Polizei in Hanau am Anschlagsort

Nach dem Anschlag von Hanau stellen sich Fragen: Warum wurde der mutmaßliche Attentäter Tobias R. nicht vorzeitig aus dem Verkehr gezogen? Oder wenigstens beobachtet? Ein Versuch, die Arbeit der Ermittler nachzuvollziehen.

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zum Video Polizeipräsenz wird nach Anschlag  in ganz Deutschland erhöht

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Über eine Konsequenz aus Hanau informierte der Bundesinnenminister die Öffentlichkeit am Freitag: Zum Schutz der Bevölkerung werde in ganz Deutschland die Polizeipräsenz erhöht, erklärte Horst Seehofer (CSU) in Berlin. Verstärkte Überwachung "sensibler Einrichtungen" wie Moscheen zählten dazu, aber auch mehr Präsenz an Bahnhöfen und Flughäfen. Damit sollen vor allem mögliche Nachahmungstaten verhindert werden.

Das ist gut und wichtig. Doch nach der mutmaßlich rechtsterroristischen Attacke mit zehn Todesopfern und einem toten Attentäter stellt sich vielmehr die Frage: Was können Sicherheitsbehörden tun, um ähnliche Taten künftig zu verhindern? Wie können offenkundig psychisch kranke, aber nicht gewaltbereite Menschen von potenziellen Attentätern unterschieden werden?

Ausweislich seiner Aussagen auf Videos und in seinem Bekennerschreiben war Tobias R. zwar ein offenkundig psychisch kranker Mensch, vor allem aber: ein Faschist und Rassist.

Zutiefst rassistisch und unter dem Radar

Der Verfassungsschutz hatte Tobias R. nicht auf dem Schirm. Polizeilich sei er bis zu diesem schrecklichen Abend des 19. Februar nicht in Erscheinung getreten, sagte Innenminister Peter Beuth (CDU) am Morgen nach dem Attentat. Der Vorsitzende seines Schützenvereins in Frankfurt beschrieb Tobias R. als ruhigen Typ, der sich nie abfällig über andere geäußert habe. Warum sollten Verfassungsschützer ihn also überwachen, könnte man meinen.

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Es gab natürlich noch den anderen Tobias R. - den, der auf Youtube und seiner eigenen Homepage krudeste Weltansichten verbreitete (worauf der Verfassungsschutz offenbar auch nicht ansprang, vielleicht auch, weil sie wohl erst kurz vor der Tat eingestellt wurden; man könne nicht das gesamte Internet im Blick haben, sagte Beuth in den tagesthemen im Ersten). Dem der Generalbundesanwalt eine "zutiefst rassistische Gesinnung" attestiert. Und dessen 24-seitige Hinterlassenschaft über weite Strecken ein Zeugnis ideologischen und pathologischen Irrsinns darstellt.

Beim Generalbundesanwalt kein Unbekannter

Das Problem: Man kann Menschen nicht in den Kopf gucken. Auch wenn Tobias R. der Überzeugung war, dass verborgene Kräfte genau dies bei ihm taten. Aus diesem Grund stellte der Hanauer im vergangenen November Strafanzeige beim Generalbundesanwalt am Bundesgerichtshof in Karlsruhe - gegen eine unbekannte geheimdienstliche Organisation, die sich "in die Gehirne der Menschen einklinkt und dort bestimmte Dinge dann abgreift, um dann das Weltgeschehen zu steuern".

Ein Ermittlungsverfahren wurde wenig überraschend nicht eingeleitet - weder gegen jene mysteriöse Macht noch gegen Tobias R. selbst. Rassistische oder rechtsextreme Ausführungen seien in der Anzeige auch nicht enthalten gewesen, sagte Generalbundesanwalt Peter Frank am Freitag. Wobei das nicht ganz der Wahrheit entspricht: In dem 19-seitigen Schreiben, das dem hr vorliegt, geht es neben inhaltlichen Ausführungen zu Hollywood, Frauen und Hochverrat eben auch um die nach Tobias R.s Überzeugung hohe Ausländerkriminalität und "innere Feinde", die bekämpft werden müssten.

Strafverfolger ertrinken in wirren Zuschriften

Bedenklich sind solche Worte allemal. Aber sind sie aus der Feder eines bis dato unauffälligen Bürgers auch Anlass genug, Ermittlungen aufzunehmen? Polizeistationen, Staatsanwälte und Medienhäuser wie der Hessische Rundfunk erhalten täglich eine Flut von Zuschriften, darunter welche mit teils krudem, teils menschenverachtendem Inhalt. Jedem Verfasser solcher Schreiben können Strafermittler sicher nicht nachspüren.

Inhaltlich und in Sachen Wortwahl bekommen Ermittler sicher Schlimmeres zu lesen als jene Anzeige von Tobias R. im Herbst 2019. Die ekelhaftesten Ausfälle gegenüber Mitbürgern, die Tobias R. als "Ausländer" bezeichnete, behielt er sich für sein als Testament verfasstes Manifest vor.

Der 43 Jahre alte Attentäter gab an, dass er schon Jahre vor seinem Schreiben an den Generalbundesanwalt mehrfach bei der Polizei Anzeigen gestellt habe. Gleichzeitig sei er davon ausgegangen, dass seine dortigen Ansprechpartner "entsprechend manipuliert wurden, mit dem Ergebnis, dass sie ihre eigene Strafverfolgung verhindern konnten".

Für Polizisten gibt es kein Schema F

Grundsätzlich werde jedes Anliegen erst einmal aufgenommen, für ernst befunden und überprüft, sagte Polizeisprecher Rudi Neu vom für Hanau zuständigen Präsidium Südosthessen. Eine Anleitung zum Umgang mit offenkundig psychisch gestörten Menschen gebe es nicht. Jeder Fall, jeder Mensch, werde einzeln betrachtet. Gründe, die für oder gegen Ermittlungen sprechen, würden abgewogen.

In Extremfällen, also wenn Menschen offensichtlich eine Gefahr für sich oder andere darstellen, können die Polizisten in Absprache mit Ärzten und auf Anordnung eines Richters Zwangseinweisungen vornehmen lassen. Die Hürden dafür sind verständlicherweise hoch und wurden erst 2018 vom Bundesverfassungsgericht noch einmal angehoben.

Kriminalpsychologen geben Hilfestellung

Auch haben Polizisten immer die Möglichkeit, Experten für Risikoeinschätzungen zu Rate zu ziehen. Extra dafür gibt es eine europaweite Datenbank für Kriminalpsychologen. Einer von ihnen ist Jens Hoffmann, Leiter des Instituts für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt.

Nach Hoffmanns Worten können Gewalttaten zwar nicht vorhergesehen, Risiken aber sehr wohl erkannt werden. Es sei nötig, sich in die Gedankenwelt der Betroffenen zu begeben. Dann könne man einschätzen, woraus Motivation oder Vorbereitung für solche Gewalttaten entstehen könnten.

"Man wird nie alles verhindern können"

Auch im Internet, dem Marktplatz, der bislang noch jedem Rassisten und Irrgeleiteten eine Stimme sowie Zuhörer gegeben hat, seien auffällige Verhaltensmuster durchaus identifizierbar. "Man wird nie alles verhindern können, aber man kann sagen, wenn sich was zusammenbraut", sagte der Kriminalpsychologe der Nachrichtenagentur dpa. Das Problem sei eher, dass es in Deutschland relativ wenige Fachleute gebe, die eine entsprechende Risikoeinschätzung vornehmen und solche Fälle begleiten könnten.

Anschläge erforderten eine Vorbereitung, die nur schwer durchzuführen sei, wenn man an einer Fehlwahrnehmung der Realität leide, erklärte der Kriminalpsychologe. Vergleichsweise wenige psychisch Erkrankte setzten ihre Gewaltfantasien um. "Die meisten, die wahnhaft sind, schaffen das nicht", sagte Hoffmann.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 21.02.2020, 14.20 Uhr