Hunde in einem Zwinger

Wegen der großen Nachfrage haben sich viele Familien in der Corona-Zeit einen Hund über das Internet gekauft, meist aus dubiosen Zuchten. Jetzt landen zahlreiche dieser oft aggressiven Tiere im Heim, weil Herrchen und Frauchen nicht mit ihnen zurechtkommen. Erste Heime sind überfüllt, Tierschützer verzweifelt.

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In der Corona-Zeit haben sich viele Menschen den Traum von einem Haustier erfüllt. Zeit war ausreichend vorhanden, die Kinder brauchten eine Beschäftigung und manch einer mag wegen der sozialen Isolation auch auf der Suche nach etwas tierischer Gesellschaft gewesen sein.

Besonders Hunde als vermeintlich beste Freunde des Menschen waren gefragt. Doch die Realität sah in vielen Familien offenbar anders aus: Stress, Überforderung, ja sogar Gewalt zogen mit dem Vierbeiner in die eigenen vier Wände ein.

Tierheime stoßen an ihre Grenzen

Das bekommen derzeit die Heime der Tierschutzvereine auch in Hessen mit voller Wucht zu spüren: In Reichelsheim (Odenwald) etwa wurden in den letzten Tagen und Wochen so viele Hunde abgegeben, dass die Einrichtung des Tierschutzvereins "Tiere in Not Odenwald" aus allen Nähten platzt. "Wir können keine Hunde mehr nehmen", klagt Leiterin Ute Heberer im Gespräch mit dem hr. "Wir wissen einfach nicht mehr, wohin mit den Tieren."

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Erste Tierheime verhängen Aufnahmestopp

Ein Hund im Zwinger
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Groß ist die Not auch in anderen Tierheimen, wie etwa in Gelnhausen (Main-Kinzig): "Wir bekommen viele Anrufe von Tierhaltern, die ihre vor allem während Corona angeschafften Hunde wieder abgeben wollen", berichtete Tierpflegerin Miriam Rack. "Die Situation ist wirklich schwierig. Aber wir haben keinen Platz mehr, es sind etwa viermal so viele Anfragen wie sonst."

Das Tierheim Dreieich (Offenbach) registrierte in den letzten Wochen ein "deutlich erhöhtes" Aufkommen, auch das Tierheim in Fulda bekommt die Entwicklung zu spüren: "Es sind derzeit mehr Abgabe-Tiere bei uns als sonst", sagte die stellvertretende Leiterin Melanie Hack. In anderen Tierheimen sei die Situation "teilweise noch sehr viel schlimmer", berichtet sie.

Aggressive und gestörte Tiere

Das Problem: Viele der Hunde, die jetzt den Heimen angeboten werden, sind aggressiv oder verhaltensgestört. In den Familien kam es nicht selten zu Bissattacken, wie Heberer von "Tiere in Not Odenwald" berichtet.

"Wir reden hier nicht vom Pudel, der nicht stubenrein wird, sondern von Rassen, die Familienangehörige und kleine Kinder ins Krankenhaus beißen", so die zweite Vorsitzende des Tierschutzbundes Hessen. Diese Tiere ließen sich auch nicht mehr vermitteln.

Oft hätten die Leute auch keine Ahnung, was sie sich da für einen Hund ins Haus geholt haben. "Manch einer hat sich vollkommen hirnlos während der Corona-Lockdowns einen Hund zugelegt und kommt jetzt nicht mehr klar. Die Leute wissen nicht, was auf die zukommt."

Hunde vermehrt im Internet angeboten

Heberer berichtet, dass in jüngster Zeit Hunde vor allem aus dubiosen Quellen kommen. "Auf Ebay zum Beispiel werden mit gewissenloser Profit-Gier Hunde verscherbelt. Hinterhof-Züchter machen gerade das große Geld."

Die Vierbeiner, meist noch Welpen, werden zu früh von der Mutter getrennt, illegal aus dem Ausland hereingeschmuggelt und haben meist falsche Papiere. Dennoch zahlen die Kunden oft mittlere vierstellige Summen. Mit unseriöser Hundezucht lässt sich schnell viel Geld machen.

Doch froh werden die neuen Haustierbesitzer selten mit ihrem Hund. "Man kann vor dem Kauf illegaler Welpen und Hunde nur warnen", sagt Heberer. Diese Tiere seien meist nicht richtig sozialisiert und deswegen verhaltensgestört. Oft bringen sie auch schon Krankheiten mit. Wenn sie dann auf engstem Raum in Wohnungen leben müssten, sei die Katastrophe vorprogrammiert.

Dass ihr Heim jetzt hilfebedürftige Hunde abweisen muss, tut Heberer in der Seele weh. "Es ist eine furchtbare Situation. Wir sind Tierschützer und wollen ja helfen, aber wir können einfach nicht mehr." Doch sie müsse jetzt auch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen schützen. Denn je mehr aggressive Hunde in dem Heim untergebracht seien, desto gefährlicher werde es auch für das Personal. "Wir sind verzweifelt."

Einschläfern als letzte Konsequenz

Es vergehe derzeit kein Tag, an dem Heberer nicht Hilferufe per Telefon oder Mail erreichten. Aber wenn Heime ablehnen, besteht noch die Möglichkeit, dass überforderte Hundehalter mit aggressiven und bissigen Hunden sich an die jeweilige Kommune wenden.

"Wenn Gefahr in Verzug ist, müssen Städte und Gemeinden handeln." Doch wenn auch diese keinen Ausweg mehr wüssten, müssten die Tiere eingeschläfert werden. "Das ist für uns Tierschützer derzeit die größte Angst."

Auch beim Land ist das Problem bekannt. "Es gab in den vergangenen Corona-Monaten einen regelrechten Boom mit großer Nachfrage nach Hunden", sagt Landestierschutzbeauftragte Madeleine Martin dem hr. Internetseiten mit einschlägigen Verkaufsplattformen seien derzeit wie leergefegt. "Die Preise haben sich verdoppelt und verdreifacht", beobachtet Martin.

Zahlen und Daten liegen ihr nicht vor, wie viele Hunde derzeit versucht werden, in Tierheimen abzugeben. Sie warnt allerdings: "Wenn die Leute, die sich Hunde zulegen, über zu wenig Wissen zum Thema und die jeweilige Rasse verfügen, kann das zur Katastrophe führen."

Forderung nach mehr Kontrollen

Auswege aus dem Dilemma? Heberer ist beinahe ratlos. "Wir müssen schauen, dass wir über diese besondere Corona-Welle in den Tierheimen hinwegkommen." Aufklärungsarbeit für interessierte Hundehalter sei wichtiger denn je.

Zudem müssten Tierheime besser unterstützt werden - finanziell und personell. Und: Es müsse mehr kontrolliert werden, damit die Schwemme von illegalen Welpen aus dem Ausland gestoppt werde.

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