Fragebogen bei Führerschein-Prüfung
Bei Führerschein-Prüfungen wird immer mehr getrickst. Bild © Imago

Immer mehr Führerschein-Anwärter schummeln bei der Theorieprüfung mit professionellen Geheimkameras - Strafen dafür gibt es nicht. Der TÜV kämpft in Hessen unter anderem mit Warnwesten dagegen an.

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Metalldetektor und Frequenzscanner liegen bereit im Prüfungsraum 15, die neongelben Warnwesten auch. Matthias Leichsenring vom TÜV Hessen kann mit der Theorieprüfung beginnen. "Der Einsatz von technischen Hilfsmitteln ist verboten", erklärt er den anwesenden Fahrschülern in der Führerscheinprüfstelle am Frankfurter Römerhof. Ob sie sich daran halten werden, weiß er nicht. Leichsenrings Aufgabe: Fahrschüler mit Agenten-Ausrüstung entlarven.

Mini-Kamera an der Knopfleiste

Betrüger bei der Führerscheinprüfung haben sich professionalisiert, sie nutzen High-Tech statt Spickzettel. Angesichts hoher Durchfallquoten (siehe Infobox) versuchen Fahrschüler immer häufiger, mit Hilfe von winzigen Spionagekameras die Theorieprüfung zu bestehen. 120 Betrugsfälle wurden hessenweit allein im vergangenen Jahr aufgedeckt - und die Zahlen steigen rapide an. Seit 2016 haben sie sich verdoppelt.

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Jeder Dritte fällt durch

37 Prozent der Absolventen fielen im Jahr 2017 bundesweit bei der theoretischen Führerscheinprüfung durch. Das war laut aktuellen Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamts der höchste Wert in den vergangenen zehn Jahren. In Hessen legten demnach 123.687 Anwärter eine Prüfung ab, mit 31,4 Prozent lag die Durchfallquote hier im Bundesschnitt am niedrigsten.

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Die Masche: Die Führerschein-Anwärter tragen eine versteckte Mini-Kamera an der Knopfleiste ihrer Jacken, die heimlich die Prüfungsfragen abfilmt und sie automatisch an einen Komplizen sendet. Der funkt die richtige Antwort an einen unsichtbaren Kopfhörer im Ohr des Prüflings zurück. Technik statt Theorie, zu haben für teils kleines Geld im Internet.

Online-Anbieter werben mit Methode

Seit einiger Zeit müssen Fahrschüler bei der Theorieprüfung deshalb vereinzelt Warnwesten anziehen, verkehrt herum, um die getarnten Knopf-Kameras abzudecken. "Damit kämpfen wir jeden Tag", sagt Uwe Herrmann, Leiter der Technischen Prüfstelle Hessen in Darmstadt. Während der Prüfung suchen Prüfer Leichsenring und seine Kollegen den Raum zusätzlich mit Funkwellenscannern nach technischen Geräten ab – trotzdem bekommt der TÜV das Problem nicht in den Griff. In diesem Jahr sind schon 20 Betrüger aufgeflogen, die Zahlen steigen also weiter.

Auch klingelnde Handys oder der Versuch, jemand anderen statt sich selbst in die  Prüfung einzuschleusen, zählen als Täuschung. "Das sind aber höchstens zehn Prozent der Fälle", schätzt Prüfstellenleiter Herrmann. Ein Großteil versuche es mit Spezialkameras. Mit dem nötigen Equipment lassen sich lernfaule Fahrschüler zum Beispiel von spezialisierten Online-Anbietern ausstatten, die auf ihrer Website mit der "innovativsten Spickmethode" werben.

Über 1.000 Fälle vermutet

Das Versprechen der Händler: Die Prüfung bestehen, ohne eine einzige Verkehrsregel zu kennen. "Wenn jemand bei der Theorie täuscht, heißt das nicht zwangsläufig, dass er die Fahrpraxis nicht beherrscht", erklärt Herrmann, "aber schon das erste Vorfahrtsschild, was er nicht erkennt, kann verheerende Folgen haben."

TÜV-Prüfer wie Matthias Leichsenring versuchen deshalb, möglichst hart durchzugreifen, suchen sogar mit Algorithmen nach auffälligem Verhalten während der Tests. Trotzdem schätzt Uwe Herrmann die Zahl der Kamera-Schummler auf das Zehnfache der entdeckten Fälle. In Hessen wären das weit über 1.000 Fahrschüler pro Jahr, die nur dank High-Tech-Ausrüstung bestehen.

Schummeln ist kein Betrug

Die meisten von ihnen sind Führerschein-Umschreiber, die schon eine Fahrerlaubnis aus einem anderen Land besitzen. Sie müssen in Deutschland erneut die Theorieprüfung ablegen, um ihn anerkennen zu lassen. "Die stehen häufig unter Druck, so schnell wie möglich zu bestehen", erklärt Leichsenring die Beweggründe. Hinzu kämen, trotz der 12 Sprachen, in denen die Führerscheinprüfung abgelegt werden kann, Verständnisbarrieren - auch ein Grund für die steigenden Betrugszahlen.

"Uns sind die Hände gebunden. Und wenn die Strafe fehlt, wird es immer schwieriger, dem Ganzen hinterherzukommen", sagt Herrmann. Denn ein Täuschungsversuch in der Prüfung gilt nicht als Straftat, juristisch gesehen ist Schummeln kein Betrug. Die Fahrerlaubnisverordnung auf Bundesebene regelt nur, dass ein erwischter Fahrschüler die Prüfung erst nach einem "angemessenen Zeitraum" wiederholen darf.

Täuschungsversuche nicht zentral registriert

In Hessen beträgt dieser Zeitraum sechs Monate. Weil die Prüfstellen solche Täuschungsversuche aber nicht zentral registrieren, reicht es für Schummler häufig schon, einfach den Landkreis zu wechseln. Denn was beim TÜV in Fulda passiert, kommt nicht unbedingt im Main-Kinzig-Kreis an. Dort verkabeln sie sich dann wieder und versuchen es gleich noch einmal - für 22,49 Euro Prüfgebühr ein überschaubares Risiko.