Zwei Ärzte stehen um ein Krankenbett einer Intensivstation.

Eine mathematische Prognose sagt für Hessen voraus: In wenigen Wochen könnte die bisherige Kapazitätsgrenze der Intensivstationen erreicht sein. Daran ändern auch die neuen Corona-Regeln wenig.

Videobeitrag

Video

zum Video Prognose: Belegung der Intensivbetten

Gespräch Corona hs 28.10
Ende des Videobeitrags

Wie entwickeln sich die Infektionszahlen? Und was bedeutet das für unser Gesundheitssystem? Ein Wissenschaftler-Team der Universität des Saarlandes rechnet in ihrem "Covid-Simulator" durch, wie sich die Zahlen entwickeln, und erstellt auf Basis des derzeitigen Trends Prognosen.

Für ihr Modell werten die Forscher neben Daten des Robert-Koch-Instituts und Informationen von Ministerien die Daten von über 8.000 Corona-Fällen in Krankenhäusern aus. Es zeigt, warum die Politik den aktuellen Teil-Lockdown für nötig hält: Wenn es so weitergeht wie derzeit, ist demnach in Hessen in den nächsten 14 Tagen eine Verdoppelung bis Verdreifachung der täglichen Infektionszahlen zu erwarten.

Externer Inhalt

Externen Inhalt von Datawrapper (Datengrafik) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von Datawrapper (Datengrafik). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts

Im Licht der ab Montag geltenden Einschränkungen des Alltagslebens rückt allerdings eine weitere Prognose des Modells in den Fokus: die Anzahl der für schwere Corona-Fälle benötigten Betten auf Intensivstationen. Der Teil-Shutdown ändert dabei weniger an der Vorhersage, als man denken könnte.

Derzeitige Kapazitätsgrenze Mitte November erreicht

Die Grafik zeigt die Entwicklung der Zahl der Infizierten, die so schwer erkrankt sind, dass sie auf die Intensivstation müssen - und die derzeit noch freien Kapazitäten dort. Diese Kapazitäten wären bei der derzeitigen Entwicklung in einigen Wochen verbraucht - die Krankenhäuser müssten umschichten und Notreserven mobilisieren.

Auch wenn die Zahl der Neuinfektionen infolge der neuen Einschränkungen zurückgehen sollte, komme die Welle der Schwerkranken in den Krankenhäusern mit drei bis vier Wochen Verzögerung an, rechnet Pharmazie-Professor Thorsten Lehr von der Universität des Saarlandes vor. Lehrs Forschungsgruppe hat den Covid-Simulator entwickelt.

Externer Inhalt

Externen Inhalt von Datawrapper (Datengrafik) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von Datawrapper (Datengrafik). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts

Lehr sagt: "Selbst bei einer Vollbremsung hätten wir einen Verzug von ungefähr drei bis vier Wochen, was die maximale Belegung in den Krankenhäusern angeht." Die Schwerkranken von morgen seien zum großen Teil heute schon infiziert.

Notfallreserve von über 1000 Betten in Hessen

Prognosen wie diese sorgen dafür, dass die Krankenhäuser zusätzliche Kapazitäten vorbereiten. Laut dem zentralen DIVI-Register - dem die Krankenhäuser ihre freien und belegten Intensivbetten melden müssen - haben Hessens Krankenhäuser noch eine Notfallreserve von über 1.000 Betten - wobei die Engstelle weniger die Bettenplätze sind, sondern das nötige Pflegepersonal. Weitere Kapazitäten seien in Vorbereitung, meldet das hessische Sozialministerium.

Dass das Modell nicht nur eine Entwicklung der Infektionen vorhersagt, sondern auch die Folgen, ist ein besonderer Schwerpunkt des Covid-Simulators, sagt Lehr: "Das ist natürlich eine sehr wichtige Fragestellung für das Gesundheitswesen."

"Lockdown light" wirkt nur langsam

Das Modell erlaubt es, verschiedene Handlungsvarianten durchzuspielen - auch den Fall eines "Lockdown light" hatten die Forscher simuliert, bevor die Beschlüsse der Länder bekannt wurden. Die Einschränkungen zeigen im Modell eine deutliche Wirkung. Allerdings: So explosiv sich die Infektionszahlen derzeit entwickeln, so langsam werden sie voraussichtlich wieder fallen.

Für den Wissenschaftler Lehr liegt genau darin der Wert des Modells, wie er sagt: "Es ist wichtig zu fragen: Wann ergreifen wir welche Maßnahmen?"

Weitere Informationen

Wöchentliche Prognose

Die Vorhersagen des Covid-Simulators finden sich auch in unserer Infografik-Übersicht mit den wichtigsten Zahlen und Daten für Hessen. Die Prognose wird jeden Mittwoch aktualisiert.

Ende der weiteren Informationen

Lehr spricht sich tendenziell für harte Maßnahmen aus. "Wir sollten versuchen, die Kontakte sehr stark zu beschränken. Nur dann würden wir es schaffen, relativ schnell die Zahl der Neuinfektionen wieder unter die kritische Marke zu senken."

Ähnlichkeiten zur Berechnung des R-Werts

Das Modell ist übrigens eng verwandt mit der Berechnung des R-Werts, der Reproduktionszahl, die angibt, wie viele andere Menschen eine Infizierte oder ein Infizierter rechnerisch ansteckt. Vom R-Wert lässt sich die Geschwindigkeit des Ausbreitung des Virus ablesen.

Grundsätzlich gilt: Kein Modell kann hellsehen. Die Prognose des Covid-Simulators ist abhängig von den derzeit erhobenen Daten. So berücksichtigt sie nicht, ob die Zahl der schweren Verläufe schneller ansteigt, weil sich wieder mehr Ältere anstecken.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 28.10.2020, 19.30 Uhr