Ein Stapel Akten liegt auf einem Tisch. Daneben ist ein Mikrofon zu sehen.

Auch nach 13 Jahren im Gefängnis beteuert der verurteilte Doppelmörder Andreas Darsow seine Unschuld. Nun könnte der Fall tatsächlich neu aufgerollt werden.

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Doppelmörder hofft auf neues Verfahren

hs
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Andreas Darsow soll im Jahr 2009 in Babenhausen (Darmstadt-Dieburg) einen brutalen Mord begangen haben und hofft 13 Jahre nach der Tat doch noch auf einen Freispruch. Er soll mit einer Waffe und einem selbst gebauten Schalldämpfer im Nachbarhaus das Ehepaar T. erschossen haben. Ihre behinderte Tochter Astrid T. überlebte, nachdem auch auf sie zweimal gefeuert worden war.

Darsow wurde dafür vor elf Jahren wegen Mordes und Mordversuchs vom Darmstädter Landgericht verurteilt. Jetzt hat er Hoffnung, dass in einem Zivilprozess der Grundstein gelegt werden könnte, doch noch seine Unschuld zu beweisen und die lebenslange Freiheitsstrafe gegen ihn aufzuheben.

Das Landgericht will in drei Wochen verkünden, ob es erneut eine Beweiserhebung zulässt. Die Entscheidung werde am 30. März verkündet, sagte die Vorsitzende Richterin der Zivilkammer am Mittwoch nach knapp einstündiger Verhandlung.

Hoffnung auf neue Beweiswürdigung

Dass das plötzlich wieder möglich scheint, hat mit einer juristischen Besonderheit zu tun. Im Zivilverfahren, das am Mittwoch in Darmstadt begonnen hat, geht es laut Darsows Anwalt, Gerhard Strate, um Zahlungen des Landes an die überlebende, behinderte Tochter des getöteten Ehepaares, die es zurückfordern will. Die Hoffnung nun: "Ein Zivilgericht ist offen, auch über Beweise zu entscheiden", sagte Strate.

Sollte in dem Verfahren bei einer möglichen Beweiserhebung keine Schuld seines Mandaten festgestellt werden, könnte dies ein Hebel für ein mögliches Wiederaufnahmeverfahren sein. Seit Jahren beteuert Darsow seine Unschuld. Alle Bemühungen, mögliche neue Beweise in ein neues Verfahren einzubringen, scheiterten bislang.

Darsow war nach einem Indizienprozess verurteilt worden. Immer wieder gab es aber auch Zweifel an der Stichhaltigkeit der Beweise. Das Gericht war von seiner Schuld überzeugt: Er habe sich immer wieder über Lärmbelästigung im Nachbarhaus beschwert. Das Motiv für den Doppelmord sei gewesen, die Lärmquelle "auslöschen" zu wollen.

Die zentrale Frage nach dem Schalldämpfer

Darsow soll bei der Tat eine mit Bauschaum gefüllte Plastikflasche als Schalldämpfer benutzt haben. Die Anleitung hatte er nach Ansicht des Gerichts im Internet gelesen, die Seite auf einem Computer an seinem Arbeitsplatz aufgerufen. "Der Einsatz dieses Schalldämpfers ist der zentrale Beweismoment für das Gericht gewesen", sagte Strate am Mittwoch. Es gehe um die Frage, ob dieser Schalldämpfer tatsächlich eingesetzt wurde.

"Es würde aber gar keinen Sinn ergeben, ihn einzusetzen", sagte Strate. Bei dem Mord sei eine P38 verwendet worden, eine Waffe mit Überschallmunition, die - ob gedämpft oder nicht - immer einen Überschallknall erzeuge. "Das ist vom Landgericht nicht bedacht worden", sagte Strate.

Der Anwalt hofft nun, dass das Zivilgericht noch einmal darüber nachdenkt. Das Gericht könnte sich dann der Urteilsbegründung des Darmstädter Landgerichts von 2011 anschließen oder eine neue Beweisaufnahme möglich machen.

Ehefrau hofft auf neues Verfahren

Auf Letzteres hofft Darsows Ehefrau Anja. "Ich habe ein leicht aufloderndes, gutes Gefühl, dass es nun irgendwann in die richtige Richtung geht", sagte sie am Mittwoch: "Wir brauchen einen neuen Prozess, das ist unser Ziel." In einem wiederaufgenommenen Verfahren würde sich, so glaubt Anja Darsow, "ein ganz anderes Bild" ergeben, mit "Sachen, die wir noch im Hintergrund haben".

Ähnlich hat sich auch Anwalt Strate geäußert, der Darsow vor Gericht vertritt. Der verurteilte Mörder selbst wird dort nicht befragt. Im Gespräch mit dem Darmstädter Echo deutete Strate zuvor an, er habe womöglich auch neue Erkenntnisse, die er dem Gericht präsentieren könne und die die Unschuld seines Mandanten beweisen könnten.

Unterstützung vom Bürgermeister

Der Fall des Doppelmords von Babenhausen gilt seit vielen Jahren als rätselhaft, es wurden etwa keine DNA-Spuren von Darsow am Tatort gefunden. Das betonte auch stets eine Initiative, die davon überzeugt ist, dass Darsow nicht der Mörder ist.

Unterstützung erhielt Darsow indirekt auch vom Pfungstädter Bürgermeister Patrick Koch (SPD). Der war damals als Polizist an den Ermittlungen beteiligt. Später schilderte er in einer E-Mail an Anwalt Strate, dass er Bedenken habe, dass die Ermittler sich womöglich zu schnell auf Darsow als Schuldigen festgelegt hätten. Unter anderem beschuldigt Koch in der E-Mail den damaligen südhessischen Polizeipräsidenten Gosbert Dölger.

Im November vergangenen Jahres wurde Koch von dem Vorwurf der Verletzung von Dienstgeheimnissen freigesprochen. Das Amtsgericht Dieburg habe die Äußerungen Kochs nicht als Dienstgeheimnis gewertet.

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Zivilverfahren

In einem Zivilprozess trägt zunächst der Kläger seine Sicht des Sachverhaltes vor. Dem kann die beklagte Partei widersprechen. Tut sie dies nicht, gilt der vorgetragene Sachverhalt als richtig. Gegenstand zivilrechtlicher Verfahren sind zum Beispiel Schmerzensgeld- oder Schadenersatzforderung. Ohne Klage gibt es kein Verfahren. In der Regel berufen sich die Parteien auf Schriftsätze, die dem Gericht im Vorfeld zugesandt werden.
Gibt es strittige Punkte, können in einem Zivilverfahren Zeugen oder Sachverständige gehört werden. Das Gericht stellt aber zunächst einmal keine eigenen Ermittlungen an, wie das zum Beispiel in Strafverfahren der Fall ist. In einem Zivilprozess geht es um Streitigkeiten oder Forderungen zwischen Privatpersonen, Firmen und auch Institutionen. Es geht nicht um Verstöße gegen das Strafgesetzbuch. Der Ablauf eines Zivilprozesses ist in der Zivilprozessordnung geregelt.

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