Waldbild aus der Vogelperspektive mit gesunden und kranken Bäumen

Den hessischen Bäumen geht es in Folge des Klimawandels so schlecht wie nie zuvor. Wie man den Wald retten kann und warum hitzetolerantere Bäume dabei kein Allheilmittel sind, erklären zwei Experten im Interview.

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Können mediterrane Eichen unseren Wald retten?

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Fast halb Hessen besteht aus Wald, genau genommen sind 894.000 Hektar mit Bäumen bedeckt. Doch an immer mehr Stellen klaffen große Lücken im einst geschlossenen Blätterdach. Insbesondere um die häufigste Baumart, die Fichte, steht es laut aktuellem Waldzustandsbericht von 2021 gar nicht gut. Auch Kiefer und Buche leiden demnach unter dem Klimawandel: Neben den Dürrejahren 2018 bis 2020 trugen Stürme und Schädlinge wie Borken- und Maikäfer zum vermehrten Absterben der Bäume bei.

Wie sich diese Entwicklung aufhalten lässt, wird an der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt in Hann. Münden (Niedersachsen) erforscht. Im Interview erklären Peter Meyer, Leiter der Abteilung Waldschutz, und Ralf-Volker Nagel, Sachgebietsleiter Ertragskunde, wie die Zukunft des Waldes in Hessen aussehen könnte.

hessenschau.de: In Ihren Berufen dreht sich vieles um den Klimawandel und seine Folgen für die Bäume. Können Sie überhaupt entspannen, wenn Sie im Wald unterwegs sind?

Ralf-Volker Nagel: Ich kann den Wald in der Freizeit noch genießen, aber ich überlege dann schon, wo ich beruflich noch mal genauer hinschauen könnte.

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hr-Thementag

Die Zukunft des Waldes steht am 25. April anlässlich des Tags des Baums im Zentrum der Berichterstattung des Hessischen Rundfunks. Auf allen Kanälen beleuchtet der hr den angegriffenen Zustand der grünen Riesen, mögliche Heilmittel und die Bedeutung des Waldes für Mensch und Natur.

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Peter Meyer: Mir macht der Zustand immer häufiger Sorgen. Aber ich sehe auch, dass sich der Wald jetzt gegenüber den wirklich schlimmen Dürrejahren etwas erholt hat. Auch in den vergangenen Jahrhunderten gab es solche dramatischen Absterbeerscheinungen schon, genauso wie Schäden durch den Borkenkäfer.

hessenschau.de: Laut Waldzustandsbericht war 2021 jeder zwölfte Baum in den hessischen Wäldern geschädigt - ein Rekordwert.

Meyer: Der Bericht geht nur bis in die 1980er Jahre zurück. Man weiß, dass beispielsweise schon in den 1940er und 1950er Jahren Dürreperioden mit nachfolgendem Baumsterben aufgetreten sind. Aber ich denke auch, dass unser Wald durch den Klimawandel im Vergleich zur Vergangenheit zunehmend gestresst ist.

Nagel: Im Zuge der extremen Witterungsereignisse vermehren sich eben auch Organismen, die den Wald schädigen. Hinzu kommen neu eingeschleppte Krankheiten wie das Eschentriebsterben, das zum Beispiel den Vogelsberg oder den Bereich um Kassel und Wolfhagen betrifft.

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Umweltinformatiker Thomas Nauss: "Streichhölzer im Wald gehen schon mal gar nicht"

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hessenschau.de: In unseren Wäldern wurden in den vergangenen Jahrzehnten auf großen Flächen Fichten angebaut, weil sie schnell wachsen und daher hohe Erträge brachten. War das ein Fehler?

Meyer: Das ist nicht ganz richtig: Die Idee, Fichten massiv anzubauen, kommt schon aus dem 19. Jahrhundert. Sie sind besonders anfällig für den Borkenkäfer, der Klimawandel verstärkt nun das Risiko einer Massenvermehrung. Hat man hier eine Entwicklung verschlafen? Nein, im Gegenteil. In den letzten Jahrzehnten sind die Förster dazu übergegangen, die Wälder in Richtung Laubwald umzubauen. Bloß: Das dauert. Auf dem Acker kann ich jedes Jahr eine andere Feldfrucht pflanzen. Im Wald läuft das in einem 100- bis 140-jährigen Zyklus.

hessenschau.de: Ihr Institut hat berechnet, dass den Wäldern in der Wetterau und im Rhein-Main-Gebiet in 100 Jahren besonders große Schwierigkeiten drohen, während sie im Werra-Meißner-Kreis sogar profitieren könnten. Wieso?

Nagel: Das sind Projektionen, bei denen globale Klimamodelle runtergebrochen und mit Daten von uns ergänzt wurden, zum Beispiel dazu, wie viel Wasser die Böden speichern können. In den Höhenlagen wird es wärmer, hoffentlich reichen die Niederschläge dort aber noch aus. Wo es heute schon sehr warm ist, werden viele einheimische Bäume an Grenzen kommen. Im Rhein-Main-Gebiet sind die Wälder seit Jahrzehnten stark belastet, auch durch menschliche Einflüsse wie Grundwasserabsenkung und Bebauung. In Teilen sind dort die Grenzen der Stabilität und Belastbarkeit der Wälder überschritten.

Baumrinde mit Spuren des Borkenkäfers / Borkenkäfer

hessenschau.de: Das heißt für die Kommunen also: Wo jetzt Wald steht, muss auch Wald bleiben?

Nagel: Wenn sich das durchsetzen ließe, wäre das schon gut. Baugebiete im oder direkt am Wald und Verkehrstrassen mitten durch den Wald sollten vermieden werden. Gerade im Klimawandel erfüllen die Wälder ja die wichtige Funktion, die Städte, die eigentlich Hitze-Inseln sind, abzukühlen. Da wird man sich auch raumordnerisch Gedanken machen müssen.

hessenschau.de: Einerseits brauchen wir Holz, zum Beispiel um klimafreundlicher zu bauen. Andererseits muss sich der Wald erholen. Wie können wir mit diesem Dilemma umgehen?

Meyer: Ich glaube, dass Holz als nachwachsender Rohstoff einen guten Beitrag zum Klimaschutz leisten kann. Aus dem Grund ist es sicherlich sinnvoll, das Niveau der Holznutzung in Deutschland zu halten. Wir müssen Holz aber mehr für langlebige Produkte verwenden und weniger verbrennen.

Nagel: Idealerweise sollte Holz erst nach einem langen Nutzungs- und Recyclingkreislauf verbrannt werden. Papier wäre auch ein Punkt, wo es ein hohes Einsparpotenzial gibt.

hessenschau.de: Die Naturschutzorganisation Nabu beispielsweise fordert, den Wald weniger zu bewirtschaften und die Flächen sich selbst zu überlassen. Wie sinnvoll ist das aus Ihrer Sicht?

Meyer: Natürlich kommt der Wald dann zurück. Daran hat auch kaum ein Forstwissenschaftler Zweifel. Aber wenn man bestimmte Baumarten für die Holzproduktion oder auch zum Erosionsschutz haben möchte, dann ist an vielen Stellen aktives Handeln gefragt. Der Wald muss auch den Ansprüchen unserer Nachfolger genügen, die aus guten Gründen Holz benötigen werden. Ich finde, da sind wir in der Verantwortung. Auch wenn in der Vergangenheit zu viel gesteuert wurde und wir unterschätzt haben, was die Natur zu leisten imstande ist.

Nagel: Wo wir gar nicht eingreifen, besteht die Gefahr, dass es auch in der nächsten Generation wieder zu homogenen Wäldern kommt. Auf den freien Flächen haben wir jetzt die Chance, stärker zu differenzieren, wo wir andere Baumarten gezielt einbringen und welche Bereiche wir unbepflanzt lassen. Von Natur aus wächst auf den Flächen eine unheimlich große Zahl junger Bäume nach. Da finden dann natürliche Selektionsprozesse statt. Wir hoffen, dass sich der Wald auch auf diesem Weg teilweise an das Klima anpasst - wobei die Fichte wohl nur noch in den höheren Lagen wie im Taunus oder um Willingen eine Bedeutung haben wird.

hessenschau.de: Im Frankfurter Stadtwald wird mit der Steineiche experimentiert, auch andernorts werden Bäume aus dem Mittelmeerraum oder die Douglasie aus den USA angebaut. Wie vielversprechend ist das?

Nagel: Seit 140 Jahren untersucht die Forstwissenschaft rund 50 nicht-heimische Baumarten, vor allem aus Nordamerika. Unter den Bedingungen des Klimawandels müssen wir sie noch beobachten. Wir sehen aber bereits, dass sich die Douglasie besser hält als die Fichte. Was wir leider auch sehen, sind erste Anpassungserscheinungen heimischer Borkenkäfer an die Douglasie. Allheilmittel sind andere Baumarten nicht. Sie können die Vielfalt vergrößern, solange durch sie keine Schäden für das heimische Ökosystem entstehen. Die Spätblühende Traubenkirsche, die damals ebenfalls aus den USA eingeführt wurde, breitet sich so schnell aus, dass sie im Rhein-Main-Gebiet jetzt teilweise andere Baumarten beim Aufwachsen behindert.

Infolge von Klimaschäden wurden viele Bäume im Wald bei Wiesbaden gefällt.

hessenschau.de: Und wie klappt es mit Baumarten aus dem Mittelmeerraum?

Nagel: Wegen der Klimaverschiebung sind sie vermehrt in den Fokus gerückt. Zusammen mit der Universität Frankfurt haben wir uns Steineiche, Flaumeiche und Ungarische Eiche angeguckt. Die ersten Ergebnisse haben ein Dilemma aufgezeigt: In 50 Jahren würden die Baumarten hier wahrscheinlich gut wachsen. Aber wir haben mit Spätfrösten, die auch in Südhessen noch bis in den Mai auftreten können, heute noch nicht die passenden Bedingungen. Aber selbst wenn wir von den Arten schon völlig überzeugt wären, könnten wir einen mediterranen Wald nicht in kurzer Zeit realisieren. Das kann nur ein kleiner Beitrag zu einer Lösung sein.

hessenschau.de: Also liegt die Lösung in der Vielfalt: heimische und neue Baumarten, naturbelassener und bewirtschafteter Wald?

Nagel: Ich glaube, dass man da keine Gegensätze konstruieren muss, sondern dass uns eine Vielfalt der Konzepte - oft auch in Kombination - weiterbringt.

Meyer: Das Holzschnittartige, was zum Teil noch von Naturschützern, aber auch von Förstern kommt, hilft uns nicht mehr. Wir müssen in kürzeren Zyklen als früher versuchen zu verstehen, was gerade passiert. Da hilft es, viel Unterschiedliches auszuprobieren. Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Erkenntnisse von gestern die Irrtümer von heute oder morgen sind.

Die Fragen stellte Anja Engelke.

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