Die beiden Verteidiger der Angeklagten, Thomas Hammer (l) und Sven Schoeller, sind vor Prozessbeginn im Landgericht Kassel.

Eine mutmaßlich falsche Narkoseärztin soll in Fritzlar den Tod von fünf Menschen verursacht haben. Der Fall hatte 2019 bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Den Mordvorwurf wies die Angeklagte zu Prozessbeginn am Landgericht Kassel zurück.

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Fünf Menschen sind tot - verursacht durch Behandlungsfehler der mutmaßlich falschen Narkoseärztin Meike S., ehemals Meike W. Das wirft ihr die Staatsanwaltschaft in der Anklage vor. Die heute 50-Jährige muss sich seit Mittwoch vor dem Landgericht Kassel wegen mehrfachen Mordes, versuchten Mordes und weiterer Vergehen verantworten.

Am ersten Prozesstag hat sie durch ihre Anwälte Betrug und Fälschungen zugegeben, den Vorwurf des Mordes wies sie zurück. Meike S. hatte zwar Zahnmedizin studiert, aber nicht abgeschlossen. Sie ist studierte Biologin und Heilpraktikerin.

Die Angeklagte hatte zwischen 2015 und 2018 im Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar (Schwalm-Eder) gearbeitet. Den Job als Assistenzärztin soll sie sich mit gefälschten Unterlagen erschlichen haben. Sie habe ohne die erforderliche Ausbildung eigenverantwortlich Patienten betäubt. So soll es in insgesamt 16 Fällen zu Behandlungsfehlern gekommen sein, teilt die Staatsanwaltschaft mit.

Fünf Tote, elf Patienten mit Folgeschäden

In fünf Fällen seien Patienten – zwei Männer im Alter von 58 und 80 Jahren und drei Frauen im Alter von 77, 81 und 86 Jahren – aufgrund der falschen Behandlung gestorben. In weiteren elf Fällen sollen die Betäubungen zu Folgeschäden geführt haben.

Meike S. habe sich zum Beginn der Ermittlungen zu den gegen sie erhobenen Vorwürfen geäußert und ihre Tätigkeit als Ärztin ohne Approbation eingeräumt, sagte der Kasseler Staatsanwalt Stephan Schwirzer. Später habe die Angeklagte dann von ihrem Schweigerecht Gebrauch gemacht.

Geltungssucht als Antrieb?

Nach ihrer Zeit in der Fritzlarer Klinik soll Meike S. laut Anklage weitere Straftaten begangen haben. So soll sie durch Betrug ein teures Auto finanziert und Ende 2018 für vier Monate in Schleswig-Holstein als Reha-Ärztin gearbeitet haben - erneut ohne die erforderliche Qualifikation.

Außerdem sei sie als freie Dozentin in einer Schule für Gesundheitsberufe aufgetreten und habe die akademischen Titel Dr. med. und Dr. Dr. geführt. Die Anklage lautet hier auf Urkundenfälschung und den Missbrauch von Titeln und Berufsbezeichnungen.

Eine alte Weggefährtin überrascht das nicht. Heilpraktikerin Steffi Z. (Name von der Redaktion geändert) erinnert sich an die Zeit, in der sie sich mit der Angeklagten Praxisräume teilte. Meike S. hätte unter anderem Leistungen als Heilpraktikerin angeboten. Steffi Z. erinnert sich an die Angeklagte: "Sie war sehr geltungsbedürftig. Hat immer viel gemacht." So habe sie neben der Praxisarbeit unter anderem Krankenpflegeschüler und Rettungsassistenten ausgebildet sowie Biologie studiert. Ihr Antrieb sei vor allem Anerkennung durch Leistung gewesen.

Selbstanzeige wegen Anstellungsbetrug

Die Verdächtige hatte die Ermittlungen gegen sich selbst angestoßen und Selbstanzeige wegen Anstellungsbetrugs gestellt. Allerdings ging parallel auch eine Anzeige der Landesärztekammer Hessen ein. Denn die mutmaßliche Betrügerin war bei einem Mitgliedschaftswechsel der Ärztekammer von Hessen nach Schleswig-Holstein aufgeflogen, als ein Mitarbeiter Unstimmigkeiten in der Approbationsurkunde entdeckte.

Meike S. sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Im Falle einer Verurteilung wegen Mordes drohe ihr eine lebenslange Haft, so Schwirzer. Die Angeklagte habe den Tod ihrer Patienten billigend in Kauf genommen.

Klinikleitung hofft auf Aufarbeitung

Die Geschäftsleitung der Fritzlarer Klinik reagiert erleichtert auf den Prozessbeginn. Man hoffe auf Aufarbeitung und einen Abschluss – immerhin seien Menschen zu Tode gekommen. Die Angeklagte habe "mit hoher krimineller Energie" Patienten geschädigt und auch dem guten Ruf der Einrichtung geschadet.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 27.01.2021, 19.30 Uhr