Polizisten transportieren die verletzte Person ab.

Die Beziehung zwischen Waldbesetzern und Polizisten im Dannenröder Forst ist kompliziert und wird weiter belastet. Nach dem Sturz einer Demonstrantin von einem Baumgestell wird gegen einen Beamten ermittelt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ermittlungen wegen verletzter Waldbesetzerin

Ermittlungen gegen Polizisten nach Absturz von Waldbesetzerin
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Die aufgeheizten Auseinandersetzungen zwischen Waldbesetzern und Polizei im Dannenröder Forst werden weiter angefacht. Am Montag berichteten Polizei und Staatsanwaltschaft Gießen, dass ein Polizist für den Absturz einer Demonstrantin von einem meterhohen Holzgestell verantwortlich sei.

Der Beamte habe das Sicherungsseil an dem Tripod genannten Aufbau zerschnitten. Dadurch sei die 20-jährige Frau, die dort ihren Protest sitzend verrichtete, drei bis vier Meter in die Tiefe gefallen. Es bestand und besteht nach dem Vorfall vom Sonntag aber keine Lebensgefahr, wie die Polizei berichtete. Die Frau sei in stationärer Behandlung im Krankenhaus. Sie habe Verletzungen am unteren Rücken erlitten, teilten die Waldbesetzer mit.

Seil war nicht gekennzeichnet

Staatsanwaltschaft und Polizei erklärten in einer Mitteilung, dass der Beamte die Folgen seines Handelns nicht habe überblicken können. Er habe sich etwa 30 Meter von dem Tripod entfernt befunden, als er das Seil auf Kopfhöhe entdeckt habe. "Dieses Seil war weder gekennzeichnet noch hatte es augenscheinlich eine erkennbare Verbindung mit dem besetzten Gebilde. Nach jetzigem Erkenntnisstand bestand jedoch tatsächlich eine Verknüpfung zwischen dem Seil und dem Tripod", berichteten die Behörden. Nach dem Vorfall am Sonntagmorgen habe sich der Beamte bei den Ermittlern selbst gemeldet.

Die Polizei erklärte weiter: "In den vergangenen Tagen wurden mehrfach Fallen in Form von Nagelbrettern, Nageleimern, aber auch Drahtseilen in Kopfhöhe festgestellt, die grundsätzlich geeignet sind, Gefahren für Leib und Leben von Menschen zu begründen." Zur "Verhinderung von solchen Risiken für sämtliche im Wald anwesende Personen" habe der Beamte das Seil durchtrennt.

LKA und Polizei ermitteln

Staatsanwaltschaft und Polizei berichteten auch, dass der gestürzten Frau unverzüglich geholfen worden sei. Beamte, die in etwa 20 Meter Entfernung standen, hätten sofort erste Hilfe geleistet. Der Ort des Geschehens wurde danach als Tatort abgesperrt. Beamte des Landeskriminalamtes (LKA) und der Polizei ermitteln nun wegen des Vorfalls.

Waldarbeiter im Dannenröder Forst

Der Absturz der Frau hatte bereits am Sonntag für scharfe Kritik am Verhalten der Einsatzkräfte ausgelöst: Waldbesetzer unterstellten den Beamten fahrlässiges Vorgehen. Das Bündnis "Wald Statt Asphalt!" forderte nach dem Sturz den sofortigen Stopp der Räumungs- und Rodungsarbeiten. Das geschah aber nicht. Am Montag, dem siebten Einsatztag von Polizei und Waldarbeitern, ging es wie in den Tagen zuvor weiter im Dannenröder Forst.

Es kam auch wieder zu Attacken gegen Polizisten. "Unsere Einsatzkräfte werden mit Zwillen beschossen und erneut mit Pyrotechnik angegriffen", berichtete die Polizei via Twitter. Solchen Angriffen sahen sich die Beamten in den vergangenen Einsatztagen wiederholt ausgesetzt. Beim Abriss von Baumhäusern hoch oben im Kronendach des Dannenröder Forstes wurde die eingesetzten Maschinen von Waldbesetzern mit Flaschen beworfen.

Nach Attacken in den vergangenen Tagen auf Polizeibeamte berichtete die Staatsanwaltschaft Gießen am Montag, dass zwei Steinewerfer in Untersuchungshaft kamen, weil bei ihnen sonst Fluchtgefahr bestehe.

"Komplexe Strukturen nicht durchschaut"

Kritik schlug der Polizei etwa in Social-Media-Kanälen entgegen. In einem Beitrag bei Twitter hieß es etwa: "Täglich mehrfach werden sicherheitsrelevante Strukturen gekappt oder zerstört. Im Einzelfall ist das bewiesen worden und die Polizei musste zugeben, was sie zu verantworten hat. Ausgeführt hat ein Cop vor Ort, der komplexe Strukturen nicht durchschaut haben mag." Es sei nicht das erste Mal gewesen, dass Beamte fahrlässig und gefährlich im Wald vorgegangen seien.

Das Bündnis "Wald statt Asphalt!" befand in einer Mitteilung: "Die Polizei hat in den letzten Tagen wiederholt klar gekennzeichnete Sicherungsseile gekappt und in einem Fall sogar begonnen, einen noch besetzten Baum zu fällen." Nur durch Glück sei bislang Schlimmeres verhindert worden.

Weiterer Zwischenfall am Montag

Die Waldbesetzer berichteten am Montagmittag von einem weiteren Zwischenfall: Wegen der Fällung eines Baumes von Waldarbeitern stürzte ein nahe agierender Baumbesetzer fünf Meter in die Tiefe, stürzte aber wegen eines Sicherungsseils nicht zu Boden.

Nach Angaben der Polizei war der Baum jedoch bereits kurz vor der Fällung und menschenleer, als eine Ausbaugegnerin sich in Richtung Baum und damit in Lebensgefahr begab. Wie die Polizei weiter berichtet, war es zu diesem Moment kaum noch möglich, den Baum vorm Umfallen zu retten. Beim endgültigen Fallen seien dann Äste hängengeblieben und hätten die Traverse, auf der sich die Frau befand, massiv zum Schaukeln gebracht. Es sei jedoch niemand zu Schaden gekommen.

Die Linke aus dem Hessischen Landtag schloss sich der Forderung nach einem Rodungsstopp an. "Von einem Polizeieinsatz darf keine Gefährdung von Menschen ausgehen. Wir erwarten, dass die beiden Vorfälle aufgeklärt und die notwendigen Konsequenzen gezogen werden", sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Jan Schalauske aus Marburg. Die Linke sprach sich bereits in einem Beschluss gegen das Bauprojekt aus.

Polizei: Helft uns, Risiken zu erkennen

Die Polizei hatte vor Beginn der Räumungen, die am 10. November begonnen hatten, betont, dass sie bedacht und vorsichtig bei dem Einsatz vorgehen werde. Sicherheit sei wichtiger als Geschwindigkeit und Raumgewinn im Wald. Diesem Anspruch konnten die Einsatzkräfte in diesem Fall nicht gerecht werden.

Ein Waldbesetzer in einer Hängematte wird von Einsatzkräften der Polizei geborgen.

Eine Polizeisprecherin appellierte an die Demonstranten in einem Video, weiter mit den Beamten vor Ort im Dialog zu bleiben. Sie bat: "Macht uns auf Risiken aufmerksam." Zudem sollten die Waldbesetzer für sich ebenfalls die Risiken abwägen.

Die Polizei betonte erneut, dass es ihre Aufgabe sei, das Waldgebiet zu räumen, damit die geplanten Baumfällarbeiten für den rechtlich genehmigte Autobahn-Weiterbau stattfinden können. Anspruch der Beamten sei es, dass niemand verletzte. "Es ist wirklich keine Phrase, dass im Wald Sicherheit vor Geschwindigkeit geht", beteuerte sie. Die Waldbesetzer erwiderten: Diese Sätze seien nichts als "leere Propaganda".

27 Hektar Wald sollen gerodet werden

Harvester im Dannenröder Forst

In dem Waldstück nahe Homberg/Ohm im Vogelsbergkreis sollen auf einer Fläche von 27 Hektar Bäume für den Weiterbau der A49 gerodet werden. Vor dem Einsatz im Dannenröder Forst hatte es Rodungen im Herrenwald bei Stadtallendorf (Marburg-Biedenkopf) und im Maulbacher Wald bei Homberg/Ohm gegeben.

Umwelt- und Klimaschützer protestieren, weil sie das Projekt angesichts der Klimakrise für verfehlt halten. Befürworter versprechen sich von dem Autobahnbau weniger Verkehrs- und Lärmbelastung in den Dörfern und eine bessere Anbindung ans Straßennetz. Seit mehr als einem Jahr halten Aktivisten den Dannenröder Forst besetzt, sie haben sich in mehreren Baumhaus-Camps eingerichtet und zahlreiche Barrikaden aufgebaut.

Sendung: hr1, 16.11.2020, 13.00 Uhr