So soll es aussehen, wenn ClearSpace-1 das erste Schrottteil im Weltall aufsammelt.

Make europäische Raumfahrt great again! Das ist das Ziel des neuen ESA-Chefs Josef Aschbacher. Neben Mars- und Mond-Missionen setzt er auf die erste Weltraum-Müllabfuhr. Hierbei spielt Darmstadt eine große Rolle.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Der neue ESA-Chef hat große Pläne

Josef Aschbacher, der neue Generaldirektor der ESA
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Der Weltraum: Unendliche Weiten, unerforschte Galaxien – und ganz viel Schrott. Rund 8.500 Tonnen Weltraummüll rasen derzeit mit Geschwindigkeiten von bis zu zehntausend Kilometern pro Stunde durch den Erdorbit und stellen eine große Gefahr für funktionierende Satelliten dar. Deswegen ist klar: Der Müll muss weg. Die Europäische Weltraumagentur ESA will bei der orbitalen Müllbeseitigung globale Vorreiterin sein. Der Standort Darmstadt soll bei diesen Plänen eine zentrale Rolle spielen.

Dem neuen ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher mangelt es nicht an Visionen. Mittels seiner kürzlich vorgestellten "Agenda 2025" will der Österreicher Europa näher heranführen an die großen Weltraum-Mächte USA, China und Russland, wie er bei seinem Antrittsbesuch im Darmstädter Satellitenkontrollzentrum ESOC in Darmstadt dem hr verrät. Er träumt von Mond-Missionen und Europäern auf dem Mars. Sein Credo lautet: "Die europäische Raumfahrt muss wieder mehr in die Schlagzeilen."

Die greifbarste – und durchaus schlagzeilenträchtige – Vision Aschbachers ist dabei wohl die Etablierung einer Weltraum-Müllabfuhr. Sein Ziel: Die ESA soll bis 2030 mehr Schrott aus dem Weltall entfernen als sie produziert. "Wir müssen verhindern, dass das Weltall zum Schrottplatz wird." Das Sicherheitsprogramm "Space Safety and Security", das auch die Müllbeseitigung beinhaltet, will Aschbacher deswegen stark ausbauen.

Darmstadt steuert erstes "Weltraum-Müllauto"

An diesem Punkt kommt Darmstadt ins Spiel. Das "Space Safety and Security"-Programm wird seit eh und je im ESOC betreut. Bereits seit einigen Monaten arbeiten die Darmstädter Satelliten-Spezialisten an der sogenannten "ClearSpace-1-Mission": Zusammen mit einem Schweizer Industriekonsortium entwickelt das ESOC eine Art Müllauto fürs Weltall.

"Wir starten die weltweit erste aktive Weltraummüll-Rückholaktion", erklärt ESOC-Chef Rolf Densing dem hr. "Wir fliegen mit einer Art Tintenfisch los. Das ist eine Sonde mit Tentakeln, womit wir den Weltraummüll und ausgediente Satelliten einsammeln wollen." Der Start von "ClearSpace-1" ist für 2025 geplant, die Mission wird dann von Darmstadt aus gesteuert. "Damit können wir einen großen Beitrag zur Agenda 2025 leisten", so Densing.

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Grafik: ClearSpace-1 in Aktion
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Im ersten Anlauf soll ein rund 100 Kilogramm schweres Schrottteil einer Vega-Trägerrakete angesteuert werden, die die ESA 2013 ins Weltall geschossen hatte. Zusammen mit dem Teil soll der Weltraum-Tintenfisch dann kontrolliert in der Erdatmosphäre verglühen. Kosten wird die Mission rund 120 Millionen Euro, die ESA steuert 86 Millionen Euro bei, der Rest kommt vom Schweizer Konsortium.

Aschbacher hofft auf Nachahmer

Aschbacher sieht das Pilotprojekt als eine Art Initialzündung, sie soll einem zukünftigen Markt den Weg ebnen. "Wir wollen Vorbild sein und andere dazu bewegen, mitzumachen", hofft der 58-Jährige auf möglichst viele Nachahmer.

ESOC-Chef Densing denkt noch einen Schritt weiter: "Wir wollen einen Reparatursatelliten bauen, der etwa Teile an defekten Satelliten anbringen kann." So soll es möglich werden, den Wert der oft millionenschweren Raumflugkörper länger zu erhalten und somit Kosten zu sparen. Zudem will Densing die derzeit noch manuelle Auswertung der Kollisionswarnung automatisieren: "Da muss künstliche Intelligenz rein." Einen Zeitplan gibt es noch nicht, doch Densing ist sich sicher: "Die Agenda 2025 unterstützt diese Vorhaben."

Um die Dringlichkeit zu unterstreichen, nennt die ESA erstaunliche Zahlen: Schon jetzt schwirrten rund 30.000 Objekte mit einer Größe von mehr als zehn Zentimetern Durchmesser durch die Erdumlaufbahn. Oberhalb einer Größe von einem Zentimeter Durchmesser seien es fast eine Million, und zähle man auch die ganz kleinen Fragmente dazu, käme man auf über 150 Millionen Schrottteilchen.

"Elon Musk verändert das Bild dramatisch"

Und die Menge wächst stetig. Sowohl Aschenbacher als auch Densing führen hier gerne das "SpaceX"-Projekt von Tesla-Chef Elon Musk als Sinnbild für künftige Entwicklungen an. Aktuell befinden sich bereits 1.400 SpaceX-Satelliten im All, bis zu 12.000 sollen es werden. "Musk verändert das Bild dramatisch", sagt Densing. Aber vielleicht nimmt sich der Multimilliardär ja ein Beispiel an den Darmstädter Müll-Pionieren und baut künftig eigene Weltraum-Tintenfische.

Sendung: hr-iNFO, 12.04.2021, 16.23 Uhr