Wildpferde auf einem abgezäunten Gelände. Davor steht ein "Naturschutzgebiet"-Schild.

Die Wildponys Lotta, Karlsson und Madita sollten im Naturschutzgebiet Bingenheimer Ried das Gras kurz halten. Diese Aufgabe haben sie leider zu gut erledigt. Nun heißt es: Reha statt Schlaraffenland.

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hessenschau vom 03.08.2020
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Fast zehn Jahre lang haben die insgesamt elf Exmoor-Ponys im Bingenheimer Ried in der Wetterau zum vertrauten Bild gehört. Zusammen mit Rindern haben sie das Gras auf 85 Hektar für bodenbrütende Vögel abgefressen. Eigentlich eine gute Idee, denn das Naturschutzgebiet soll möglichst wenig vom Menschen gestört werden. Das Betreten ist nur in Ausnahmefällen erlaubt. Da schienen Wildpferde ideal, sagt Sven Schuchmann, der Vorsitzende der örtlichen Naturschutz-Bund-Gruppe (NABU) Bingenheim. Doch leider hat das, was so schön gedacht war, nicht funktioniert.

Ponys im Schlaraffenland

Das Problem: "Die Fläche ist zu reichhaltig, das ist viel zu viel Futterangebot", erklärt Pferdeexpertin Barbara Kelly aus Haunetal (Hersfeld-Rotenburg). Im Auengebiet wächst jede Menge zuckerhaltiges Gras, das für diese Rasse zu stärkehaltig ist. Außerdem eigne sich diese Pferderasse nicht für die Dauerbeweidung. Die Ponys bewegten sich nicht von selbst, wenn sie es nicht müssen. Die Folge: "Die Tiere werden auf Dauer dick."

"Die gehen nicht joggen oder ins Fitnessstudio, so wie wir Menschen“, sagt NABU-Beisitzerin Veronika Pigorsch. Und im Gegensatz zur freien Wildbahn fehlten in der Wetterau die Raubtiere, die die Tiere in Bewegung bringen.

Zu viel des Guten

Die elf Ponys sind schließlich an einer Stoffwechselstörung erkrankt. "Die ist vergleichbar mit Diabetes Typ zwei beim Menschen", erklärt Barbara Kelly. Durch die Stoffwechselstörung wurde die sogenannte "Hufrehe" ausgelöst, eine sehr schmerzhafte Krankheit, die bis zum Tod des Tieres führen kann. Wer die Ponys sieht, erkennt das auch als Laie. Die Ponys sind nicht nur sehr rund, sondern gehen auch sehr steif. Eines der Tiere war so schwer krank, dass es eingeschläfert werden musste.

Wildpferde auf einem abgezäunten Gelände. Davor steht ein "Naturschutzgebiet"-Schild.

Das Bingenheimer Ried kam als Lebensraum für die anderen zehn Tiere nicht mehr in Frage. Man hätte die Entscheidung, die Pferde hierher zu holen, besser prüfen sollen, sagt Sven Schuchmann im Rückblick. Er gibt zu, dass er und seine Mitstreiter zu wenig Ahnung von Pferden gehabt und die Lage damals falsch eingeschätzt hätten.

Zu warme Winter machten Ponys dick

"Aber in den ersten Jahren ist das auch noch ganz gut gegangen", erklärt der Naturschützer. In den vergangenen zwei, drei Wintern hätten sich aber die Bedingungen verändert. "Es gab kaum Frost, es stand immer frisches Gras zur Verfügung. Das hat die Ponys dauerhaft dick gemacht", berichtet Veronika Pigorsch. Vorher hatten sie im Winter immer abgenommen, doch das sei weggefallen. Nach einem tierärztlichen Gutachten war klar: Die Tiere müssen raus aus dem Bingenheimer Ried.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Dicke Ponys ziehen in Reha-Station um

Wildpferde auf einem abgezäunten Gelände. Davor steht ein "Naturschutzgebiet"-Schild.
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Der NABU hat nach eigenen Angaben zwei Jahre lang nach einem neuen Zuhause für die Ponys gesucht. "Einen passenden Ort zu finden, war nicht so einfach", sagt Sven Schuchmann. Die Pferde seien nicht sozialisiert, nicht an Halfter oder Ställe gewohnt und nur einige wenige Tiere ließen sich anfassen. Außerdem sollte die Familie möglichst wenig aufgeteilt werden.

Pferde in der "Ross-Kur"

Die Naturschützer sind froh, dass einige der Ponys bei Barbara Kelly ein geeigneteres Zuhause haben. Sechs der Tiere leben mittlerweile auf ihrem Hof in Haunetal. Hier machen sie gerade ein Pferde-Reha-Programm durch. Dazu gehören angepasste Ernährung und viel Bewegung. Sie stehen auf einer großen Weide und werden zum Laufen animiert.

Die anderen vier Ponys wurden am Freitag abgeholt und auf einen Hof in der Nähe von Göttingen gebracht. Auch sie werden erst einmal gesund gepflegt. Für die Naturschützer um Sven Schuchmann ist klar, dass es im Bingenheimer Ried keine Ponys mehr geben wird. Die Rinder bleiben dort. Die fressen allerdings nicht die gleichen Gräser wie die Pferde. Deswegen will man jetzt abwarten, wie sich das Naturschutzgebiet ohne die Pferde verändert.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 03.08.2020, 16.45 Uhr