Außenbereich des Azubi-Campus Pings Fulda mit viel Freizeitfläche und Sitzmöbeln im Garten

Sie lernen wie Auszubildende, leben aber wie Studierende - auf einem Azubi-Campus in Fulda. Wirtschaftsverteter loben das Konzept im Kampf gegen den Fachkräftemangel. So sollen Ausbildungsplätze attraktiver gemacht werden.

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Man könnte die Einrichtung schnell für eine Ferienanlage halten. In der Garten-Lounge laden Sitzmöbel und Hängematten zum Verweilen ein. Sportbegeisterte können sich beim Streetsoccer, Beachvolleyball und Basketball betätigen. Und im Haus lockt ein Kinozimmer - samt Popcornmaschine.

So sieht es aus bei Pings. Der laut Initiatoren deutschlandweit erste Azubi-Campus in Fulda hat nichts mit schmucklosen, spartanisch eingerichteten Wohnheimen zu tun.

Mit der fast schon luxuriösen Ausstattung solle die Wertschätzung für die Auszubildenden ausgedrückt werden, erklärt Laura Paul die Philosophie des Konzepts. Azubis hätten im Vergleich zu Studenten auch ein "Anrecht auf eine schöne Zeit", erklärt die Veranstaltungsleiterin.

Sozialverband und Landkreis gehen neue Wege

Träger des Azubi-Campus ist das Kolpingwerk, ein katholischer Sozialverband, der bundesweit Wohnstätten betreibt. Mit dem Konzept in Fulda geht Kolping zusammen mit dem Landkreis neue Wege. Der Landkreis hat das Wohnheim gebaut.

Das Motto könnte lauten: Arbeiten wie ein Auszubildender, leben wie ein Student - und zwar in großer Gemeinschaft. Das Ziel: Das Azubi-Dasein soll attraktiver gemacht werden. Und zugleich sollen weniger Ausbildungen abgebrochen werden.

Pings bietet nicht nur 120 möblierte Zimmer nahe der Innenstadt. Im Paket enthalten ist neben der angestrebten Wohlfühl-Atmosphäre auch eine Rundum-Betreuung. Neben Angeboten für Weiterbildung, dem Freizeit - und Kulturprogramm sowie Seminaren wie etwa zur Stressbewältigung wird auch Lebenshilfe vermittelt.

Bei den "Survival Skills" geht es für die 15 bis 29 Jahre alten Bewohner um Fragen aus der Erwachsenen-Welt: Was muss man bei Steuern oder dem Abschließen von Versicherungen beachten? "Uns ist der Netzwerk-Gedanke wichtig. Wir wollen uns alle gegenseitig unterstützen", erklärt Laura Paul.

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Pädagogen helfen in Notlagen

Wer dennoch mal unglücklich ist, kann sich an das pädagogische Team wenden. Wenn es Ärger bei der Arbeit oder private Probleme gibt, kommt Hilfe. Philipp Schinkel ist einer der Pädagogen. Er sagt: "Die sozialpädagogische Betreuung erfreut viele Unternehmen." Denn sie wissen, dass sich um die Azubis auch in Stimmungstiefs oder Notlagen gekümmert wird.

Mehr als 20 Unternehmen und Institutionen kooperieren bereits mit dem Azubi-Campus. Sie können zum Beispiel in Bewerbungsverfahren gleich eine Bleibe vermitteln. Partner sind auch große Player in der Region, zum Beispiel die Handelskette Tegut, die Stadt Fulda und das Klinikum Fulda.

Isabell-Jasmin Polny, Personalerin beim Klinikum Fulda, sagt: Der Azubis-Campus sei attraktiv für die Nachwuchsgewinnung, weil die jungen Leute betreut, unterstützt und weiterentwickelt würden. "Für uns als Arbeitgeber bedeutet das eine Ausbildung auf einem völlig neuen Level."

"Immer unter Leuten und neue Einflüsse"

Das neue Level durchlebt auch gerade Christoph Euler aus dem Main-Kinzig-Kreis. Der 28 Jahre alte Zerspanungstechniker macht eine Zusatzausbildung zum Betriebselektroniker: "Solch eine Einrichtung hätte ich gern schon früher gehabt. Man ist immer unter Leuten und hat neue Einflüsse - das ist sehr positiv."

Sophie Richter aus Mittelhessen ist angehende Erzieherin und wohnt auch im Pings. "Es ist toll, dass wir hier eine Betreuung haben. Man kann jederzeit kommen, wenn man Sorgen oder Probleme hat und ist rund um die Uhr versorgt", sagt die 20-Jährige.

Zufrieden äußern sich nicht nur die Bewohner. Auch die Betreiber ziehen nun - rund zwei Jahre nach dem Einzug der ersten Bewohnen - eine positive Bilanz: "Während der Hochphase der Corona-Pandemie war es zwar hart. Aber das Konzept funktioniert und wird gut angenommen", beurteilt Laura Paul. Derzeit sind rund 90 von 120 Zimmern bewohnt - mit steigender Tendenz. Denn derzeit beginnen viele ihre Ausbildung. Bis Jahresende wird mit einer Vollauslastung gerechnet.

Blick in eines der möblierten Zimmer: So wohnt man im Azubi-Campus in Fulda.

Mehrere Städte wollen Azubi-Campus nachahmen

Das Modell scheint Schule zu machen. "Wir wurden bereits von einigen Städten angeschrieben, ob wir unser Konzept nicht mal vorstellen können." Zu den Interessenten zähle in Hessen unter anderem Neustadt (Marburg-Biedenkopf), verrät Laura Paul.

Pings soll nicht nur den Azubis bei der Suche nach einer Unterkunft helfen. Andererseits soll das Konzept auch gegen den Fachkräftemangel wirken und mehr Auszubildende aus anderen Regionen nach Osthessen lotsen. "Ohne Zuzug werden wir unsere offenen Ausbildungsstellen nicht besetzt bekommen", sagt der Chef der Industrie- und Handelskammer (IHK) Fulda, Michael Konow. Auf einen Auszubildenden entfielen in der Region Fulda knapp drei offene Ausbildungsstellen.

Nächstes Jahr, wenn erste Azubis ihre Ausbildung abgeschlossen haben, wird sich zeigen, wie viele Pings-Bewohner langfristig in der Region bleiben.

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Kosten der Unterkunft

Pings ist ein Angebot der Jugendhilfe. Wie viel ein Zimmer auf dem Azubi-Campus kostet, ist unterschiedlich. Wer Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) bekommt, muss maximal 350 Euro pro Monat zahlen, ansonsten beträgt die Miete 475 Euro, wie Laura Paul sagt. Auch Arbeitgeber beteiligen sich mitunter an den Wohnkosten. Im Preis ist dann alles enthalten, zum Beispiel das Frühstücksbuffet, Nutzung der Gemeinschaftsküche, pädagogische Betreuung sowie die Bildungs- und Freizeitangebote.

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