Ein Jahr Hanau

Ausgerechnet der für eher rabiate Videospielverfilmungen bekannte Regisseur Uwe Boll will einen Film über den rassistischen Anschlag von Hanau veröffentlichen. Stadt und Opfer-Hinterbliebene reagieren empört. Boll indes erklärt, der Film sei bereits abgedreht.

Eines muss man Uwe Boll lassen: Der 55-jährige Regisseur versteht es, sich immer wieder selbst zum Gesprächsthema zu machen. In Cineasten-Kreisen hat sich der gebürtige Nordrhein-Westfale durch einschlägige Videospielverfilmungen und Direct-to-Video-Produktionen den Ruf eines der "schlechtesten Regisseure" aller Zeiten erworben. Eines Filmmachers, der mehr auf vermeintlich zugkräftige Titel ("Alone in the Dark", "Far Cry"), billige Action und viel Kunstblut setzt als auf ausgereifte Drehbücher. Seine Arbeitsweise brachte ihm 2009 den Negativ-Preis "Goldene Himbeere" für das "schlechteste bisherige Lebenswerk" ein.

Vor gut fünf Jahren verkündete der allenthalben von Kritik und Fans gescholtene Boll seinen Rückzug aus der Filmbranche. In Zeiten von Streaming-Diensten war sein auf DVD-Verkauf und -Verleih ausgerichtetes Modell unrentabel geworden. Nun aber meldet sich Boll zurück - und sorgt damit für Schlagzeilen. Denn ausgerechnet der rassistische Anschlag in Hanau vom Februar 2020 soll das Sujet seines neuen Filmes sein. Die Stadt Hanau und die Angehörigen der Opfer reagierten mit Empörung auf die Ankündigung des umstrittenen Filmemachers.

Stadt und Angehörige fordern Abbruch

Regisseur Uwe Boll

"Wir alle – die Familien der Opfer, der Magistrat sowie die Stadtverordnetenvorsteherin und die Fraktionen – fordern Sie mit Nachdruck auf, die Vorbereitungen sofort einzustellen und auf die Dreharbeiten zur Realisierung dieses Films zu verzichten", hieß es in einem offenen Brief an Boll, den die Stadt Hanau am Freitag veröffentlichte. Unterzeichnet wurde er neben den Opferfamilien unter anderem von Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD). Zuvor hatte die "Bild"-Zeitung über das Filmprojekt berichtet.

Bei dem Anschlag vom 19. Februar hatte ein 43-jähriger Deutscher in der Hanauer Innenstadt und im Stadtteil Kesselstadt neun Menschen aus rassistischen Motiven erschossen und anschließend auch seine Mutter und sich selbst getötet.

Stadt und Opfer-Familien erklärten in dem offenen Brief, das Attentat habe viele Wunden gerissen – in den betroffenen Familien, in der ganzen Stadtgesellschaft. "Die Stadt ist seither nicht mehr dieselbe und wir alle tun unser Bestes, um die Ereignisse angemessen zu verarbeiten. Es übersteigt unsere Vorstellungskraft, welche Geisteshaltung notwendig ist, um den gewaltsamen Tod von neun Mitmenschen in einer Art und Weise filmisch umzusetzen, die nach Ihren eigenen Worten zu hart für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ist."

Eine Hanauer Stadtsprecherin sagte, Boll habe mit der Stadt zu dem Filmprojekt zuvor keinen Kontakt aufgenommen. Auch die Opfer-Familien und -vereine hätten davon aus der Presse erfahren, hieß es in dem Brief. Boll erklärte dazu, er habe mit der Bildungsinitiative Ferhat Unvar Kontakt aufgenommen, von dort aber signalisiert bekommen, dass man von dem Projekt Abstand nehme.

Film bereits fertiggestellt

Das scheint Boll indes nicht davon abgehalten zu haben, sein Filmprojekt weiter voranzutreiben. Der Film sei bereits gedreht und dürfte in einigen Monaten fertiggestellt sein, erklärte Boll gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Der Regisseur verteidigte sein Vorhaben damit, dass er auf der Seite der Opfer stehe und einen Beitrag zur Aufklärung der Ereignisse vom 19. Februar 2020 leisten wolle. Für Boll ist es beleibe nicht das erste Mal, dass er sich eines schwierigen Themas annimmt. 2011 entstand unter seiner Regie ein Film mit dem Titel "Auschwitz", der unter anderem Vergasungen im größten Vernichtungslager des NS-Regimes explizit darstellte. Der Film wurde von der Kritik einhellig verrissen.

Stadt und Angehörige forderten Boll indes für den Fall der Umsetzung auf, "die Persönlichkeitsrechte der Angehörigen, deren Pietätsempfinden und die fortwirkende Menschenwürde der Verstorbenen zu beachten". Andernfalls würden juristische Schritte eingeleitet.