Einsatzkräfte nehmen in Volkmarsen Spuren auf.

Rosenmontag 2020 in Volkmarsen: Tausende sind gekommen, um in der nordhessischen Fastnachtshochburg fröhlich zu feiern. Am Ende stehen das nackte Entsetzen und bundesweite Anteilnahme.

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Fastnacht in Volkmarsen (Waldeck-Frankenberg) ist ein Volksfest, der Rosenmontag der traditionelle Höhepunkt. Um 14 Uhr Rathauserstürmung mit symbolischer Schlüsselübergabe. Dann der Start des großen Umzugs mit 700 Teilnehmern und vielen tausend Zuschauern - zunächst läuft auch diesmal alles nach Plan. Zum abschließenden kunterbunten Rosenmontagsball in der Nordhessenhalle kommt es dann aber nicht mehr.

Um halb drei am Nachmittag weicht im 6.800-Einwohner-Städtchen an der Landesgrenze zu Nordrhein-Westfalen die fröhliche Stimmung Leid und Entsetzen. Ein silberfarbener Mercedes Kombi fährt in eine Menge feiernder Menschen. "Wir waren höchstens 20 Meter von der Stelle entfernt. Auf einmal stand das Auto da mitten in den Menschen. Das ist schlimm gewesen", berichtet eine Augenzeugin.

"Jetzt noch zittrige Knie"

Wie andere trägt sie ein Fastnachtskostüm, während Sirenen ertönen, Hubschrauber kreisen und Rettungwagen an- und abfahren. Nur nach und nach wird klar, was geschehen ist: Ein 29 Jahre alter Mann aus Volkmarsen ist "bewusst in die Personengruppe gefahren", wie ein Polizeisprecher erklärt. Zeugen berichten vom Eindruck, er habe noch einmal voll aufs Gas getreten. Zunächst heißt es, 30 Menschen seien verletzt, darunter einige schwer, ein Drittel der Opfer seien Kinder. Am Tag darauf berichtete die Polizei von fast 60 Verletzten (davon 35 Schwerverletzte), darunter seien 18 Kinder.

Verletzte liegen am Boden und schreien vor Schmerzen. "Die Leute sind wie Papier durch die Luft geflogen. Ich habe jetzt noch zittrige Knie", erzählt Augenzeuge Friedhelm Engelmann. Auf der linken Wange hat er noch ein aufgemaltes Blümchen. Während der Ort, der wohl ein Tatort und kein Unfallort ist, schon abgesperrt wird, herrscht bei vielen ängstliche Ungewissheit wegen Verwandten und Freunden.

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Krankenwagen in Volkmarsen.
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"Will nur wissen, ob es ihr gut geht"

Lena Schweikert sucht in der Aufregung nach der mutmaßlichen Auto-Attacke nach ihrer Schwester. "Sie war vorne mit beim Umzug dabei. Ich will nur wissen, ob es ihr gut geht", sagt sie. Gewissheit hat dagegen Elisa-Daisy Jackson: "Ein Klassenkamerad wurde angefahren. Er hat eine Verletzung am Fuß und eine Gehirnerschütterung. Ich bin glücklich, dass ihm nicht noch mehr passiert ist."

Auch der 29 Jahre alte Verursacher selbst ist verletzt. Er kann deshalb zunächst nicht vernommen werden. Seine Motive bleiben unklar. Betrunken war er nicht, wie die Generalstaatsanwaltschaft am Tag danach mitteilen wird. Ob er unter Drogeneinfluss stand, stehe nicht fest

Der Vorfall verunsichert viele, er findet Interesse weit über Hessen und Deutschland hinaus. Denn vor wenigen Tagen erst hat ein vermutlich psychisch kranker Rassist zehn Menschen und dann sich selbst in Hanau getötet.

"Es war schrecklich anzusehen", sagt Landrat Reinhard Kubat (SPD). Als er in Volksmarsen eintrifft, lagen Opfer noch am Boden, auch Kinder. Sie seien aber bereits zugedeckt und notärztlich versorgt worden. "Und wir haben keine Toten zu beklagen. Das ist ja auch eine gute Nachricht", sagt er.

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Aufgewühlte Spekulationen

Warum das alles? Landrat Kubat kann sich, aufgewühlt wie er ist, nicht vorstellen, dass diese sinnlos erscheinende Tat kein politischer Anschlag ist. Rasch machen in der Kleinstadt, vor allem aber in den Sozialen Medien Spekulationen die Runde, auch wegen widersprüchlicher offizieller Angaben. Einen Anschlag will das Innenministerium nicht ausschließen.

Zu denen, die das alles fassungslos macht, zählt Ute Wilke. Sie wollte wie viele andere nach dem Zug in der Nordhessenhalle feiern: "Wir hatten den Kaffee gekocht. Die Würstchen lagen auf dem Grill. Jetzt haben wir alles wieder weggepackt und die Kapelle nach Hause geschickt." Weiterreden kann sie nicht, zu schlimm war dieser Tag.

Wieder Botschaften des Mitgefühls

Und wieder - wenn auch in einem womöglich ganz anders gelagerten Fall von Gewalt - treffen aus ganz Deutschland Botschaften des Mitgefühls und Mutmachens in Hessen ein. "Meine Gedanken sind bei den Verletzten von Volkmarsen und ihren Angehörigen", lässt Kanzlerin Angela Merkel (CDU) über die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer auf Twitter erklären.

"Unsere Gedanken sind bei den Verletzten von Volkmarsen", twittert auch Außenminister Heiko Maas (SPD) und schließt: "Und von Herzen danke ich den Einsatzkräften vor Ort." "Tief bestürzt" zeigt sich CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak bei Twitter. Und ob Grüne, AfD, FDP oder Linkspartei - sie alle bekunden ihre Anteilnahme.

Eine furchtbare Tragödie in meiner nordhessischen Heimat. Ich hoffe und bete für die Verletzten! Allen wünsche ich vollständige und baldige Genesung! Bin in Gedanken in #Volkmarsen .

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"Bin in Gedanken in Volkmarsen", schreibt der osthessische SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Roth. Und Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) erinnert an die Mordtat von Hanau fünf Tagen zuvor. Wieder muss er tröstliche Worte finden. "Ich bin schockiert über diese schlimme Tat, durch die viele unschuldige Menschen zum Teil schwer verletzt worden sind", sagt er.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 24.02.2020, 22 Uhr