Martin Kreuels ist Totenfotograf - denn er erstellt Fotos von Verstorbenen als Teil des Trauerprozesses.

Martin Kreuels ist Fotograf - und widmet sich denen, die nicht mehr da sind. Der 50-Jährige aus dem südhessischen Roßdorf lichtet Verstorbene ab. Wir haben mit ihm gesprochen, wie Menschen auf seine Totenfotos reagieren, welche Tabus es gibt und was ihm besonders nahegeht.

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hessenschau.de: Herr Kreuels, eigentlich sind Sie gelernter Biologe. Wie entstand die Idee, Tote zu fotografieren?

Kreuels: Das war eigentlich eher ein Zufall. Meine Frau ist 2009 gestorben und mein 6-jähriger Sohn machte am Morgen ein Foto von seiner toten Mutter. Ein paar Wochen später habe ich einen Ordner mit allen Bildern meiner Frau zusammengestellt. Und die Kinder haben sich immer nur das letzte Bild, das von meiner toten Frau, angeschaut. Das war der Ansporn für mich zu gucken, was steckt dahinter. Da habe ich erfahren, dass das eine alte Kultur ist, die über die Jahre verloren gegangen ist. Und die habe ich wieder aufleben lassen. Ich wäre nie dazugekommen, wenn meine Frau nicht verstorben wäre.

hessenschau.de: Wie entstehen Ihre Totenfotos dann konkret?

Kreuels: Ich berühre den Toten nicht, ich verändere nichts - sondern nehme den Verstorbenen so, wie er ist. Ich kreise um ihn herum und schaue, dass ich eine Perspektive finde, wo der Tote lächelt. Ich arbeite ganz reduziert auch in der Technik - einfach mit Stativ und Kamera. Denn die Verstorbenen müssen mit dem Bild ein ganzes Leben arbeiten können. Das heißt: Es muss ein entspanntes Foto sein, das schön aussieht.

Auch einen toten Karnevalsprinz hat Martin Kreuels abgelichtet.

hessenschau.de: Fast alle Ihrer Fotos sind in schwarz-weiß gehalten. Hat das einen bestimmten Grund?

Kreuels: Schwarz-weiß halte ich für pietätvoller. Das hat viel auch mit Würde zu tun. Außerdem hat es noch einen Nebeneffekt. Wenn ich beispielsweise einen Toten habe, der Krebspatient war, dann verändert sich seine Hautfarbe sehr schnell ins Violette. Diese Bilder kann ich den Angehörigen nicht in Farbe geben. Da kommt die Krankheit dann zu deutlich heraus. Ich glaube mit schwarz-weiß Fotos bekommen wir mehr Ehre rein. Aber in besonderen Fällen erstelle ich Fotos auch in Farbe.

hessenschau.de: Sie sagen, dass Totenfotos ein wichtiger Prozess bei der Trauerbewältigung sein können. Warum?

Kreuels: Das letzte Foto ist eine Art Zwischenprozess. Der Mensch ist eigentlich noch da, aber er ist schon tot und dadurch nicht mehr wirklich da. Man sieht an dem Verstorbenen, dass das Leben schon raus ist. Und wir müssen uns verdeutlichen, dass der Mensch tatsächlich gegangen ist. Das Bild kann eine Hilfe sein, sich das nochmal deutlich zu machen und den Tod zu begreifen.

hessenschau.de: Gibt es für Sie auch Tabus beim Fotografieren von toten Menschen?

Kreuels: Es geht darum, die Angehörigen nicht zu schocken. Also wenn ich ein Unfallopfer habe, dann fotografiere ich natürlich nicht den ganzen Körper. Sondern stattdessen nur ein Detail. Außerdem würde ich die Toten nie verändern.

Hände, Ohren oder ganze Körper: Welchen Teil des Toten Martin Kreuels zeigt, ist unterschiedlich.

hessenschau.de: Sie sind seit zehn Jahren jetzt schon als Totenfotograf tätig. Gab es auch Situationen, die Ihnen besonders nahegegangen sind?

Kreuels: Kleine Kinder zu fotografieren sind Fälle, die einem immer besonders nahegehen. Kinder haben noch nichts vom Leben gehabt und sind vielleicht nach einem Unfall oder kurz nach der Geburt gestorben. Das berührt mich schon. Bei Erwachsenen habe ich eher eine gewisse Distanz.

hessenschau.de: Wo entstehen Ihre Fotos denn dann? Und wie sieht das rechtlich aus?

Kreuels: In aller Regel kommen die Angehörigen über den Bestatter auf mich zu und dort mache ich dann auch die Fotos. Es gibt aber auch Fälle, in denen ich zu den Familien direkt nach Hause fahre. Wenn der Verstorbene zu Lebzeiten sagt, dass er keine Fotos möchte, dann werden keine erstellt. Ansonsten ist es das Recht der Angehörigen. Und ich finde, wenn wir dieses Bild für den Trauerprozess brauchen, dann müssen wir uns in Einzelfällen vielleicht auch mal über das Recht des Verstorbenen hinwegsetzen. Es ist ja kein öffentliches, sondern ein sehr privates Bild.

Martin Kreuels rahmt eines seiner Fotos.

hessenschau.de: Wenn Ihnen die Angehörigen ihr Einverständnis geben, nutzen Sie die Fotos auch für Ausstellungen. Wie reagieren die Menschen dort auf Ihre Bilder? Gibt es auch Kritik?

Kreuels: Kritik eher weniger, es ist eher die Furcht vor den Bildern. Die Leute sagen häufig: "Ich möchte den Angehörigen so in Erinnerung behalten, wie ich ihn im Leben hatte". Wir haben ja eigentlich gar keine Scheu, die Kinder zu fotografieren, wenn sie noch als Ungeborene im Bauch der Mutter sind. Aber dieses letzte Bild, davor haben die meisten Leute einfach Angst.

hessenschau.de: Haben Sie das Gefühl, dass viele mit Angst in die Ausstellung kommen und angstfrei wieder rausgehen?

Kreuels: Ich versuche den Menschen ihre Angst zu nehmen. Ich möchte zeigen, dass der Tod nicht schrecklich aussehen muss. Er kann total entspannt und schön aussehen. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen mit weniger Angst aus der Ausstellung gehen. Viele merken, dass es so schrecklich gar nicht aussieht. Also die Scheu nehmen wir vielen schon und das ist auch Sinn der Ausstellungen.

Martin Kreuels schreibt auch Bücher, zum Thema Totenfotografie und Trauerbewältigung.

hessenschau.de: Als Biologe sind Sie zwar noch tätig, aber nur noch an sehr wenigen Tagen im Monat. Inwiefern können Sie von dem Beruf als Totenfotograf denn finanziell leben?

Kreuels: Ich lebe von den Bildern gar nicht. Das mache ich ehrenamtlich. Ich lebe von den Ausstellungen, von Vorträgen und von Büchern, die ich schreibe.

Das Gespräch führte Michelle Goddemeier.

Sendung: hr-fernsehen, maintower, 11.07.2019, 18 Uhr