Die Söhne von Walter Lübcke Jan-Hendrik (vorne) und Christoph betreten den Gerichssaal.

Im Prozess um den Mord an Walter Lübcke hat dessen Sohn Jan-Hendrik darüber berichtet, wie er die Leiche seines Vaters fand. Zuvor war einer der Anwälte des Angeklagten Stephan Ernst auf dessen Antrag hin abberufen worden.

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Im Prozess um den gewaltsamen Tod des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke vor dem Frankfurter Oberlandesgericht sagte am Dienstag der jüngere der beiden Söhne Lübckes, Jan-Hendrik Lübcke, aus. Er schilderte, wie er seinen Vater in der Tatnacht auf der Terrasse des elterlichen Hauses auffand.

Er habe zunächst gedacht, sein Vater sei eingeschlafen, berichtete der 30-Jährige. Als Lübcke auf Ansprache und Berührungen nicht reagierte, habe er einen medizinischen Notfall, möglicherweise einen Herzinfarkt vermutet. Auf Anweisung des Notrufs habe er seinen Vater aus dem Sessel gehoben, in dem dieser saß, und bis zum Eintreffen des Rettungswagens reanimiert.

"Nicht klar, woher das Blut kam"

Zwar hätten sowohl das Rettungsteam als auch die herbeigeeilten Familienmitglieder noch während der Wiederbelebungsversuche Blut am Körper Lübckes und auf der Terrasse bemerkt, sich jedoch nicht erklären können, woher dieses kam. Nach 40 Minuten sei Lübcke auf Drängen der Familie in das Krankenhaus Wolfhagen (Kassel) gebracht worden, wo der Tod festgestellt wurde. Erst nach einer zweiten Untersuchung durch einen Arzt sei festgestellt worden, dass sich "ein Gegenstand" in Lübckes Kopf befinde.

In einem Obduktionsgutachten, das am Dienstag verlesen wurde, kommt der Leiter des rechtsmedizinischen Instituts Gießen, Reinhard Dettmeyer, zu dem Schluss, dass Lübckes Leichnam keine Hinweise auf eine tätliche Auseinandersetzung aufwies. Die Schussverletzung deute zudem auf einen "relativen Nahschuss" hin. Das bedeute, dass der Kasseler Regierungspräsident aus einer Entfernung von 30 Zentimetern bis zwei Metern erschossen worden sei.

Die Familie leide auch mehr als ein Jahr nach der Tat noch unter den Nachwirkungen. "Wir werden nie damit fertig werden, was uns, was unserem Vater angetan wurde", erklärte Jan-Hendrik Lübcke. So seien er und sein älterer Bruder Christoph, mit dem er gemeinsam eine Photovoltaik-Firma betreibt, immer noch "nur bedingt" arbeitsfähig. Noch schlimmer getroffen habe die Tat seine Mutter, die mit Walter Lübcke fast 40 Jahre verheiratet war.

Rechtsanwalt nach Eklat abberufen

Zu Beginn des siebten Verhandlungstages war am Dienstag einer der beiden Verteidiger des Hauptangeklagten Stephan Ernst abberufen worden. Die Zerrüttung des Vertrauensverhältnisses zwischen Ernst und dem Anwalt Frank Hannig sei nachvollziehbar, erklärte das Gericht. Die Entpflichtung hatte Ernst am Montag nach einem Eklat im Gerichtssaal beantragt.

Hannig hatte ohne Absprache mit Ernst und dem zweiten Verteidiger Mustafa Kaplan diverse Anträge gestellt - darunter auch einen Antrag, in dem es um einen angeblichen Einbruch ins Kasseler Regierungspräsidium kurz nach Lübckes Tod ging. Dabei wurde angedeutet, dass Lübcke und seine Söhne in krumme Geschäfte verwickelt gewesen seien.

Richter: "Gequirlter Unsinn"

Sowohl Ernst als auch Verteidiger Kaplan distanzierten sich davon. Der Vorsitzende Richter sprach von "gequirltem Unsinn". Ernst bat im Anschluss um die Entpflichtung von Rechtsanwalt Hannig.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 28.07.2020, 20.15 Uhr