Staatsanwalt Thomas Hauburger, der "Mann für aussichtslose Fälle", an seinem Schreibtisch.

1999 wird auf einem Feldweg bei Büdingen ein totes Baby gefunden. Woher es kommt und warum es sterben musste, ist bis heute unklar. Nun sucht ein Gießener Staatsanwalt nach der Mutter des Mädchens - Thomas Hauburger gilt als Mann für aussichtslose Fälle.

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hessenschau von 16:45 Uhr vom 05.11.2021
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Alte, ungelöste Fälle zu bearbeiten, das sei ein bisschen so, als würde man in die Vergangenheit reisen – "aber bepackt mit einem Koffer, der die neuesten Instrumente mit sich führt", sagt Thomas Hauburger. Genau das reize den Gießener Staatsanwalt, der als "Mann für aussichtslose Fälle" gilt. Und der nun mal wieder in die Vergangenheit reist, um den Tod eines Menschen aufzuklären.

Hauburger, 40 Jahre alt, beginnt seine Reise mit einem Doppelklick. Er wählt einen der vielen, wild verstreuten Ordner auf seinem PC-Desktop an, der doch durch seinen Namen heraussticht: "Cold Cases". Darin befinden sich etliche Dateien, Präsentationen und Dokumente, die Hauburger hauptsächlich nutzt, um auf Schulungen und Vorträgen von ungelöst erscheinenden Fällen zu berichten, die dann doch aufgeklärt wurden. Fälle, in denen es Leichen, aber keine Täter gab.

DNA-Reihenuntersuchung mit 600 Frauen

20 solcher noch zu lösender "Cold Cases", wie man im Englischen ungeklärte Kriminalfälle nennt, gibt es in Hauburgers Dienstbereich Alsfeld (Vogelsberg), Friedberg und Gießen. Einen davon will Hauburger möglichst bald zu den Akten und in seinen Lehrmaterial-Ordner legen – und hat deswegen für dieses Wochenende 600 Frauen in eine Turnhalle nach Büdingen geladen. Dort wird dann eines dieser neuen Instrumente aus dem Koffer geholt: Eine DNA-Reihenuntersuchung, die vor mehr als 20 Jahren schlicht noch nicht möglich war.

"Wir hoffen, dass möglichst viele Frauen kommen, nur so kann es uns gelingen, tatsächlich die Mutter zu identifizieren", sagt Hauburger. Die Mutter eines Kindes, dessen Namen er nicht kennt. Eine Frau, die Staatsanwaltschaft und Polizisten seit 1999 suchen. Seit ein Spaziergänger damals an einer Hecke im Feld zwischen den Büdinger Stadtteilen Vonhausen und Lorbach (Wetterau) endlich den Müllsack untersuchte, über den er sich beim Vorbeigehen zuvor so oft geärgert hatte.

Foto eines Feldwegs in der Landschaft. Am Rand leicht verdeckt ein blauer Müllsack (in dem der Leichnam verborgen war). Ein roter Pfeil markiert in dem Bild die Stelle.

Der Mann fand in dem Sack die Leiche eines Babys: Ein Mädchen, das monatelang tot dort gelegen haben musste. Bis heute ist ungeklärt, warum der Säugling sterben musste. Und wer seine Mutter ist.

Dass Thomas Hauburger solche Fälle lösen kann, hat er im Fall Johanna Bohnacker bewiesen. Im Herbst 1999 war das Mädchen verschwunden, sieben Monate später wurde seine skelettierte Leiche gefunden. Doch der dafür Verantwortliche blieb anonym. Bis sich Staatsanwalt Hauburger der Sache annahm.

Mehr als 18 Jahre nach dem Mord konnte er einen Verdächtigen festnehmen lassen, der schließlich zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Überführt durch einen partiellen Fingerabdruck und einzelne Fasern, die sich in einem Klebeband an der Leiche und dann in der Wohnung des Verdächtigen fanden.

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"Dieser Fall hat mir gezeigt, dass man auch bei lange ungelösten Fällen noch sehr viel machen kann", sagt Hauburger. Sehr viel, das bedeutet im Fall des toten Lorbacher Babys: Natürlich erhofft sich Hauburger, die Mutter zu finden. Aber vielleicht melden sich auch Zeugen, die sich doch noch an Ungewöhnliches erinnern. Außerdem wollen die Ermittler ein Zeichen setzen: Kapitalverbrechen werden bei den Behörden nicht vergessen.

Es sind fast ausschließlich schwere Straftaten, derer sich Staatsanwälte wie Hauburger annehmen. Mord verjährt nicht, Totschlag meist nach 20 Jahren. Die Aufklärungsquote für Mord und Totschlag ist in Deutschland generell hoch, Experten schätzen sie auf 95 bis 96 Prozent. Hauburger sagt, dass sie in seinem Zuständigkeitsbereich in den vergangenen knapp zehn Jahren bei nahezu 100 Prozent liege.

"Cold Case"-Bearbeitung nebenher

Was ihn daran reizt, jenen Altfällen nachzugehen, die begangen wurden, als er noch Regionalliga-Hockey im heimischen Bad Kreuznach spielte und von einer Zukunft auf Kunstrasen statt im Gerichtssaal träumte? "Ich kann mich nicht besonders gut damit abfinden, dass derart schwere Verbrechen ungeklärt bleiben", sagt er. Außerdem habe er die Erfahrung gemacht, dass Angehörige erst mit einem solchen Schicksalsschlag abschließen können, wenn ein Täter ermittelt und rechtskräftig verurteilt wurde.

"Und als Dezernent für Kapitalsondersachen ist es auch schlicht meine Aufgabe, mich um solche Sachen zu kümmern." Schlicht. Das bedeutet für Hauburger, dass er sich besagten "Cold Cases" neben seinem Tagwerk, oft in seiner eigentlichen Freizeit, widmet. Mittlerweile gibt es auch in Hessen beim LKA in Wiesbaden eine "Cold Case Unit", die sich um ungelöste Altfälle kümmert und bei neuen Ermittlungsansätzen wieder aufrollt.

1999 sichergestelltes Verpackungsmaterial auf einer Leine.

Im Fall des Lorbacher Babys, dass die damaligen Ermittler "Sabrina" tauften und anonym beerdigten, war es eine Gewebeprobe. "Erst 2019 konnte daraus eine DNA-Probe gewonnen werden", sagt Hauburger. Zwei weitere Jahre dauerte es dann, bis ein Raster ermittelt werden konnte aus Frauen, die zum Tatzeitpunkt zwischen 13 und 30 Jahren alt waren und im engeren Umkreis lebten – und sie alle mussten dann noch mit Hilfe von Einwohnermeldeämtern und Kommunen ausfindig gemacht und kontaktiert werden. Trockene Verwaltungs- statt spannender Ermittlungsarbeit.

"Ich denke, eine Frau kann mit so einem Gewissen gar nicht leben"

All das sorgt natürlich auch vor Ort für Aufregung. "Nach so langer Zeit war hier eigentlich kein Gedanke mehr an diesen Fall", sagt Annika Faust, die in Lorbach wohnt. "Ich dachte anfangs auch: Muss das jetzt sein, dass das wieder aufgerollt wird?" Doch ihre Meinung habe sich geändert. "Es geht hier immerhin um einen Mord", sagt Faust, "und der muss aufgeklärt werden."

Ihre Nachbarin Petra Lechleitner sieht das ähnlich. "Vielleicht kann man anhand der neuen Erkenntnisse doch noch herausfinden, wer das Baby war", sagt sie. Und: "Ich denke, eine Frau kann mit so einem Gewissen gar nicht leben."

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