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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Bruder der getöteten Cindy: "Der Unfall hätte verhindert werden können"

Sprecher der Bürgerinitiative "Die Schranke muss weg" am Bahnübergang in Frankfurt-Nied

Vor einem Jahr ist eine 16-Jährige am Bahnübergang in Frankfurt-Nied ums Leben gekommen. Wie es zum Unfall kommen konnte, ist immer noch nicht geklärt. Die Familie der Getöteten erhebt schwere Vorwürfe.

Warum war die Schranke geöffnet? Diese Frage ist auch ein Jahr nach dem tödlichen Unfall am Bahnübergang in Frankfurt-Nied nicht abschließend geklärt, die Ermittlungen laufen noch. Der Frankfurter Staatsanwaltschaft liegen zwei Gutachten zum Unfallhergang vor, sie äußert sich aber nicht zum Inhalt. Derzeit sei noch ein Ergänzungsgutachten in Arbeit, teilt eine Sprecherin mit.

Fest steht: Am Abend des 7. Mai 2020 waren die Schranken am Bahnübergang in Frankfurt-Nied zunächst längere Zeit geschlossen, weil Züge über die Gleise fuhren. Dann öffnete die Wärterin an der Strecke, die die Anlage manuell bedient, die Schranken, obwohl ein weiterer Zug auf den Bahnübergang zukam - mit verheerenden Folgen: Die 16-jährige Cindy, die zu Fuß auf dem Weg nach Hause war, wurde vom Zug erfasst und kam ums Leben. Eine Autofahrerin und ein Radfahrer wurden schwer verletzt.

Hinweise auf technischen Defekt

Gegen die Schrankenwärterin wird wegen fahrlässiger Tötung und Gefährdung des Bahnbetriebs ermittelt. Doch es gibt Hinweise, dass möglicherweise auch ein technischer Defekt eine Rolle gespielt haben könnte. Aus einem Zwischenbericht der Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung geht hervor, dass es an der Bahnanlage zum Unfallzeitpunkt eine Störung gab. Sonst hätte die Wärterin die Schranken gar nicht manuell öffnen können.

Gedenkstätte für die getötete 16-Jährige am Bahnübergang in Frankfurt-Nied

Für Cindys Familie ist die Ungewissheit, wie es zu dem Unfall kam, schwer zu ertragen. Sie hat gegenüber dem Bahnübergang eine Gedenkstelle mit Fotos, Blumen und Kerzen eingerichtet. "Die Frage nach dem Warum beschäftigt einen jeden Tag, das lässt einen einfach nicht los", erzählt Dominik, der 21 Jahre alte Bruder von Cindy. "Immer wenn man an der Schranke steht, hat man dieses ungute Gefühl, weil man an den Unfall denken muss. Man hat dieses Bild vor Augen und kann es immer noch nicht richtig begreifen." Und er ist sich sicher: "Dieser Unfall hätte verhindert werden können."

Seit Jahrzehnten Kritik an Bahnübergang

Der Bahnübergang in Nied steht seit Jahrzehnten in der Kritik, weil er in einer Kurve an einer vielbefahrenen, unübersichtlichen Kreuzung liegt. Mit rund 250 Zügen pro Tag ist er einer der am stärksten befahrenen Bahnübergänge in Frankfurt - und einer der wenigen in ganz Deutschland, die noch manuell von einem Schrankenwärter vor Ort bedient werden. Außerdem ist er störanfällig und muss immer wieder zeitweise gesperrt werden.

Schon seit den 1960er Jahren gibt es deshalb konkrete Pläne von der Deutschen Bahn und der Stadt Frankfurt, den Übergang zu beseitigen und eine Unterführung zu bauen. Doch das Projekt wurde immer wieder aufgeschoben.

Druck auf Bahn und Stadt wächst

Nach dem tödlichen Unfall ist der Druck gewachsen, dass die Pläne endlich in die Tat umgesetzt werden. In Nied hat sich die Bürgerinitiative "Die Schranke muss weg" gegründet. Nach dem Unfall sind die Mitglieder einmal im Monat auf die Straße gegangen, haben unter anderem vor dem Frankfurter Römer demonstriert: "Wir haben die Nase voll, es reicht! Wir wollen, dass endlich was passiert", sagt Initiatorin Heike Stoner.

Der hartnäckige Protest zeigte Wirkung: Im Oktober kamen Klaus Vornhusen, der Bahn-Konzernbevollmächtigte für Hessen, und Frankfurts Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) an die Unfallstelle. Sie kündigten einen konkreten Zeitplan für die Beseitigung des Bahnübergangs an. Er soll in drei Schritten erfolgen.

Geplanter Umbau in drei Schritten

Bis Ende dieses Jahres soll der Übergang zunächst technisch aufgerüstet werden, damit sich die Schranken automatisch schließen, wenn ein Zug kommt. Außerdem sollen Ampeln vor dem Bahnübergang gebaut werden. Bis 2023/2024 ist dann eine Unterführung für Fußgänger und Radfahrer geplant.

Im dritten Schritt will die Bahn eine Unterführung für Autos bauen, damit wäre der Bahnübergang beseitigt - das wäre frühestens 2027 der Fall. Doch die Bauarbeiten im dichtbesiedelten Wohngebiet sind kompliziert und könnten sich verzögern, unter anderem weil Grundstücke von Privatleuten im Weg sind, mit denen sich die Bahn und die Stadt erst einigen müssen.

"Für uns kommt das zu spät"

Die Familie der verstorbenen Cindy begrüßt die Pläne für den Umbau des Bahnübergangs, ist aber auch skeptisch, ob alles tatsächlich so kommt wie versprochen. "Es gab schon viele Pläne in der Vergangenheit. Jetzt muss auch mal was in die Tat umgesetzt werden. Ich glaube das erst, wenn der erste Spatenstich gemacht wurde", sagt Cindys Bruder Dominik: "Wenn man jetzt die Technik erneuert, ist das zwar ein kleiner Schritt - aber für uns kommt er zu spät."

Sendung: hr-iNFO, 07.05.2021, 8.10 Uhr