Forensische Psychiatrie in Riedstadt

Ein brutaler Angriff auf eine Pflegerin in der forensischen Klinik in Riedstadt hat für großes Aufsehen gesorgt. Doch wie gefährlich ist es in der Psychiatrie wirklich? Das Land Hessen und die Klinik registrieren einen Anstieg der Gewalt im System - und führen das auf die Corona-Pandemie zurück.

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Personalknappheit in Psychiatrien - Übergriffe nehmen zu

Die Klinik für forensische Psychiatrie in Riedstadt
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Schon länger fühle er sich nicht mehr sicher an seinem Arbeitsplatz. Seit dem Vorfall im Januar habe er regelrecht Angst, berichtete ein Mitarbeiter der Psychiatrie in Riedstadt (Groß-Gerau), der anonym bleiben möchte, dem hr.

Im Januar hatte ein Patient eine Pflegerin in der forensischen Psychiatrie niedergeschlagen, anschließend trat er auf die wehrlose Frau ein. Ihr Alarmgerät hatte er zuvor gezielt zerstört, sie war dem Angreifer schutzlos ausgeliefert. Die Pflegerin erlitt schwere Gesichtsverletzungen und wird wohl auf einem Auge blind bleiben.

Ministerium registriert mehr Übergriffe

Nach Angaben des Klinikbetreibers Vitos war der Angriff der schwerste seit Bestehen der forensischen Kliniken in Hessen - also seit 1977. Ein "Einzelfall", wie Vitos beteuerte. Auch wenn solch schwere Angriffe in der forensischen Psychiatrie - die sich der Behandlung gewalttätiger Straftäter widmet - tatsächlich nicht an der Tagesordnung sind, steht der Vorfall von Riedstadt doch exemplarisch für eine gefährliche Entwicklung.

Ständig gebe es Übergriffe auf das Personal, schilderte der Mitarbeiter. Eine Behauptung, die von offizieller Seite gestützt wird. In den letzten Jahren habe es tatsächlich "eine Zunahme tätlicher Angriffe" in hessischen forensischen Kliniken gegeben, teilte das zuständige Sozialministerium auf Anfrage des hr mit. Konkrete Zahlen nannte es nicht. Als Grund gab das Ministerium die kontinuierlich steigenden Belegungszahlen im Maßregelvollzug an.

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Was ist eine forensische Psychiatrie?

Wenn psychisch kranke oder suchtkranke Straftäter von einem Gericht entweder als "vermindert schuldfähig" oder "schuldunfähig" eingestuft werden, landen sie in der Regel in einer Klinik für forensische Psychiatrie. In der Klilnik in Riedstadt werden vornehmlich psychisch kranke Gewalttäter untergebracht. Da es sich um gefährliche Straftäter handelt, müssen diese Kliniken einen hohen Sicherheitsstandard gewährleisten.

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Mehr Gewalt durch Corona

Eine Entwicklung, die auch der Riedstädter Klinikleiter Walter Schmidbauer beobachtet und die in seinen Augen durch die Corona-Pandemie noch deutlicher geworden ist. "Seit Beginn der Pandemie haben wir im Maßregelvollzug einen massiven Anstieg der Belegung. Wir stehen unter einem enormen Belegungsdruck", sagte Schmidbauer im Gespräch mit dem hr.

Das resultiere daher, dass in der Pandemie unter anderem wegen Kontaktbeschränkungen, Lockdowns und Personalmangels die Behandlung von psychisch kranken Patienten im Alltag oft nicht adäquat gewährleistet werden konnte. "Deswegen kam und kommt es bei psychisch Kranken vermehrt zu aggressivem und gewalttätigem Verhalten", schilderte Schmidbauer. Das sorge wiederum für eine Anstieg psychisch kranker Straftäter. Und die landen dann auch in seiner Klinik.

Auch das Ministerium hat in der Pandemie ein "höheres Aggressionspotential" bei psychisch Kranken beobachtet und führt dies zusätzlich auf Einschränkungen bei Besuchsmöglichkeiten oder bei Möglichkeiten des Ausgangs oder Lockerungen im Maßregelvollzug zurück. Verschärft werde die Situation durch pandemiebedingten Personalmangel aufgrund von krankheitsbedingten Ausfällen und Quarantänemaßnahmen.

Klinik engagiert Sicherheitsdienst

Das mache sich auch an seiner Klinik bemerkbar, sagte Schmidbauer. Zwar stoße seine Einrichtung noch nicht ganz an ihre Kapazitätsgrenzen, allerdings stehe nicht mehr genug Personal zur Verfügung, um die Sicherheit aller Beteiligten zu gewährleisten. Deswegen hat die Klinik in einigen Bereichen bereits einen externen Sicherheitsdienst engagiert.

Doch die Zusammenarbeit zwischen Personal und Sicherheitsdienst sei unter diesen Bedingungen nicht immer einfach, es fehle schlicht die Zeit zur Einarbeitung. "Normalerweise bereiten wir uns rechtzeitig auf ankommende Patienten vor. Aufgrund des Belegungsdrucks ist es aktuell aber so, dass die Patienten schon da sind und wir das Personal hinterherschieben", sagte Schmidbauer. Das gehe auf Kosten der Sicherheit.

Personalmangel verschärft Situation

Schmidbauer ist der Ansicht, dass sich die Situation mit mehr geschultem Personal deutlich entspannen ließe. Doch an eben jenem mangelt es derzeit massiv.

Die Klinik in Riedstadt versucht dem Personalmangel mit guten Ausbildungsangeboten zu begegnen. "Bei uns werden die Pflegekräfte sowohl fachlich als auch hinsichtlich Deeskalation gut ausgebildet und geschult", sagte Schmidbauer. Anwerbungsversuche der Klinik seien zuletzt "mäßig erfolgreich" verlaufen, was der Leiter auch auf die besonderen Anforderungen zurückführt.

"Jedem, der bei uns arbeitet, muss bewusst sein, dass wir es hier mit gerichtlich festgestellten gewalttätigen Straftätern zu tun haben", sagte Schmidbauer. Das entspricht nicht gerade den Vorstellungen von einem harmonischen Arbeitsumfeld. Der brutale Angriff gegen die Pflegerin dürfte zusätzlich abschreckend wirken. "Aus diesem Teufelskreis kommt man so leicht nicht raus."

Gewerkschaft sieht "angespannte Personalsituation"

Auch die Gewerkschaft Verdi erkennt in der hessischen Psychiatrie "eine angespannte Personalsituation", wie Fachbereichssekretär Armin Löw dem hr sagte. Die habe es aber auch schon vor der Pandemie gegeben. Die Folge seien schwierige Situationen für das arbeitende Personal und die Patienten. In Ballungsräumen wie dem Rhein-Main-Gebiet sei der Kampf um Fachkräfte zudem groß. "Die verschiedenen Bereiche nehmen sich die Arbeitskräfte sozusagen gegenseitig weg."

Am Abend des Angriffs auf die Pflegerin war die Station nach Angaben des Klinikleiters aber voll besetzt, dennoch kam es zu dem Gewaltausbruch. Das zeige, dass der Beruf einfach eine gewisse Gefährdung mit sich bringe, so Schmidbauer: "Der Zweispalt zwischen Sicherheitsbedürfnis auf der einen und Gefährdung auf der anderen Seite lässt sich bei uns nicht gänzlich auflösen."

Grundsätzlich sei es mit mehr Personal aber besser möglich, sich auf die Bedürfnisse der Patienten und die konkreten Gefahren einzustellen - und somit für mehr Sicherheit zu sorgen. Dann könnte auch der Mitarbeiter in Riedstadt wieder ohne Angst zur Arbeit gehen.

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