerium in Wiesbaden vorgesehen. Die Stadt erhält nun Hilfe von der Bundeswehr, Frankfurt inzwischen auch.

Oder ist es gar nicht so arg?

Das alles hat inzwischen auch wieder Folgen für die Kliniken in großen Städten. Noch immer sind zwar viele Betten frei, kein kurzfristiger Mangel an Beatmungsplätzen in Sicht. Fundamentalkritiker der staatlichen Corona-Politik wie Sucharit Bhakdi, emeritierter Epidemiologe der Uni Mainz, leiten daraus sogar immer noch den Schluss ab: Alles nicht so schlimm. "Es gibt kein Infektionsgeschehen" - so sagte Bhakdi es hr-iNFO. Man müsse nämlich nicht auf die Zahl der Infizierten schauen, sondern auf die der schweren und tödlichen Fälle. Und die sei seit langem konstant gering.

Ärzte warnen allerdings wieder vor einem drohenden Engpass in Krankenhäusern. Man bereite sich auf eine neue Welle schwer erkrankter Patienten vor, sagte die Leiterin der Abteilung Infektiologie des Uniklinikums Gießen, Susanne Herold, vor kurzem bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Nach am Mittwoch veröffentlichten Recherchen des NDR gehört auch Frankfurt zu den Großstädten mit allmählich steigender Zahl an Covid-19-Patienten auf Stationen.

Wieder mehr Klinik-Patienten

Das ergibt sich aus Daten, welche die Stadt darüber übermittelte, wie viele der gemeldeten Covid-19-Infizierten innerhalb einer Woche ins Krankenhaus kamen. Das waren zwischen Anfang Mai und Mitte September durchschnittlich weniger als zehn Prozent. Doch seitdem ist diese Zahl von zwölf Prozent in der Woche vom 14. bis 20. September auf 37 Prozent in der vergangenen Woche gestiegen.

Nur auf dem bisherigen Höhepunkt der ersten Pandemie-Welle - zwischen Ende März und Mitte April - lag diese Quote noch höher. In der Woche ab 14. September waren in Frankfurt rund 150 neue Corona-Infektionen registriert worden, Anfang Oktober waren es schon rund 500. Lange war der Anstieg der Neuinfektionen nicht mit einer Zunahme schwerer Fälle verbunden gewesen, weil sich eher jüngere Menschen ansteckten. Sie haben seltener Verläufe, die gravierende Folgen haben.

Ämter unter Stress

Angesichts der Lage können Hessens Gesundheitsämter einen erheblichen Teil der neuen Corona-Infektionen nicht mehr bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgen. Die Quote der nicht mehr nachvollziehbaren Ansteckungen lag in den vergangenen 14 Tagen je nach Kommune zwischen 29 und 76 Prozent, wie Stichproben der Deutschen Presse-Agentur bei Städten und Kreisen mit erhöhten Infektionszahlen zeigen.

In Frankfurt beispielsweise konnte - abgesehen von größeren Ausbrüchen in Einrichtungen - in weniger als der Hälfte der gemeldeten Fälle eine Person oder Situation ermittelt werden, von der die Infektion ausging. Wird eine Corona-Infektion festgestellt, versuchen die Ämter nämlich die Infektionskette nachzuvollziehen und zu unterbrechen.

"In Vernunft-Modus umschalten"

Doch angesichts steigender Infiziertenzahlen arbeiten die Behörden vielerorts am Limit. Der Verband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes kritisiert die bisherige Strategie. Jürgen Krahn, Vorstand der Verbands in Hessen, sagte: "Die Frage ist: Ist es sinnvoll, allen Verdachtsfällen nachzujagen oder wenden wir uns den kranken Leuten zu? Verbrennen wir weiter Laborkapazitäten oder schalten wir langsam in den Modus medizinischer Vernunft um und kümmern uns um die Infizierten, Kranken und Schutzbedürftigen."

Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne) hatte bei einer Pressekonferenz am Montag das Ziel genannt, die Infiziertenzahlen nach unten zu drücken, um eine Nachverfolgbarkeit von Infektionen durch die Gesundheitsämter weiter zu gewährleisten.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 14.10.2020, 16.45 Uhr