Beschuldigter im Gleis 7-Prozess im Gerichtssaal

Im Verfahren um die tödliche Gleis-Attacke am Frankfurter Hauptbahnhof haben am Mittwoch erste Augenzeugen ihre Erlebnisse geschildert. Der Beschuldigte, der ein Kind und dessen Mutter vor einen ICE gestoßen haben soll, äußerte vor Gericht sein Bedauern. Er gilt als schuldunfähig.

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Es sind nur drei Sätze, die der Anwalt des Beschuldigten gleich zu Beginn des ersten Prozesstages vor dem Frankfurter Landgericht verliest. Eine kurze Erklärung zu einer Attacke, die im vergangenen Sommer bundesweit für Entsetzen sorgte:  "Das, was ich getan haben soll, muss sich nach allen mir zugegangenen Informationen so zugetragen haben", heißt es darin. "Ich war sehr schwer krank. Es tut mir unendlich leid, insbesondere für die Familie des durch meine Tat zu Tode gekommenen achtjährigen Jungen Leo."

Eine Entschuldigung, die die Familie nicht annimmt, wie deren Anwalt Ulrich Warncke wenig später klar macht: "Es gibt keine Entschuldigung für das, was getan wurde."  Der 41-jährige Beschuldigte soll einen achtjährigen Jungen und seine Mutter am 29. Juli 2019 am Frankfurter Hauptbahnhof vor einen einfahrenden ICE gestoßen haben. Die Frau kommt knapp mit dem Leben davon, ihr achtjähriges Kind wird tödlich verletzt. Wegen ihrer schlechten psychischen Verfassung kann die Mutter nicht am Verfahren teilnehmen, berichtet Warncke. Ihr Mann dagegen ist in den Gerichtssaal gekommen, "um dem Mann in die Augen zu sehen, der seinen Sohn getötet hat".

Passanten stehen am Gleis 7 des Hauptbahnhofs vor einem Meer aus Blumen, Kuscheltieren und Beileidsbekundungen.

Weitere Frau gestoßen

Äußerlich regungslos verfolgt der Vater, wie vier Zeugen an diesem Tag die Geschehnisse an Gleis 7 aus ihrer Sicht schildern. Darunter ist auch die 79-jährige Gerlinde S., die der Täter ebenfalls angegriffen haben soll. Schon als sie auf den Zug nach München wartet, der sie zu ihren Enkeln bringen soll, sei ihr ein Mann am Bahnsteig aufgefallen. Er habe kein Gepäck dabei gehabt und hinter einem Pfeiler gestanden, berichtet sie.

Plötzlich habe er ganz in ihrer Nähe eine Frau und einen Jungen von hinten auf das Gleis vor den Zug gestoßen - mit viel Gewalt.  Wie genau er das getan habe, fragt der Vorsitzende Richter. Die Frau schiebt ihr beiden Hände mit einem kraftvollen Ruck nach vorne. Danach habe sie "die beiden in der Luft fliegen" sehen. Unmittelbar danach habe sie selbst einen Stoß gespürt. Sie stürzt auf den Bahnsteig und verletzt sich am Ellenbogen. Noch heute könne sie den Arm nicht richtig strecken. Auch psychisch habe das Erlebte Spuren bei ihr hinterlassen: Alleine mit dem Zug zu fahren habe sie sich seit diesem Tag nicht mehr getraut.

Augenzeugen brechen in Tränen aus

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Die tödliche Gleis-Attacke löste bundesweit Entsetzen und Mitgefühl aus

Gedenkstelle am Frankfurter Hbf
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Drei weitere Augenzeugen sind an diesem Mittwoch geladen. Alle berichten sie von der Attacke, den quietschenden ICE-Bremsen, entsetzten Schreien. Ein junger Mann bricht im Zeugenstand bei der Erinnerung an die Bilder von Gleis 7 in Tränen aus. Ein anderer berichtet, die Attacke sei einer der Gründe, warum er kürzlich aus Frankfurt weggezogen sei.

Auch er hatte gesehen, wie "zwei Körper ins Gleisbett fielen", wie er es formuliert. Anschließend habe er der Frau nach der Attacke aus dem Gleisbett geholfen, sie ein Stück vom Tatort weggeführt und betreut, bis die Sanitäter eintrafen. An ihn richtet sich der Vater des tödlich verunglückten Jungen nach seiner Aussage im Zeugenstand persönlich, mit einer Botschaft seiner Frau. "Die Mutter möchte, dass ich Ihnen Danke sage, dass Sie so beherzt waren und sie rausgeholt haben und sich gekümmert haben, als sonst keiner da war." Als er diese Sätze vorträgt, bricht ihm die Stimme.

Schizophrene Wahnvorstellungen

Kaum zehn Meter entfernt von Vater, ihm frontal gegenüber, sitzt der Beschuldigte. Der 41-jährige Eritreer verfolgt den Prozess ohne erkennbare Regung, den Blick ruhig vom Dolmetscher zum Richter und den Zeugen wandernd. An die Tat habe er keine Erinnerung, wie er in Gesprächen mit Psychiatern sagte, deren Protokolle am Mittwoch verlesen werden. Falls die Vorwürfe zuträfen, handele es sich um den größten Fehler seines Lebens. Frauen und Kinder müsse man beschützen. Auch von Stimmen, die er gehört haben will, berichtete er den Ärzten in den Gesprächen, und von Menschen, die ihn verfolgt hätten oder seine Gedanken kontrollierten.

Das psychologische Gutachten, das die Staatsanwaltschaft nach der Tat im Hauptbahnhof in Auftrag gegeben hatte, bescheinigt dem Beschuldigten, an schizophrenen Wahnvorstellungen gelitten zu haben. Es sei deshalb davon auszugehen, dass er zum Tatzeitpunkt nicht schuldfähig war, hieß es schon vor dem Prozessauftakt.

Dauerhaft in die Psychiatrie?

Der Gutachter hält es außerdem für wahrscheinlich, dass von dem Beschuldigten auch in Zukunft Gefahr ausgehen könnte. Statt einer Anklage stellte die Staatsanwaltschaft deshalb einen Antrag, den Beschuldigten dauerhaft in einer Psychiatrie unterzubringen. Er wird offiziell auch nicht als Angeklagter, sondern als Beschuldigter geführt. Derzeit ist er in einer psychiatrischen Klinik untergebracht.

Nach Polizeiangaben war der Mann bereits seit einem Jahr in psychiatrischer Behandlung. Eine Woche vor der Gleis-Attacke habe er seine Frau und die gemeinsamen drei Kinder in ihrer Wohnung in der Schweiz eingesperrt und eine Nachbarin angegriffen. Zum Tatzeitpunkt wurde er in der Schweiz per Haftbefehl gesucht. Davor war der Mann nicht durch Straftaten aufgefallen, galt als gut integriert. Auch seine Familie habe der plötzliche Gewaltausbruch überrascht.

Prozess bis Ende August angesetzt

Die Staatsanwaltschaft legt dem 41-Jährigen Totschlag, versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung in zwei Fällen zur Last. Das Gericht erklärte, auch Mord sowie versuchter Mord in zwei Fällen kämen infrage, "sofern die Beweisaufnahme ergeben sollte, dass der Beschuldigte unter bewusster Ausnutzung der Arg- und Wehrlosigkeit der Opfer (Heimtücke) gehandelt hat".

Am Donnerstag wird der Prozess fortgesetzt. Geladen sind zahlreiche Sachverständige und Zeugen, beispielsweise Passanten, die das Geschehen am Bahnhof beobachteten oder Polizeibeamte, die an dem Tag im Einsatz waren. Dass die Mutter als Zeugin auftrete, sei zunächst nicht vorgesehen, sagte ein Gerichtssprecher. Für den Prozess sind zunächst sechs Verhandlungstage angesetzt. Möglicherweise wird bereits am 28. August das Urteil gesprochen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 19.08.2020, 19.30 Uhr