Ertappt: Die Wölfin von Ulrichstein, aufgenommen von einer Wärmebildkamera

Seit Monaten streift eine Wölfin nahe Ulrichstein im Vogelsberg herum. Lange hielt sie sich vom Menschen fern. Jetzt nähert sie sich immer häufiger den Häusern. Die Anwohner sind beunruhigt.

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zum hr-fernsehen.de Video Wolfssichtung im Vogelsberg

maintower vom 02.10.2020
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Eigentlich wollte Sandra Funk-Gerhardt spätabends nur noch mal kurz mit dem Hund raus. Da sieht sie sie stehen, ein paar Meter vor sich in ihrem Garten im Ulrichsteiner Stadtteil Unterseibertenrod: die Wölfin. Sie starrt sie an. Funk-Gerhardt spürt, wie die Panik sie ergreift. So jedenfalls wird sie es wenig später auf Facebook schildern. Sie schreit, sie schwenkt die Lampe, doch die Wölfin bleibt ungerührt. Irgendwann schleicht sich das Tier von dannen.

Für Funk-Gerhardt war es nicht die erste Begegnung mit der Wölfin. Morgens und abends höre sie das Tier immer wieder heulen, wie sie schreibt. "Unverantwortlich. Wir leben hier mit zwei Kindern." Die Kommentare auf den Post zeigen, dass auch andere Anwohner ähnliche Begegnungen mit der Wölfin hatten. Es kursieren zahlreiche Fotos: Eines zeigt den Kadaver eines halb aufgefressenen Rehs, das offenbar von einem Wolf in einem Garten abgelegt wurde.

Ministerium: "Müssen neu lernen, mit dem Wolf zu leben"

Den Behörden ist die Wölfin keine Unbekannte. Nach Angaben des Landesamtes für Naturschutz lebt das Tier schon seit Mai 2019 im Gebiet um Ulrichstein im Vogelsbergkreis. Nachweislich habe sie auch schon ein Reh gerissen. Möglicherweise auch ein wenige Stunden altes Kalb im September letzten Jahres. Lange Zeit hielt sich das Tier von den Menschen fern. Seit dem Sommer aber nähert sich die Wölfin den Häusern. Und die Menschen sorgen sich.

Eine Sprecherin des hessischen Umweltministeriums versichert, man "setze sich für Rahmenbedingungen ein, die den Umgang mit dem Wolf für alle tragbar machen." Dazu trage der Wolfsmanagementplan des Landes bei, die bestmögliche Aufklärung der Bevölkerung und die Unterstützung der Weidetierhalter. "Wir müssen wieder neu lernen, mit dem Wolf zu leben", heißt es weiter. Wie genau die Betroffenen in Unterseibertenrod das machen sollen, bleibt offen.

Ortsvorsteher: Wölfin kann nicht bleiben

Man müsse die Wölfin ja nicht unbedingt erschießen, sagt Ortsvorsteher Wolfgang Geis. Aber bleiben dürfe sie auf keinen Fall. Geis schlägt vor, sie zu betäuben und in einen Tierpark zu bringen. Was auch immer dazu nötig sei, der Ortsvorsteher drängt auf die "Entnahme" der Wölfin. Damit ist aber in der Regel der Abschuss gemeint, erläutert das Ministerium. Das sei in Hessen bisher noch nicht passiert. Denn den Abschuss eines Wolfes müsse ein Richter genehmigen. Das Umsiedeln sei rechtliches Neuland.

Martina Krönung-Friedrich versucht den Menschen die Angst vor dem Wolf zu nehmen. "Zu seinem Beuteschema zählen Menschen nicht", sagt die Wolfsbotschafterin beim Naturschutzbund Nabu. Man dürfe ihn natürlich auch nicht in die Enge treiben, ergänzt sie. Man müsse den Wolf eben nehmen, wie er ist - als Raubtier. Nichts zum Kuscheln. Die Wolfsbotschafterin rät deshalb: Kleine Kinder nicht unbeaufsichtigt lassen.

Ob das alles die Bewohner von Unterseibertenrod beruhigen wird, bleibt abzuwarten. Auf ihrem Facebook-Profil hat Sandra Funk-Gerhardt die Hessische Umweltministerin und die Wolfsbeauftragte inzwischen zum Zelten in ihren Garten eingeladen. Damit sie auch mal einen Wolf in freier Wildbahn sehen könnten.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wenn die Wölfin abends im Vorgarten vorbeischaut

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Sendung: hr-fernsehen, maintower, 02.10.2020, 18.00 Uhr