Derege Wevelsiep blickt auf Passagiere, die an der U-Bahnstation Bornheim-Mitte eine U-Bahn verlassen.

Derege Wevelsiep wurde 2012 bei einem Polizeieinsatz verletzt. Der Fall schlug hohe Wellen - auch weil es um den Vorwurf des Rassismus ging. Noch immer hadert Wevelsiep mit Polizei und Justiz.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Der Fall Wevelsiep - acht Jahre danach

Derege Wevelsiep während des Strafprozesses.
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Wenn er dieser Tage die Fernsehbilder von Protesten in den USA sieht, ist Derege Wevelsiep besonders aufgewühlt. Der Tod des Afro-Amerikaners George Floyd infolge einer gewaltsamen Festnahme treibt weltweit Hunderttausende auf die Straße. Sie demonstrieren gegen Polizeigewalt und gegen Rassismus.

Allein in Frankfurt versammelten sich rund 8.000 Demonstranten auf dem Römerberg. Die Betroffenheit über das Schicksal Floyds ist ein globales Phänomen. Bei Derege Wevelsiep aber spült sie zusätzlich schmerzhafte Erinnerungen hoch.

Vor allem das Video, in dem zu sehen ist, wie ein Polizist mehr als acht Minuten lang auf dem Hals von George Floyd kniet, während dieser immer wieder sagt, dass er keine Luft bekomme, hat Wevelsiep emotional mitgenommen. "Ich habe das erst mal nicht geglaubt. Obwohl er gesagt hat: Ich kann nicht atmen, bitte! Die Polizei war so brutal", sagt Wevelsiep. "Das ist direkt an meiner Geschichte. Ich habe auch so etwas erlebt. Nicht wie George, Gott sei Dank!"

Platzwunde und Gehirnerschütterung

Acht Jahre ist es her, dass der Frankfurter Ingenieur bei einem Polizeieinsatz schwer verletzt und beleidigt wurde. Im Oktober 2012 gerät seine Verlobte mit U-Bahn-Kontrolleuren in Streit. Sie ruft ihn an, er eilt zur U-Bahn-Station Bornheim-Mitte. Eine Kontrolleurin lässt schließlich den Satz "Wir sind hier nicht in Afrika" fallen, wie sie später vor Gericht zugibt. Sowohl Wevelsiep als auch seine Verlobte haben dunkle Hautfarbe.

Wevelsiep selbst ruft daraufhin die Polizei. Als schließlich vier Beamte an der U-Bahn-Station eintreffen, wendet sich die Situation gegen ihn. Die Polizisten wollen seine Personalien aufnehmen. Er aber hat nur seinen Betriebsausweis von Siemens dabei. Die Polizisten bestehen darauf, mit ihm zu seiner Wohnung zu fahren, um seinen Personalausweis zu überprüfen. Als sie ihm dafür Handschellen anlegen wollen, eskaliert die Situation.

"Damals habe ich auch darum gebeten: Bitte, lassen Sie meine Hand frei. Aber die Antwort war auch anders gewesen", sagt Wevelsiep. Wie diese Antwort aussah, darüber gehen die Aussagen beider Seiten bis heute auseinander. Wevelsiep behauptet, von einem Beamten beleidigt und ins Gesicht geschlagen worden zu sein. Anlass sei seine Beschwerde über die Fesselung gewesen. Das Resultat: eine Platzwunde über der linken Augenbraue und eine Gehirnerschütterung. Wevelsiep verbringt drei Tage im Krankenhaus.

Derege Wevelsiep im Jahr 2020

Demonstrationszug durch die Frankfurter Innenstadt

Als wenige Wochen nach dem Vorfall die Frankfurter Rundschau über den Fall Wevelsiep berichtet, kochen in den Sozialen Medien die Emotionen hoch. Über Facebook organisieren sich am Abend nach Erscheinen des Berichts rund 2.000 Menschen, die in einem Demonstrationszug durch die Frankfurter Innenstadt ziehen. Sie demonstrieren gegen Polizeigewalt und Rassismus - denn letzteres sei der eigentliche Auslöser des Geschehens gewesen.

Weitere Informationen

Polizeigewalt und Rassismus

Weder das Innenministerium noch die Beratungsstelle Response der Bildungsstätte Anne Frank konnte Zahlen zu Verdachtsfällen oder Ermittlungsverfahren wegen rassistischer Polizeigewalt in Hessen liefern. Beim Ministerium hieß es, eine entsprechende Anfrage bei den Polizeipräsidien im Land zeitige in etwa acht Wochen Ergebnisse - die Anfrage läuft.
Anfang Juni verurteilte das Amtsgericht Frankfurt einen 32-jährigen Polizisten zu 2.000 Euro Geldstrafe, weil er einen Nigerianer rassistisch beleidigt hatte. Kollegen zeigten ihn an. Ihm drohen disziplinarische Schritte.

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Die Frankfurter Polizei widerspricht indes Wevelsieps Vorwürfen. Nach Darstellung der Ordnungshüter hat sich Wevelsiep beim Einsteigen in den Polizeiwagen den Kopf an der Dachkante gestoßen und sich dadurch die Platzwunde zugezogen.

Polizist wird wegen Beleidigung verurteilt

Es folgt ein Strafprozess, der sich über vier Jahre und zwei Instanzen hinzieht. In der ersten Instanz wird der beschuldigte Polizist wegen Körperverletzung im Amt und Beleidigung zu einer Geldstrafe von 8.400 Euro verurteilt. Dagegen legt er Berufung ein - und hat weitestgehend Erfolg.

In zweiter Instanz sieht es das Landgericht Frankfurt als nicht hinreichend erwiesen an, dass der Polizeibeamte Wevelsiep tatsächlich ins Gesicht geschlagen hat. Verurteilt wird er lediglich wegen einer Beleidigung, die er einräumt. Er will Wevelsiep als "Dummschwätzer" bezeichnet haben. Das Urteil: 1.400 Euro Geldstrafe.

Polizei sieht keinen Anlass für Gespräch

Acht Jahre nach dem Vorfall sitzt Derege Wevelsiep in einem Bornheimer Café und erinnert sich. In seiner Erzählung klingt es so, als habe sich alles erst gestern ereignet. Sein Verhältnis zu Polizei und Justiz ist seitdem nachhaltig gestört. "Das Vertrauen ist weg", sagt er. Der ganze Gerichtsprozess sei für ihn nicht zufriedenstellend verlaufen. Für Wevelsiep, in Äthiopien geboren und seit vielen Jahren deutscher Staatsbürger, steht nach wie vor fest: Er ist 2012 Opfer rassistischer Polizeigewalt geworden.

Beim Polizeipräsidium Frankfurt beurteilt man den Fall ganz anders. Auf hr-Anfrage erklärt man dort schriftlich, dass im Fall Wevelsiep weder ein Racial Profiling - also eine anlasslose Kontrolle aufgrund der Hautfarbe - noch eine rassistische Beleidigung vorgelegen habe. Wevelsiep sei von dem Beamten schließlich lediglich als "dummer Schwätzer" tituliert worden. "Das heißt: Der Fall hat nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun", steht in der Stellungnahme wörtlich. Der Fall sei in einem Gespräch mit dem Beamten aufgearbeitet worden.

Mit Wevelsiep hingegen hat das Polizeipräsidium seit 2012 nicht das Gespräch gesucht - geschweige denn, dass sich jemand bei ihm entschuldigt hätte. Wevelsiep hätte sich das gewünscht, schließlich wolle er "das Vertrauen wieder zurückgewinnen". Doch seitens des Polizeipräsidiums sieht man auch vier Jahre nach Abschluss des Strafprozesses dazu keinen Anlass. Wevelsiep habe die Ursache für den Polizeieinsatz selbst gesetzt und sich "dann auch nicht vorbildlich verhalten".

Einstweilen bleibt also das Verhältnis zwischen Derege Wevelsiep und der Frankfurter Polizei zerrüttet. "Das ist ein bisschen traurig", sagt Wevelsiep lapidar.

Sendung: hr-iNFO, 15.06.2020, 11.20 Uhr