Rettungsfahrzeuge und Täterauto am Tatort in Volkmarsen

Vor einem Jahr raste ein Autofahrer in den Rosenmontagsumzug in Volkmarsen. Mehr als 150 Menschen wurden verletzt - auch die 24 Jahre alte Diana und die zehnjährige Elisa-Joline. Noch heute leiden beide unter den Folgen. Über eine unerklärliche Tat mit langem Nachhall.

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zum Video Ein Jahr nach Volkmarsen: Betroffene leiden unter Folgen

hs 24022021
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Dianas Woche ist eng getaktet: dreimal Ergotherapie, zweimal Physio, dazu eine Sitzung beim Psychologen. Auch ein Jahr nach der Amokfahrt von Volkmarsen bestimmt der Kampf gegen die körperlichen und seelischen Folgen der Tat das Leben der 24-Jährigen.

Sie ist eine von mehr als 150 Menschen, die verletzt werden, als ein Autofahrer am Rosenmontag in den Fastnachstzug der nordhessischen Kleinstadt rast. Diana erwischt es mit am schwersten: Schädel-Hirn-Trauma, Hirnschwellung, schwerer Trümmerbruch. Drei Wochen liegt sie im Koma.

Ein junge Frau mit langen Haaren sitz an einem Tisch (Portrait-Aufnahme)

Kurz darauf folgt die Reha, die Diana in ihrer Erinnerung kaum bewusst erlebt hat. "Ich habe durchgehend gedacht, dass ich da nicht richtig aufgewacht bin", erzählt sie. Mühsam muss sie lernen, wieder zu laufen. Trotz aller Anstrengungen kann sie bis heute ihren linken Arm und die Finger nicht richtig bewegen.

Ein herber Schlag für die junge Frau, die leidenschaftlich gern Klarinette und Saxofon spielt. Auch ihr linkes Auge gehorcht ihr nicht. Autofahren ist für die 24-Jährige deswegen tabu. Bei ihrer Ausbildung zur Steuerfachangestellten werfen die Attacke und ihre Folgen sie um ein Jahr zurück, erzählt sie.

"Nichts mehr so, wie es mal war"

"Eigentlich hat sich alles verändert", sagt Diana. "Es ist nichts mehr so, wie es mal war." Doch die Erinnerung an diesen Augenblick, der für sie alles durcheinander wirbelt, ist ausgelöscht.

Nur an die Vorfreude auf ihren ersten richtigen Karnevalsumzug kann sie sich noch erinnern. Als Sesamstraßenfiguren verkleidet wollten sie und ihre Gruppe beim Zug mitlaufen. "Wir haben uns richtig Mühe gegeben, dass auch alles schön aussieht." Auch die Kostüme waren selbstgebastelt.

Ungebremst und zielgerichtet in die Menge

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zum Video Vor einem Jahr: Mann rast mit Auto in Rosenmontagsumzug in Volkmarsen

Vor einem Jahr raste ein Mann mit seinem Wagen in den Rosenmontagsumzug in Volkmarsen.
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Hunderte Zuschauer, bunt verkleidet und gut gelaunt, stehen an diesem 24. Februar 2020 in der Kleinstadt mit ihren knapp 7.000 Einwohnern an der Strecke. Karneval wird hier kräftig gefeiert. Die katholische Enklave mitten im Kreis Waldeck-Frankenberg war einst an den Erzbischof von Köln verpfändet.

Gegen 14.45 Uhr ändert sich die Stimmung abrupt: Maurice P. steuert seinen 260 PS starken Mercedes in die Menschenmenge. Ungebremst und zielgerichtet, mit 50 bis 60 Stundenkilometer, so steht es später in der Anklageschrift.

Der damals 29-Jährige, der selbst in Volkmarsen wohnt, kann noch vor Ort festgenommen werden. Weder Medikamente noch Drogen oder Alkohol finden sich in seinem Blut. Das Motiv für die Tat bleibt bis heute ein Rätsel.

Auto des Mannes, der in eine Menschenmenge fuhr, am Tatort in Volksmarsen

Zehnjährige: "Dann lag ich auf dem Auto"

Unter den Opfern an diesem Tag sind auch viele Kinder. Elisa-Joline, die heute zehn Jahre alt ist, wird auf der Motorhaube des Kombi mitgeschleift. Anders als bei Diana hat sich die Erinnerung an die Tat bei ihr eingebrannt.

Sie sieht das Auto kommen, schafft es aber nicht mehr auszuweichen, erzählt sie. "Dann lag ich auf dem Auto. Ich habe nur noch gesehen, wie sich die Räder drehen, weil ich mit dem Kopf nach unten lag." Irgendwann habe sie jemand runtergezogen. Erst nach längerer Suche kann die Mutter ihre Tochter in dem Durcheinander aus verletzten Menschen, geschockten Augenzeugen und Rettungskräften wiederfinden.

"Angst, dass es immer wieder passiert"

Nüchtern betrachtet hatte Elisa-Joline wohl großes Glück: Ein Jahr danach sind die körperlichen Schäden größtenteils verheilt. Geblieben ist ein wiederkehrender Schmerz im Finger, eine große Narbe am Bauch - aber vor allem eine riesige Angst.

"Ich habe immer so ein doofes Bauchgefühl, weil ich Angst habe, dass es wieder passiert und immer wieder." Vor allem um ihre Mutter, die im Supermarkt direkt am Tatort arbeitet, hat sie diese Angst, erzählt sie. Das Mädchen ist anhänglich, kann nachts oft nicht allein schlafen.

Tochter und Mutter sitzen auf Kirchenbank

In den ersten Tagen nach der Tat sei es besonders schlimm gewesen, berichtet Mutter Petra. "Sie wollte gar nicht nach Hause", erinnert sie sich an die Fahrt vom Krankenhaus. "Wie wir nach Volkmarsen reingefahren sind, hat sie geweint und geschrien."

Eine Psychologin hilft der Zehnjährigen beim Umgang mit der Tat und der Erinnerung daran. "Ich habe sie abgeschlossen in einem Spind", erzählt Elisa-Joline von einer der Bewältigungsstrategien. "Und nur ich kann den wieder öffnen und darüber nachdenken."

Aufarbeitung geht weiter

Vor der Attacke, so erzählt ihre Mutter, war Elisa-Joline ein aufgeschlossenes und lustiges Mädchen. Bis sie sich dem wieder annähert, wird noch einige Zeit vergehen. Doch die Zehnjährige stellt sich den Folgen und der Aufarbeitung.

Ebenso wie die damals schwer verletzte Diana, die nach derselben Tat mit ganz anderen Auswirkungen zu kämpfen hat. Sie rechnet damit, dass es noch lange dauern wird, bis sie vollständig fit ist, ihren Arm und die Finger wieder richtig bewegen kann. Aber sie will durchhalten. "Ich denke mir einfach: Ja, das ist derzeit so - und ich muss irgendetwas machen, damit das auch wieder funktioniert."

"Es war jeder für jeden da"

Der Einschnitt ist für sie, die rund 150 weiteren Opfer, Augenzeugen und Einsatzkräfte tief. Doch zwischen all der Trauer, Wut und Fassungslosigkeit ist Elisa-Jolines Mutter auch eine positive Erfahrung im Gedächtnis geblieben.

"Ich finde, dass Volkmarsen eine riesengroße Gemeinschaft hat - Familie kann man ehrlich sagen. Es war jeder für jeden da." Keine Minute habe es gedauert, bis aus allen Ecken Leute mit Verbandskästen kamen, die helfen wollten.

Weitere Informationen

Gedenkgottesdienst

Am ersten Jahrestag des Auto-Attentats gibt es einen ökumenischen Gedenkgottesdienst in der evangelischen Kirche in Volkmarsen. Wir übertragen ihn ab 18 Uhr live auf hessenschau.de.

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Geplante Tat - aber warum?

Und der, der Volkmarsen, den Einwohnern und Fastnachtsfans aus der Region diesen Schmerz zugefügt hat? Maurice P. sitzt in Untersuchungshaft und schweigt weiterhin beharrlich. Bereits im Sommer machte sein Anwalt wenig Hoffnung, dass sich daran etwas ändern wird: "Die Frage nach dem Warum wird sich in diesem Verfahren möglicherweise nicht klären lassen."

Nur einzelne Bruchstücke haben die Ermittler zusammenfügen können. Sie kommen zu der Erkenntnis, dass Maurice P. die Tat geplant hat. Sein Auto habe er am Tag zuvor so geparkt, dass er leicht in den abgesperrten Bereich fahren konnte. Außerdem soll er eine kleine Kamera, eine sogenannte Dashcam, eingebaut haben, um die Amokfahrt zu filmen.

Weitere Bruchstücke, die das Bild ergänzen, liefern diejenigen, die den 30-Jährigen zumindest flüchtig kannten. Der Vermieter der Wohnung, in der P. zuletzt mit seiner Mutter lebte, berichtet im Sommer, der junge Mann habe zurückgezogen gelebt. Sein ehemaliger Arbeitgeber, ein Autozulieferer in Baunatal, hatte ihn wegen wiederholten Alkoholkonsums fristlos gekündigt. Von extremen Gefühlsunterschieden ist die Rede.

Sein Anwalt Bernd Pfläging gibt nicht viel preis über seinen Mandaten - aber er bestätigt, nach der Aktenlektüre entstehe der Eindruck, dass P. ein isolierter Mensch sei.

91-facher versuchter Mord

Pfläging wird Maurice P. verteidigen, wenn dieser sich wegen 91-fachen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung in 90 Fällen vor dem Landgericht Kassel verantworten muss. Wann der Prozess beginnt, ist noch offen. Vor Mai sei damit nicht zu rechnen, sagte ein Sprecher des Landgerichts auf Anfrage.

Diana wird dabei sein, als Nebenklägerin. "Damit auch wahrgenommen wird, was er alles ausgelöst hat", sagt sie, "dass es immer noch Folgen hat, auch ein Jahr danach."

Ihre anfängliche Wut auf den Täter ist der Akzeptanz gewichen, dass sie das Geschehene nicht ändern kann. Eine gerechte Strafe könne es dafür aber nicht geben, findet sie. Elisa-Jolines Mutter ist unsicher, was sie vom Prozess erwarten soll. Einen Wunsch aber hat sie: "Für mich dürften sie ihn nicht mehr rauslassen."

Karneval im nächsten Jahr?

Der Prozess dürfte für viele der Betroffenen und für Volkmarsen als Ganzes ein wichtiger Teil der Aufarbeitung sein. Durch die Corona-Pandemie, die Hessen nur wenige Tage nach der Amokfahrt erreichte, ist diese Aufarbeitung erschwert. Einen Gedenkgottesdienst gab es noch - große Gesprächsrunden, Treffen der Opfer, gemeinsame Veranstaltungen aber nicht.

Corona hat ihnen auch die Frage erspart, ob in Volkmarsen nur ein Jahr nach der Tat am Rosenmontag wieder gefeiert werden kann. Vielleicht lassen es die Rahmenbedingungen 2022 wieder zu.

Diana würde sich freuen, dann endlich doch bei einem großen Umzug mitzulaufen. Angst macht ihr das nicht, denn wegen ihrer fehlenden Erinnerung verbindet sie das Attentat nicht mit Karneval. Doch auch Elisa-Joline, der der Tag im Gedächtnis geblieben ist, würde nächstes Jahr wieder mitfeiern. "Aber nicht an dem Platz, wo es passiert ist."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 24.02.2021, 19.30 Uhr