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Welche Schäden bleiben: So hängt uns der Hitzesommer noch immer nach

Der regnerische Herbst trügt: Der Sommer war in Hessen viel zu trocken, Naturschützer warnten immer wieder vor Umweltschäden. Hier ziehen sie eine erste Bilanz bei Ernte, Tieren und dem knappen Grundwasser.

Kein Rasen, der nicht völlig vertrocknete - kein Fluss, der nicht weniger Wasser führte als üblich. Die Sommermonate waren eine Probe für die Natur, denn zwischen Mai und August, immerhin in einem Zeitraum von vier Monaten, regnete es in Hessen nahezu gar nicht. Die Hitze setzte der Natur zusätzlich zu; der Main hatte zeitweise eine Temperatur von 26 Grad, Fische drohten zu verenden. Die hr-Wetterredaktion verzeichnete - beispielhaft - in Bad Hersfeld im gesamten Juni nur acht Liter Regen pro Quadratmeter. Normal sind im Schnitt 77 Liter.

Flussläufe lagen in ihren Oberläufen trocken, Fische durchlebten einen Stresstest, weil wärmeres Wasser weniger Sauerstoff bindet. Doch nach den vier trockenen Monaten habe sich die Lage etwas entspannt. Der September war laut Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) der viertnasseste seit 1881. Das könne die Trockenheit aber nicht ausgleichen.

Flussufer mit einem Anleger und einigen kleineren Schiffen. Das Flusswasser steht so niedrig, dass die ganze Böschung des Flussufers trocken liegt und sichtbar ist.

Situation im Oktober: Wassertechnisch entspannt

Der Oberboden ist laut hr-Meteorologe Ingo Bertram jetzt wieder gut durchfeuchtet. Das Defizit läge im Gesamtboden in zwei Metern Tiefe. Bis die Feuchtigkeit dorthin dringt, müsste es noch mehrere Monate kräftig regnen, so der Wetterexperte. Beim Grundwasser ist es etwas entspannter: Nach Zahlen des HLNUG seien Ende September an 59 Prozent der Messstellen steigende Grundwasserstände registriert. Besonders an flachen und gewässernahen Messstellen gab es teils deutliche Anstiege.

Auch die Flüsse führten mittlerweile wieder an den meisten Pegeln Normalstände - das war nicht immer so: In den Sommermonaten gab es aufgrund der niedrigen Stände Wasserentnahme-Verbote in mehreren Landkreisen, Befahrungsverbote von Flüssen, um die Natur zu schonen - und das HLNUG warnte sogar vor einer erhöhten Belastung des Wassers durch Keime.

Die trocken gefallene Nidda zwischen der Stadt Schotten und dem Zulauf des Baches in den Niddastausee

Tiere: Ganze Generation kann verloren gehen

Bei der Tierwelt scheint die Situation nicht ganz so beruhigt - insbesondere bei Tieren, die im oder am Wasser leben. "Sämtliche Amphibien – gerade die Arten, die spät laichen – leiden unter der zunehmenden Trockenheit", erklärt Sybille Winkelhaus vom NABU Hessen. "Wir merken das bei den Kröten, die Zahlen nehmen ab." Sie hätten es ohnehin schon schwer, weil ihre Lebensräume wegfallen oder bebaut werden – jetzt käme auch noch die Hitze dazu. "Dadurch kann sehr schnell eine ganze Generation verloren gehen", sagt Winkelhaus dem hr.

Auch Igel hatten es im Sommer schwer: Den stacheligen Insektenfressern sei die Nahrung im Sommer quasi davongelaufen. Würmer und Insekten, die sonst feuchte Bereiche am Boden bevorzugen, waren kaum zu finden. "Besonders für spätgeborene Igel ist das ein Problem, weil die jetzt vor dem Winter noch schnell Speck anfressen müssen", sagt die Naturschützerin.

Feuersalamander: Nachwuchs im Sommer verendet

"Ganz schlimm ist es beim Feuersalamander", warnt Winkelhaus. Die Tiere brauchen kühles Wasser, denn dort - in kleinen Pfützen oder Oberläufen von Bächen - wachsen die Jungtiere auf. "Als im Sommer kleinere Bäche ausgetrocknet sind, ist dabei einiges am Nachwuchs verendet."

Feuersalamander

Immerhin: Es gibt auch Tierarten, die sich durch die Hitze ausbreiten - allen voran der Wiedehopf. Die unverwechselbare Vogelart mit dem langen Schnabel und ihren auffälligen Scheitelfedern sei Gewinner dieses Klimas, so Winkelhaus.

Der Wiedehopf lebe vor allem im südlichen Hessen, breite sich nun aber weiter nach Mittel- und Nordhessen aus. Wie passend, dass es dem Vogel im zurückliegenden Sommer gut erging, denn der Wiedehopf wurde zum "Vogel des Jahres 2022" gewählt.

Wiedehopf (Upupa epops) mit einer Feldgrille als Nahrung im Schnabel.

Pflanzenwelt: Rasen erholt sich, Bäume haben es schwerer

Die meisten Pflanzen hätten sich dank des Regens im September und Oktober erholt, erklärt Winkelhaus. Allerdings treffe das nicht auf Bäume zu, denn diese zögen ihr Wasser aus den tieferen Bodenschichten. Da diese aktuell eben zu trocken sind, sei es in diesem Jahr zu einem frühen Herbst gekommen. Schon Ende August, beobachtete die NABU-Sprecherin, hätten manche Bäume die Blätter abgeworfen. "Der Baum hat dann zwar keinen Stoffwechsel mehr, es findet keine Photosynthese statt, aber immerhin kann er dadurch meist überleben, da er so seine Verdunstung reduziert."

Ernte bei Kartoffeln und Zuckerrüben schlechter

Und bei den Landwirten? Hier zeigt sich ein gemischtes Bild: Die Getreide- und Raps-Ernte im August war überdurchschnittlich, trotz der Hitze. Ende Oktober bilanziert der Hessische Bauernverband bei vielen Pflanzen aber deutliche Schäden. Bei Kartoffeln könne es regional Qualitätsprobleme geben - es gäbe in diesem Jahr eher kleinere Knollen, teilweise hätten Kartoffeln einen erheblichen Drahtwurmbefall.

Die Erträge bei den Zuckerrüben seien unterdurchschnittlich. Weil vielen Feldern die Blätter durch die Hitze abgestorben sind, sei die Rübe daher für den Befall von Krankheiten anfällig. Auch seien sie kleiner und enthielten weniger Zucker. Die Bauern hoffen laut Verband nun, dass die Niederschläge im September und Oktober noch einen kleinen Ertragszuwachs bringen.