Militärfahrzeuge, die durch Deutschland fahren

Die US-Militärübung "Defender Europe 2020" ist auch in Hessen spürbar: Armeematerialien werden wochenlang durchs Land transportiert. Es sind bereits Proteste angekündigt. Fragen und Antworten.

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Lange Militärkonvois, Panzer und Soldaten auf den Straßen: An diesen Anblick müssen sich die Hessen in den kommenden Wochen gewöhnen. Die US-Armee übt bis Ende Mai mit dem Manöver "Defender Europe 2020" die Verlegung von Truppen aus den USA nach Polen und ins Baltikum. Deutschland wird die logistische Drehscheibe bei der Übung sein.

Um was geht es bei "Defender Europe 2020"?

Geplant ist die umfangreichste Truppenverlegung aus den USA nach Europa in den vergangenen 25 Jahren, wie die US-Streitkräfte mitteilten. Bei der Großübung, die bis Ende Mai angesetzt ist, sollen rund 20.000 Soldaten von Amerika quer durch Deutschland nach Osteuropa verlegt werden, um für Krisenfälle gewappnet zu sein. Darüber hinaus sind weitere Übungen in Deutschland, Polen, Georgien und im Baltikum geplant, so dass insgesamt 37.000 Soldaten beteiligt sein werden.

Bei der Übung will die US Army trainieren, wie Einheiten schnell verlegt werden und zusammenarbeiten. "Diese Fähigkeit ist wichtig, um kurzfristig Stärke zeigen zu können. Unsere Einsatzbereitschaft beruhigt unsere Alliierten und schreckt mögliche Gegner ab", erklärt der kommandierende General der US-Streitkräfte in Europa, Christopher G. Cavoli. Insgesamt beteiligen sich 19 Staaten an der Großübung.

Was passiert in Hessen?

Die Bundeswehr transportiert die Materialien der US-Armee seit Montagnacht einen Monat lang mit Lastwagen vom US-Depot in Mannheim zum Bundeswehr-Standort Fritzlar (Schwalm-Eder). Bei den nächtlichen Fahrten sollen fünf mit Containern beladene Lastwagen pro Stunde unterwegs sein - auch bepackt mit alltäglichen Dingen. Die Kaserne in Fritzlar sowie eine US-Liegenschaft in Wiesbaden-Erbenheim sind als Rastraum für militärische Transporte vorgesehen. Von dort bringen US-Soldaten und Briten die Materialien weiter nach Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. In Niedersachsen ist ein großer Militärstandort, an dem 5.000 Soldaten üben werden.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Das größte Nato-Manöver seit dem Kalten Krieg

Defender-Schild an Kaserne in Fritzlar
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Mit Blick auf diese Transportroute dürften die Regionen Darmstadt, Wiesbaden, Frankfurt, Gießen, Kassel und Bad Hersfeld von den Fahrten betroffen sein. Das teilte die Staatskanzlei auf eine Anfrage der Fraktion der Linken im Landtag mit. Als "potenziell betroffen" von der Übung nannte sie die Landkreise Marburg-Biedenkopf, Schwalm-Eder, Hersfeld-Rotenburg und Bergstraße.

Die US-Truppen selbst sollen zwischen April und Mai mit Unterstützung der Bundeswehr durch Deutschland ziehen. Die Bundeswehr stellt dafür rund 1.500 Soldaten bereit. Zudem beteiligt sich die Bundeswehr mit bis zu 4.000 Soldaten an den eigentlichen Manövern.

Ist der Flughafen Frankfurt betroffen?

Die Hauptübung mit zirka 32.000 Soldaten aller Nato-Verbündeten wird in Polen stattfinden. Die meisten US-Soldaten, die an "Defender Europe 2020" teilnehmen, landen deshalb in Hamburg. Ein paar tausend US-Streitkräfte werden aber auch auf dem Frankfurter Flughafen ankommen. Für die Verlegung von Truppenteilen per Luft könnte auch der Flugplatz des US-Army-Standorts in Wiesbaden-Erbenheim dienen.

Werden die Bürger etwas davon mitbekommen?

Die Übung werde deutlich sichtbar sein, kündigt die Bundeswehr auf ihrer Internetseite an. Der Großteil der US-Soldaten werde aus Amerika mitsamt Material und Fahrzeugen in Westeuropa ankommen und danach durch zehn Länder gen Osten fahren. Die etwa 4.000 Kilometern langen Konvoi-Routen seien eine große Wegstrecke für eine Übung.

Nicht nur Soldaten werden von West nach Ost gebracht, sondern auch Panzer, Jeeps und anderes schweres Gerät. Nach Angaben der Staatskanzlei werden unter anderem 8.600 Radfahrzeuge und 1.100 Kettenfahrzeuge aus Nordamerika eingeschifft oder eingeflogen. Das bedeutet, dass es immer wieder lange Militärkonvois auf den Straßen geben wird und schwer beladene Sonderzüge, die auch durch hessische Bahnhöfe rattern.

Hessen gehört allerdings nicht zu den Hauptrouten der US-Streitkräfte in Deutschland. Diese führen über Aachen, Dortmund, Hannover, Berlin und Frankfurt (Oder) sowie von Bremerhaven über Hamburg und Berlin nach Stettin. Weiter südlich soll es zudem über Mannheim und Dresden in Richtung Görlitz und dort über die Grenze gehen. 

Kommt es zu Verkehrsbehinderungen?

In Hessen wird Material sowohl auf den Schienen als auch auf der Straße transportiert, berichtete die Staatskanzlei. Dies könnte zu vorübergehenden Verzögerungen führen. "Straßen- als auch Schienentransporte werden weitgehend außerhalb der Hauptverkehrszeiten geplant. Darüber hinaus wird dem zivilen Personen- und Güterverkehr Vorrang gewährt", heißt es aus Wiesbaden. Nach Aussage des europäischen Hauptquartiers der US-Armee wird es während der Osterfeiertage sowie in den Osterferien keine Truppenbewegungen geben.

Der stellvertretende Kommandeur der US Army Europe, Major General Andrew Rohling, versichert, dass der Großteil der Transporte zwischen 22 und 6 Uhr erfolgen wird, um die Belastung für die Bevölkerung zu minimieren.

Gibt es Kritik an "Defender"?

Die Militärübung ist umstritten und wird von Kritikern als Provokation gegenüber Russland verstanden. In Hessen kommt Kritik an der Übung etwa von der Linken. "Ob ein solches Säbelrasseln zu mehr Sicherheit beiträgt, darf bezweifelt werden", sagt der Abgeordnete Jan Schalauske: "Im Gegenteil ist eher zu befürchten, dass durch solche Manöver die Kriegsgefahr in Europa wachsen könnte."

Der SPD-Abgeordnete Günter Rudolph sagte dem hr, seine Partei erwarte einen "angemessenen Umgang in der Durchführung dieser Manöver". Er verwies auf Auswirkungen auf die Umwelt. "Kaputte Straßen - das darf nicht sein", findet Rudolph.

US-Vizekommandeur Rohling weist Vorwürfe zurück, das Manöver richte sich vor allem gegen Russland: "Diese Übung hat nichts mit einem speziellen Land zu tun." Damit unterscheide sich das anstehende Manöver auch von seinen Vorgängern aus der Zeit des Kalten Kriegs.

Sind Proteste geplant?

Friedensaktivisten wollen das Manöver mit Protesten und Kundgebungen begleiten. "Ich werde unangenehm an frühere Zeiten erinnert, wo Manöver in Nordhessen fast an der Tagesordnung waren", sagte Frank Skischus vom Kasseler Friedensforum dem hr. Die Nato unternehme einen Schritt, "der nur als aggressiv" empfunden werden könne.

Am Samstag, 1. Februar, plant die Friedensbewegung zum Beispiel vormittags eine Mahnwache vor dem europäischen US-Hauptquartier in Wiesbaden-Erbenheim. Auch die Linkspartei ruft zur Teilnahme auf. Das Hauptquartier ist federführend für die Steuerung und Führung der US-Einheiten verantwortlich.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 29.01.2020, 19.30 Uhr