Rettungsfahrzeuge und Täterauto am Tatort in Volkmarsen

Vor 100 Tagen steuerte Maurice P. sein Auto in eine Zuschauermenge am Rande des Karnevalumzugs in Volkmarsen. Die Wunden in der Kleinstadt sind noch nicht verheilt. Die drängendste Frage bleibt wohl unbeantwortet.

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Friedrich Engemann stand am Rosenmontag nur wenige Meter von der Stelle entfernt, wo am Rande des Karnevalumzugs in Volkmarsen (Waldeck-Frankenberg) ein Auto in die Menschenmenge fuhr.

"Das Fahrzeug glitt durch die Zuschauer. Ich habe gehört, dass der Fahrer vorher noch mal richtig Gas gab und die Motordrehzahl sich erhöhte. Kurz danach Totenstille, und nach weiteren Sekunden ein Aufschrei. Die Leute sind durcheinander gelaufen und zu dem Fahrzeug hin", erinnert er sich an die mutmaßliche Amokfahrt vor 100 Tagen. Wer nicht rechtzeitig zur Seite springen konnte, prallte gegen das Fahrzeug, wurde durch die Luft geschleudert oder mitgeschleift.

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Zu der mutmaßlichen Amokfahrt am Rosenmontag in Volkmarsen zeigt das hr-fernsehen am 2. Juni, 21 Uhr, eine 45-minütige Sondersendung.

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Auch Pfarrerin Britta Holk war an diesem 24. Februar unter den Zuschauern am Straßenrand. Sie eilte zum Ort des Geschehens. Sie handelte zunächst als Seelsorgerin und dachte nicht daran, dass auch ihre Tochter am Umzug teilnahm, wie sie erzählt: "Ich sah, wie kopflos die Menschen waren. Manche lagen auf der Straße. Ich ging auf ein Kind zu und redete auf das Kind ein, sagte ihm, dass alles gut wird."

Erst dann erfuhr Pfarrerin Holk, dass ihre Tochter auch verletzt wurde - schwer, wie sich später zeigte. 154 Menschen, darunter viele Kinder, verletzte Maurice P., als er sein Auto in die Zuschauermenge steuerte, körperlich und seelisch. Noch Tage später meldeten sich Verletzte.

Viele Opfer leiden seelisch

Wie durch ein Wunder ist niemand gestorben. Bis heute litten viele Opfer, vor allem seelisch, berichtet Andreas Wiggers, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in der Schön-Klinik Bad Arolsen: "Wenn jemandem die Stimme versagt, ihm plötzlich die Tränen kommen, sie oder er plötzlich anfängt zu weinen und es dafür keinen akuten Anlass gibt, kann man annehmen, dass es nicht verarbeitete Erinnerungen an diese Ereignisse sind."

Am Tag der Tat waren bereits fast 50 Rettungsfahrzeuge, ein Dutzend Notärzte, drei Rettungshubschrauber, Hunderte von Einsatzkräften und etliche Notfallseelsorger bis in den späten Abend im Einsatz.

Darunter Pfarrer Martin Fischer. Er erzählt, dass seine Gemeinde Sankt Marien sogleich beschloss, das Pfarrgemeindezentrum und die Kirche zu öffnen: "Damit die Menschen eine Anlaufstelle haben."

Anwalt macht wenig Hoffnung auf Aufklärung

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Erinnerungen an die Auto-Attacke in Volksmarsen

Einsatzkräfte am Unfallort
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Auf eine Frage hat bislang aber keiner eine Antwort: Warum raste Maurice P. in die Menge? Die Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt und die Kriminalpolizei vor Ort ermitteln. Das Motiv des 29-Jährigen aus Volkmarsen liegt im Dunkeln.

Nur so viel scheint klar: P. ist kein Rechtsradikaler, der nur wenige Tage nach dem rassistischen Attentat in Hanau mit zehn Toten einen Anschlag beging.

Maurice P. sitzt in Untersuchungshaft und schweigt über seine Tat. Sein Anwalt Bernd Pfläging gibt wenig Hoffnung auf Aufklärung durch den Täter: "Die Frage nach dem Warum wird sich in diesem Verfahren möglicherweise nicht klären lassen."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 02.06.2020, 16.45 Uhr