Mitarbeiter der Hausverwaltung tragen den Mietern in der Maintaler Goethestraße 136 derzeit ihre Einkaufe in die Wohnung

Mütter schleppen weinende Kinder über viele Etagen durchs Treppenhaus. Gehbehinderte Rentner überlegen, in den Keller zu ziehen: Die defekten Aufzüge in einem Hochhaus in Maintal lassen die Bewohner verzweifeln. Jetzt bietet die Hausverwaltung recht unorthodoxe Hilfe.

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hessenschau kompakt - 16:45 Uhr
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"Huch, so langsam bleibt mir die Luft weg", sagt Kathrin Wagner-Hellriegel. Dabei sind es noch drei Stockwerke bis zu ihrer Wohnung im neunten. Oben angekommen, ist die 53-Jährige "völlig fertig". In dem 17-stöckigen Hochhaus in der Maintaler Goethestraße 138 funktioniert kein Aufzug. Vor Monaten sei der erste ausgefallen, nun auch der zweite. Seit Tagen müssen alle Bewohner Treppen steigen.

Darunter Mütter mit Kinderwagen und viele ältere Menschen, auch solche mit Rollator. 119 Wohnungen gibt es in dem Hochhaus. "Wir brauchen unbedingt wieder einen Aufzug", sagt Nachbarin Mina Barzashka, die gerade ihre 18 Monate alte Tochter neun Etagen heruntergetragen hat. "Ich bin völlig durchgeschwitzt", sagt die Mutter. Besonders schwierig sei es, wenn die Kleine auch noch anfange zu weinen.

"Das ist die reinste Freiheitsberaubung"

Ende Juni hatte sich Wagner-Hellriegel bereits in einem Schreiben an die Hausverwaltung Deutsche Wohnen über den defekten ersten Fahrstuhl beklagt. Die erforderlichen Ersatzteile seien bestellt, deren Einbau erfolge in den kommenden vier Wochen, antwortete die Hausverwaltung in einem Brief.

Doch daraus wurde nichts. Stattdessen fiel nun auch der verbliebene zweite Fahrstuhl aus. Die Hotline der Deutsche Wohnen versprach ihr einen Aushang im Hausflur, auf dem stehen werde, wie es weitergeht. "Ich bin fassungslos", sagt Wagner-Hellriegel.

Ziemlich fertig nach dem Treppensteigen: Bewohner des Hochhauses in der Maintaler Goethestraße 138

Klaus Hieke aus dem 12. Stock versuchte nach dem Totalausfall der Fahrstühle drei Tage nicht einzukaufen. Den Abstieg über die 192 Stufen wollte er möglichst vermeiden. Dann waren die Vorräte aufgebraucht. "Beim Runterlaufen hat es mir fast den Fuß auseinandergerissen", sagt er. Der Rentner leidet unter Arthrose, eigentlich soll er demnächst operiert werden. Jetzt denkt er darüber nach, die Operation abzusagen. "Ich habe auch schon überlegt, in den Keller zu ziehen", sagt er.

Es gebe Bewohner, die seien gefangen in ihrer Wohnung, sagt Nachbarin Regine Krieger aus dem 10. Stock. "Das ist die reinste Freiheitsberaubung." Sie selbst gehe auch kaum noch einkaufen. "Man schränkt sich total ein." Nach zwei Hüftoperationen fällt ihr das Laufen noch schwer.

34 Stühle und Mitarbeiter, die Einkäufe tragen

Doch nach Tagen des Betriebsausfalls gibt es jetzt eine neue Entwicklung in dem Fall: Auf hr-Nachfrage teilte die Deutsche Wohnen am Montag mit. "Wir wissen, dass das für unsere Mieter eine schwierige Situation ist und entschuldigen uns für den Ausfall. Wir versuchen alles, um ihnen die Lage so erträglich wie möglich zu gestalten", teilte Unternehmenssprecher Marko Rosteck mit.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Hausverwaltung trägt Mietern Einkaufstüten in die Wohnung

Keine funktionierenden Aufzüge gibt es derzeit in einem Maintaler Hochhaus
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Die Lösung sieht so aus: Solange der zweite Fahrstuhl defekt ist, werden Mitarbeiter der Hausverwaltung den Mietern ihre Hilfe anbieten. In der Zeit von 7 Uhr bis 18 Uhr tragen sie so beispielsweise Einkaufstüten durchs Treppenhaus und in die Wohnungen. Auch an die Randzeiten der neuen Dienstleistung scheint gedacht: Um auf den einzelnen Etagen Pause machen zu können, werden 34 Stühle im Gang aufgestellt.

Derzeit ohne Aufzug, aber mit Stühlen im Gang: Hochhaus in Maintal

So richtig freuen kann sich Bewohnerin Kathrin Wagner-Hellriegel über die neuen Helfer trotzdem nicht: "Ich habe mehrere Tüten im Auto und muss dann trotzdem mehrmals runterlaufen, um den Kofferraum aufzuschließen."

Wann genau die Aufzüge wieder fahren, ist weiter unklar. "Aufgrund der aktuellen Marktlage sind Fachfirmen kurzfristig kaum zu bekommen", sagt Rosteck. Die Erneuerung des ersten Fahrstuhls könne nicht vor Anfang März 2020 erfolgen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 10.12.2019, 16.45 Uhr