In diesem Offenbacher Hochhaus wurde der mutmaßliche Entführer überwältigt.
In diesem Offenbacher Hochhaus wurde der mutmaßliche Entführer überwältigt. Bild © picture-alliance/dpa

Nach der Festnahme des mutmaßlichen Entführers von Milliardärsohns Markus Würth in Offenbach hat die Polizei neue Details genannt: Den Erfolg verdankt sie einer Zeugin. Und der Täter drohte der Familie später noch einmal mit einer Entführung.

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Eine Zeugin hat der Polizei den entscheidenden Hinweis für die Verhaftung des mutmaßlichen Entführers von Milliardärssohn Markus Würth geliefert. Die Frau habe die Stimme des Tatverdächtigen wiedererkannt und im Januar 2018 fast zweieinhalb Jahre nach der Tat die Polizei informiert, sagte Thomas Hauburger, Sprecher der Staatsanwaltschaft Gießen, am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Fulda.

Die Frau war demnach eine Kundin des Verdächtigen, der als Handwerker in ihrer Wohnung renoviert hat. Sie war durch ein Fahndungsplakat auf den Fall aufmerksam geworden und hatte nach eigenen Angaben "aus Langeweile" die Hotline mit einer Stimmaufzeichnung des Entführers angerufen. Das könnte sich nicht nur für die Ermittler gelohnt haben. Denn zur Ergreifung des Täters ist eine Belohnung in Höhe von 30.000 Euro ausgesetzt worden.

Die aufgezeichnete Stimme erinnerte die Frau laut Polizei an den Handwerker. Daraufhin überwachte die Polizei den Verdächtigen mehrere Wochen lang. Sprachexperten kamen in dieser Zeit laut Hauburger "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" zur Erkenntnis: Es handelt sich um den Erpresser.

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Verdächtiger bestreitet alles "wortreich"

Der 48 Jahre alte Verdächtige sitzt seit Mittwoch in Gießen in Untersuchungshaft. Spezialeinheiten der Polizei hatten den Mann aus Serbien-Montenegro morgens in seiner Wohnung im fünften Stock eines Hochhauses in Offenbach festgenommen. Er soll im Juni 2015 Markus Würth, den Sohn des baden-württembergischen Schrauben-Milliardärs Reinhold Würth, im osthessischen Schlitz entführt haben.

Pressekonferenz Würth
Fuldas Kripochef Daniel Muth (l.) und Staatsanwalt Thomas Hauburger nannten Details zur Festnahme im Fall Würth. Bild © Screenshot/hessenschau

Das Opfer lebte dort in einer Behinderteneinrichtung. Nach einer nachts gescheiterten Übergabe von drei Millionen Euro wurde es tags darauf in der Nähe von Würzburg unversehrt gefunden. Der Entführer hatte den Mann an einen Baum gefesselt.

Dem Festgenommenen wird erpresserischer Menschenraub vorgeworfen. Ihm drohen bei einer Verurteilung bis zu 15 Jahre Haft.  Er habe in seinen Vernehmungen jede Tatbeteiligung jedoch "sehr wortreich bestritten", sagte Hauburger. Fuldas Kripochef Daniel Muth sagte dazu: "Er hat zehn Stunden dauergequatscht."

Es gab eine zweite Entführungsdrohung

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Die Stimme des Würth-Erpressers

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Die Ermittler halten es für möglich, dass der 48-Jährige alleine für die Entführung verantwortlich ist. Und sie schreiben ihm eine weitere Entführungsdrohung zu.

Über verschlüsselte E-Mails drohte er demnach der Familie Würth im April des vergangenen Jahres mit der erneuten Entführung des Sohnes oder eines anderen Familienmitglieds, wenn nicht 70 Millionen Euro gezahlt würden - und zwar in Kryptowährung. Im Laufe der nach vier Monaten abgebrochenen Kommunikation habe der Schreiber der E-Mails Täterwissen aus der Entführung offenbart. Neben dem Fahrzeug des Verdächtigen stellte die Polizei bei der Durchsuchung seiner Offenbacher Wohnung ein Laptop und ein Handy sicher. Die Daten daraus würden nun ausgewertet.

Gestochen scharfes Täterprofil

Noch einen Tag nach der Festnahme zeigte sich Staatsanwalt Hauburger erstaunt darüber, wie genau das aufgrund einer Stimmanalyse erstellte Täterprofil war. "Sämtliche Kriterien trafen zu." Aufgrund von Akzent und Dialekt waren die Profiler mit Hilfe von Sprachwissenschaftlern der Uni Marburg zu dem Schluss gekommen: Der Entführer müsse 40 bis 52 Jahre alt sein, stamme mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Kosovo, Montenegro oder Mazedonien, sei wohl vor 2001 nach Deutschland gekommen und lebe im Großraum Frankfurt. Der Mann hat laut Kripochef Muth zwei Kinder.

Das Schraubenimperium

Der Vater des Entführungsopfers, Schraubenunternehmer Reinhold Würth, wird zu den reichsten Deutschen gezählt, sein Vermögen auf mehr als 14,2 Milliarden Dollar geschätzt. Aus dem väterlichen Schraubenladen machte der heute 82-Jährige einen Weltkonzern mit einem Jahresumsatz von zuletzt 12,7 Milliarden Euro.

Die Zentrale der Unternehmensgruppe ist in Würths baden-württembergischen Heimatort Künzelsau, nahe Heilbronn. Zurzeit beschäftigt Würth weltweit mehr als 74.000 Mitarbeiter.

Der Schraubenunternehmer Reinhold Würth
Der Schraubenunternehmer Reinhold Würth Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)