Eduard Reisch

Ob alte Brücken, Hochhäuser oder Industriekamine: Eduard Reisch legt sie auf Wunsch in Schutt und Asche. Jetzt ist die Salzbachtalbrücke an der A66 bei Wiesbaden an der Reihe. Der Mann, der einst als "Krater-Edi" Schlagzeilen machte, hat viel Erfahrung - auch leidvolle.

Videobeitrag

Video

zum Video Sprengtermin für Salzbachtalbrücke steht fest

hs 0610
Ende des Videobeitrags

Das Commerzbank-Hochhaus in Frankfurt würde Eduard Reisch besonders gerne mal in Einzelteile zerlegen – so rein als besondere berufliche Herausforderung, wie er vor Jahren einmal in einem Interview verriet. Da der 259-Meter-Tower nicht zur Debatte steht, wird sich der Sprengmeister aus Oberbayern am 6. November 2021 im Rhein-Main-Gebiet einem anderen Objekt aus Stahlbeton widmen.

"Das ist schon ein gewaltiges, hochkomplexes Projekt", sagt der 60-Jährige zu der Aufgabe, die vor ihm und einem Team aus insgesamt 28 "Sprengberechtigten" liegt. Geht alles nach Plan, drückt Reisch am ersten Samstag im November um Punkt 12 Uhr den Knopf, und in Sekundenschnelle wird die 304 Meter lange Salzbachtalbrücke der A66 bei Wiesbaden in die Knie gehen.

Einzigartiger Auftrag

Als Mann, "der die Brücke kaputt macht", wird Reisch am Mittwochnachmittag im Wiesbadener Rathaus vorgestellt. Dem zweiteiligen, bis zur Sperrung vielbefahrenen Bauwerk drohte der Zusammenbruch allerdings ganz ohne die 221 Kilo eingeplanten Sprengstoffs – so marode war sie geworden. Gerade der desolate, mühsam statisch aufrechterhaltene Zustand macht den Auftrag für den Gefahrensucher Reisch so spannend.

"Eine Havarie in der Größenordnung muss man schon als einzigartig bezeichnen", beschreibt er den Reiz der vor ihm liegenden Sprengung. Nervös wirkt Reisch nicht. Locker bis leutselig präsentiert der Mann seine Pläne vor rund 40 Journalisten. An deren Belange denkt er auch, verspricht: "Alle werden zu ihren Bildern kommen."

Motto: "Alles unter Kontrolle"

"Alles unter Kontrolle" steht ganz oben auf der Homepage seiner Firma. Und im Salzbachtal ist vieles zu kontrollieren. Fast 1.200 Löcher für den Sprengstoff müssen gebohrt werden, die ersten sind schon fertig. 1.160 elektrische Zünder werden gebraucht und 15.300 Meter Zündleitungen. "Das macht die Sache noch einmal interessanter", sagt Reisch über spezielle, "hochbrisante" Schneidladungen. Mit dem Material wird Stahl zu Leibe gerückt.

Und dann die Sicherheitsvorkehrungen. Ob durch Absperrungen, mit tonnenschweren Sprengschutzmatten oder unter meterhoch aufgeschüttetem Sand: Vor möglichen Trümmern müssen der Friedhof, ein Tierheim und ein Mühlenanwesen geschützt werden, außerdem Straßen, eine Bahnstrecke, Stromleitungen, der Salzbach und nicht zuletzt ein wichtiges Klärwerk.

Es war "Krater-Edi", kein Meteorit

"Krater-Edi" - den Spitznamen hat ihm eine Boulevard-Zeitung verpasst, nachdem eine Aktion 1995 international für Schlagzeilen sorgte. Reisch sprengte in seiner bayerischen Heimat ein Loch für einen Teich in eine Wiese. Weil die Informationen über die genehmigte Sprengung in der Kreisverwaltung hängen blieben, spekulierten Ermittler und Wissenschaftler zunächst über einen möglichen Meteoriteneinschlag.

Videobeitrag

Video

zum Video Reischs Meisterwerk: Uni-Turm erfolgreich gesprengt

140202_turmsprengung
Ende des Videobeitrags

In Wiesbaden ist aber nicht nur einer der bekanntesten, sondern auch erfahrensten Sprengstoffexperten Deutschlands am Werk. Ob Donau- oder A3-Brücke, 150-Meter-Kamin einer Zuckerfabrik - der 60-Jährige macht sie alle nieder. In Hessen hat er im Februar 2014 mit einer vielbeachteten Arbeit sogar einen Rekord aufgestellt: Da legte er mit fast einer Tonne Sprengstoff den 116-Meter hohen AfE-Turm der Uni Frankfurt in Schutt und Asche. Die Höhe des gesprengten Gebäudes war für Europa einmalig, der Schwierigkeitsgrad wegen der dichten Bebauung enorm.

Was schief gehen kann

Damals klappte alles. Aber Reisch sagt auf mögliche Pannen in Wiesbaden angesprochen: "Alles kann schief gehen." Die Zuhörer lachen, er sagt es auch eher im Spaß. Aber es steckt neben viel Vorsicht auch eine leidvolle Erfahrung dahinter.

Als der Sprengmeister vor 20 Jahren das Kesselhaus eines Heizkraftwerkes niederlegen sollte, starben zwei Kollegen: Das Gebäude war während der Vorarbeiten umgekippt. Im Schock lief Reisch davon, kam vor Gericht, verlor vorübergehend seine Zulassung, wurde rehabilitiert.

Vertrauen aufs "Viel-Augen-Prinzip"

Heikel sind die Vorarbeiten auch diesmal – an und unter einer maroden Brücke. Aber Reisch betont: alles sei stabilisiert und in einer "statischen Meisterleistung" auch akribisch durchrechnet worden. Zwei stählerne Türme, die eine eventuell weiter absackende Brücke stützen sollen, haben im Moment keine Last. Und dann eben die dauernden Überprüfungen der Pläne. "Wir haben kein Vier-Augen-Prinzip. Wir haben ein Viel-Augen-Prinzip."

Seit zwei Monaten bereiten sich Reisch und seine Leute schon auf den 6. November vor. Darauf, dass erst die Südbrücke unter der Sprengung in sich zusammenfällt und dann auf deren Trümmer die Nordbrücke gelegt wird. Auf gerade einmal "zwei bis drei Sekunden" schätzt der 60-Jährige die Dauer des Knalleffektes.

"Ein gewisser Knall ist in dem Fall unvermeidbar" fügt er fast entschuldigend hinzu. In Wirklichkeit wird es ihm Freude bereiten. Reisch bietet nicht nur Hochhaus- und Brückensprengungen an. Für Firmenjubiläen, Hochzeiten oder Geburtstage kann man auch Feuerwerke bei ihm buchen.

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen