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"Man muss die Erkältungswelle ernst nehmen"

Das Robert-Koch-Institut verzeichnet einen "sehr beachtlichen Anstieg" an Erkältungsinfektionen, der über dem Niveau vor der Corona-Pandemie liegt. Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer erklärt, warum - und wie eine Pandemie die andere bedingte.

hessenschau.de: Das Robert-Koch-Institut (RKI) verzeichnet einen "sehr beachtlichen Anstieg" an Erkältungsinfektionen, auf Twitter trendet "Halsschmerzen" und überall hört man Menschen hüsteln und schniefen. Herr Stürmer, müssen wir uns Sorgen machen?

Martin Stürmer: Tatsächlich startet aktuell die Erkältungssaison. Nach dem schönen, warmen Sommer wurde es schnell recht kühl, dementsprechend steigen auch die Risiken für Erkältungen. Genau das beobachten wir jetzt in den Laboren, dass sich auch unabhängig von Corona Viren-Nachweise zeigen. Aber da sehen wir die Klassiker, die wir schon lange kennen.

hessenschau.de: Zum Beispiel?

Stürmer: Viele Rhinoviren, die uns alle relativ wenig jucken - die Nase läuft zwei Tage lang, dann geht es einem wieder gut. Alles in allem nichts Außergewöhnliches, was wir sonst nicht sehen würden. Was aber auffällt: Wir hatten im Sommer einen relativ hohen Index.

hessenschau.de: Das RKI spricht in seinem Wochenbericht zu "akuten respiratorischen Erkrankungen" von Werten, die deutlich über den Werten der Vor-Corona-Zeit liegen.

Stürmer: Früher konnte man immer einen saisonalen Verlauf der Erkältungswellen beobachten. Jetzt hatten wir im Rahmen der sommerlichen Coronawelle auch ein relativ hohes Erkältungsniveau. Wenn man sich generell die Zahlen der letzten Jahre anschaut, liegen wir aktuell zwei bis drei Wochen früher und die Zahlen sind etwas höher, aber nicht dramatisch.

Was man aber natürlich sagen muss: Wir haben in den vergangenen zwei Jahren durch konsequentes Maskentragen und konsequentes Kontaktevermeiden dazu beigetragen, dass nicht nur Coronainfektionen verringert wurden - das Gleiche gilt natürlich für alle anderen Erkältungserreger auch. Die übertragen sich ja auf den gleichen Wegen, wie die Sars-Cov2-Viren. So haben wir insgesamt die Erkältungswellen sehr flach gehalten.

Jetzt haben wir den ersten Herbst, in dem wir wieder freizügiger umgehen, haben keine Maskenpflicht mehr, Großveranstaltungen finden wieder statt. Die Kombination daraus mit einem relativ untrainierten Immunsystem, das in den vergangenen zwei Jahren wenig abbekommen hat, sorgt für eine heftigere Erkältungswelle. Da müssen wir natürlich beobachten, wie sie sich in Richtung Winter entwickelt.

hessenschau.de: Heißt: Dank der einen Pandemie blieb die andere aus?

Stürmer: Diese Frage haben wir ja permanent diskutiert. Lange Zeit haben einige auch eine Gefahr herbeigeredet, dass zu viel Masken tragen und zu viel desinfizieren dafür sorgen, dass das Immunsystem komplett verlernt, wie es mit anderen Erregern umgehen muss.

Da ist sicherlich auch ein bisschen was dran, doch ich denke, der Weg liegt wie immer in der Mitte. Entsprechend hat man erwartet, dass wenn man in Richtung Normalität zurückkehrt, dass andere Dinge dann auch wiederkommen. Es wird also sicherlich eine Erkältungssaison nun etwas heftiger werden und dann müssen wir sehen, wie wir künftig damit umgehen.

hessenschau.de: Was schlagen Sie vor?

Stürmer: Man muss die Erkältungswelle ernst nehmen. Gerade die Influenza-Infektion, gegen die kann man ja etwas tun. Ich denke, da sollte man schon in Richtung einer Impf-Empfehlung für die breite Masse überlegen - aktuell gibt es die nur für Über-60-Jährige. Doch auch junge Menschen fühlen sich mit einer Virusgrippe zwei bis drei Wochen richtig krank.

hessenschau.de: Hilft eine Corona-Impfung gegen Erkältungsviren?

Stürmer: Grundsätzlich gibt es keine Kreuzaktivität. Die eine Impfung hilft gegen das eine, die andere gegen das andere. Der einzige Effekt untereinander: Lasse ich mich impfen, stimuliere ich generell mein Immunsystem insgesamt, dadurch entwickelt es eine breitere Aktivität gegen alles, was so im Körper aktiv ist.

Das Gespräch führte Max Sprick.

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