Klinikum Wetzlar, Journalisten befragen Gesundheitsminister Klose.

Nun hat Hessen den ersten Corona-Fall: Dem Mann aus Wetzlar geht es offenbar gut, Ministerium und Landkreis freuen sich über funktionierende Notfallpläne. Die werden gewiss noch häufiger gebraucht.

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Gesundheitsminister informiert über hessischen Coranavirus-Fall
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Das Coronavirus ist ganz offensichtlich angekommen im Klinikum Wetzlar, oben auf dem Hügel über der Innenstadt. Direkt hinter der Drehtür am Eingang sitzt vor einer blauen Stellwand eine Klinikmitarbeiterin am Infotisch, vor sich Flyer auf Deutsch, Englisch, Russisch und Türkisch.

Sie beantwortet allgemeine Fragen zum Virus - wie es übertragen wird und dass Händewaschen wichtig ist, solche Dinge. Über den 31-Jährigen, der am späten Donnerstagabend positiv auf das Virus getestet wurde, als erster in Hessen, und der hier auf der Isolierstation liegt, sagt sie nichts.

"Die Maßnahmen greifen alle"

Das tun an diesem Freitag andere, im kurzerhand zum Presseraum umfunktionierten Plenarsaal des Lahn-Dill-Kreistags unten im Tal. Keine zwölf Stunden ist es her, seit die Marburger Uniklinik den Kreis über die positive Probe informiert hat. Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) ist gekommen, dazu Landrat Wolfgang Schuster (SPD), die Leiterin des Gesundheitsamts Gisela Ballmann und der Marburger Virologe Stephan Becker. Ihre Botschaft: Dem Mann geht es gut, und die Behörden haben alles im Griff.

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Hotline zum Coronavirus

Das hessische Sozialministerium hat eine Hotline zum Coronavirus eingerichtet. Sie ist montags bis freitags zwischen 8 und 20 Uhr unter der Nummer 0800-5554666 erreichbar.

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"Die Maßnahmen, die wir ergriffen haben, greifen alle", sagt Klose: "Es ist hier alles beispielhaft gut abgelaufen, genau so, wie wir uns das vorstellen." Schuster ergänzt: "Der Patient hat alles richtig gemacht." Der Mann, der in Wetzlar lebt und im benachbarten Hüttenberg arbeitet, habe sich beim Gesundheitsamt gemeldet, nachdem er von einer Italien-Reise in die Lombardei zurückgekehrt war. Er habe nun "milde grippeähnliche Symptome". Sein Gesundheitszustand sei stabil.

Mit mindestens 20 Personen hatte der Mann Kontakt

"Sehr gut" sei das alles gelaufen, findet auch Virologe Becker, "sehr professionell und sehr schnell". Der Forscher, der am Marburger Uniklinikum an einem Impfstoff gegen das Virus arbeitet, stellt aber auch klar: "Es ist der Erste, aber höchstwahrscheinlich nicht der Letzte." Dafür spricht allein, dass der Mann seit seiner Rückkehr aus der Lombardei schon mit mindestens 20 Personen direkt Kontakt hatte, wie Gesundheitsamtleiterin Ballmann berichtet. Das Amt habe alle gebeten, bis auf Weiteres zu Hause zu bleiben.

Den Kollegen des 31-Jährigen musste das zu dem Zeitpunkt aber ohnehin niemand mehr sagen. Das hatte schon sein Arbeitgeber, ein Zwölf-Personen-Betrieb in Hüttenberg, in der Nacht zu Freitag übernommen, direkt nachdem der Patient den Geschäftsführer über den positiven Test informiert hatte. Die Firma bleibt vorerst geschlossen.

Test musste offenbar wiederholt werden

Die Frau des Geschäftsführers berichtet dem hr, dass der 31-Jährige nicht wie vom Gesundheitsamt berichtet geschäftlich, sondern privat in Italien gewesen sei. "Wir wussten nicht, dass er dorthin fliegen wollte." Vor der Rückreise am Sonntag habe der Mann einen Abstrich am Flughafen machen lassen, der sei negativ gewesen. "Er hat das am Montag in der Firma erzählt. Am Dienstagmorgen hat ihn dann mein Mann gebeten, trotzdem nach Hause zu gehen und sich nochmal testen zu lassen." Zu der Zeit habe der Mann keinerlei Symptome gehabt.

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Ticker zum Corona-Virus in Hessen

In unserem Ticker berichten wir über die aktuellen Entwicklungen rund um den ersten Corona-Fall in Hessen.

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Daraufhin habe der 31-Jährige erfolglos versucht, in Erfahrung zu bringen, was er jetzt tun soll. Die Frau sagt, er habe es offenbar beim Gesundheitsamt, Robert-Koch-Institut und Hausarzt probiert, aber bis Donnerstag keinen Erfolg gehabt. Die Pressestelle des Lahn-Dill-Kreises stellt klar: Der Mann sei bereits am Mittwoch getestet worden, da habe es aber die Probe nicht mehr rechtzeitig ins Labor nach Marburg geschafft. Daher habe man den Test am Donnerstagvormittag wiederholt. Der Mann sei zu der Zeit aber bereits in häuslicher Quarantäne gewesen.

"Hände waschen. Seife tötet das Virus"

Nun kontaktiert das Gesundheitsamt möglichst alle Menschen, mit denen der Mann vorher Kontakt hatte. Diese sogenannten Kategorie-1-Kontakte rufen die Behörden anschließend zwei Mal am Tag an und fragen nach ihrem Befinden. Sobald sie Symptome der Krankheit haben - zum Beispiel Fieber oder Schnupfen - werden sie getestet. Vorher sei keine seriöse Überprüfung sinnvoll.

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Zum Artikel auf hr-inforadio.de Prof. Stephan Becker – Leiter des Instituts für Virologie der Uni Marburg über das Coronavirus

Stephan Becker
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Virologe Becker weist jedoch darauf hin, "dass sich das neue Virus sehr leicht überträgt - beim Sprechen, Niesen oder Husten." Das liege daran, dass es in den oberen Atemwegen gebildet werde, und das mache die Situation so schwierig. "Wir sehen zum ersten Mal bei diesem Virus, dass das auch Leute übertragen können, die noch nicht erkrankt sind." Gleichzeitig bedeute das auch, dass die Krankheit in den meisten Fällen mild verläuft.

Christine Ballmann appelliert an die Grundtugenden: "Ich sage das jetzt, und ich sage das jedes Jahr bei Influenza: Nicht weit in den Raum niesen, sondern in die Armbeuge oder ein Taschentuch, und das Taschentuch danach wegwerfen. Von stark verschnupften Menschen beim Einkaufen Abstand halten. Und: Hände waschen. Seife tötet das Virus." Und auch sie wirbt um Vertrauen: "Wir haben die Schweinegrippe hinter uns gebracht und H1N1 und Q-Fieber. So ein bisschen, denke ich, verstehen wir unser Geschäft."

Sendung: hr-fernsehen, hessen extra, 28.02.2020, 9.55