Walter-Lübcke-Schule in Wolfhagen bei der Eröffnungsfeier im vergangenen September.

Die Walter-Lübcke-Schule in Wolfhagen hat nach dem Urteil gegen den Lübcke-Mörder ein offensichtlich rechtsextrem motiviertes Drohschreiben bekommen - im Namen des "NSU 2.0". Nicht die einzige anonyme Drohung in den vergangenen Tagen.

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Der Kasseler CDU-Politiker Michael von Rüden hat eine anonyme Drohung erhalten: "Rüden, du bist als nächstes dran", habe ein Anrufer mit verzerrter Stimme gedroht und dann aufgelegt, sagte von Rüden dem hr. Insgesamt habe er zwei Anrufe im Januar mit unterdrückter Nummer und verzerrter Stimme bekommen. Von Rüden ist Vorsitzender der CDU-Rathausfraktion.

Bisher hätten die Ermittlungen kein Ergebnis gebracht, sagte Rüden. Einen Hinweis auf die rechtsextremistischen Absender, die zahlreiche Drohschreiben an Politiker mit "NSU 2.0" unterschrieben, habe es nicht gegeben.

Die Drohung an die nach dem ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten benannte Walter-Lübcke-Schule, die ein unbekannter Absender am vergangenen Freitag, also einen Tag nach der Urteilsverkündung im Lübcke-Prozess durch das Frankfurter Oberlandesgericht, geschickt hatte, verwies auf den "NSU 2.0".

Polizei: "Politischer Duktus" und Motivation

"Aus ermittlungstaktischen Gründen kann ich zu einzelnen Inhalten des Schreibens keine Angaben machen", sagte Polizeisprecher Matthias Mänz zu der Drohmail gegen die Schule. Es sei jedoch "in politischem Duktus" verfasst, eine politische Motivation sei "erkennbar". Die Drohung habe man ernst genommen.

Der Landkreis will nun den Schutz der Walter-Lübcke-Schule erhöhen: Eine Videoüberwachung sei wegen Vandalismus bereits geplant gewesen, nun solle sie schneller umgesetzt werden, teilte der Sprecher des Kreises, Harald Kühlborn, dem hr mit. Der Kreis Kassel habe zudem beim LKA eine Gefährdungsanalyse beantragt, um möglicherweise weitere Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen.

Kultusministerium: "Menschenverachtende Drohung"

In der Schule war die Mail am Freitag erst mit Verspätung entdeckt worden. Auswirkungen auf den Schulbetrieb hatte die Drohung daher nicht. Bei einer anschließenden Durchsuchung der Gebäude sei nichts Verdächtiges gefunden worden, berichtete die Polizei.

Schulleiter Ludger Brinkmann sagte dem hr, man nehme die Drohung an der Schule ernst, werde aber nicht aufhören, für Demokratie zu streiten. Ein Sprecher des Kultusministeriums teilte am Dienstag mit, man verurteile die "abscheuliche, menschen- und demokratieverachtende Drohung gegen eine unserer Schulen in Hessen in aller Schärfe".

Mehr als 100 "NSU 2.0"-Drohschreiben

Mit dem Kürzel "NSU 2.0", das auf den rechtsterroristischen "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) anspielt, sind seit 2018 mehr als 100 Drohmails, Faxe und Kurznachrichten an Menschen geschickt worden, die sich gegen Rechtsextremismus und Rassismus engagieren, darunter überwiegend Frauen. Weil dabei immer wieder geheime persönliche Daten der Adressatinnen verwendet wurden, werden die Urheber auch in den Reihen der Polizei vermutet.

Wegen der Ermordung des CDU-Politikers Walter Lübcke wurde der Kasseler Neonazi Stephan Ernst am Donnerstag zu lebenslanger Haft verurteilt. Schülerinnen und Schüler der Walter-Lübcke-Schule begleiteten die Urteilsverkündung mit einer Mahnwache vor dem Gerichtsgebäude und einem Transparent mit der Aufschrift "Demokratische Werte sind unsterblich".

Die Gesamtschule in Wolfhagen, Heimatort des ermordeten Regierungspräsidenten, wurde im vergangenen Sommer auf Initiative der Schülervertretung nach Lübcke benannt. Ein Gedenkstein auf dem Schulgelände erinnert seither an die Worte, die der Politiker auf einer Bürgerversammlung zur Flüchtlingsunterbringung rechten Pöblern entgegengehalten hatte: "Es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 02.02.2021, 16.45 Uhr