Arktische Wildgänse auf einem Feld

Bis zu 6.000 Kilometer fliegen arktische Gänse, um die kalten Monate im Hessischen Ried zu verbringen. Doch die lange Reise fordert ihren Tribut.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Arktische Gänse überwintern in Hessen

Fliegende Wildgänse
Ende des Audiobeitrags

Mit dem bloßen Auge sind sie im Acker bei Trebur-Geinsheim kaum zu sehen. Erst mithilfe eines Fernglases lässt sich erahnen, wie viele arktische Saatgänse in kleinen Gruppen beieinander sitzen.

Vogelschützerin Natascha Schütze schätzt ihre Zahl an diesem Morgen auf 4.000. Die junge Frau von der Arbeitsgemeinschaft "Arktische Gänse Hessisches Ried" kommt mindestens einmal in der Woche zu den Vögeln und schaut, wie es ihnen geht. Dabei nähert sie sich behutsam und hält sich ein Fernglas vor die Augen.

Jeder Flug kostet Kraft

Arktische Gänse sind scheu. Auch wenn sie schon mehr als zwei Monate im Hessischen Ried sind, erholen sie sich im Dezember noch von ihrer langen und gefährlichen Reise, denn sie kommen aus dem Norden Skandinaviens oder sogar von der sibirischen Halbinsel Taymir. Sie legen die 6.000-Kilometer-Strecke in nur wenigen Etappen zurück – fliegen bis zu tausend Kilometer täglich.

Stress oder Störungen durch Menschen sind Gift für die erschöpften Tiere: Sobald sie sich bedroht fühlen, würden die Saatgänse die Nahrungsaufnahme unterbrechen und auf Schutzgewässer flüchten, so Vogelschützerin Schütze. Doch jedes zusätzliche Aufflattern kostet Energie. Schütze bringt das auf die einfache Formel: "Je öfter die Gänse auffliegen müssen, desto mehr fressen sie."

Tausende hungrige Gänse  - zum Leidwesen der Bauern

Die gut 8.000 Gänse-Gäste ernähren sich vor allem von Zuckerrüben und Mais, weil diese Nahrung besonders viel Energie gibt. Nach Angaben des Naturschutzbundes Hessen (NABU) nehmen Gänse während ihres Aufenthalts im Winter ein Drittel ihres Ausgangsgewichts zu. Da die arktischen Gänse aber nur 25 Prozent der Nahrung, die sie aufnehmen, auch verwerten können, müssen sie besonders viel fressen.

Das kommt bei Landwirten wie Edwin Paul nicht gut an. Bei ihm fressen die Gänse-Scharen die übrigen Blätter und Zuckerrüben, die eigentlich als Nährstoffzufuhr für den Boden wichtig wären. "Die verdichten den Boden, fressen oberirdisch alles ab - Kraut, Blätter und Zuckerrübenköpfe." Die Vogelschützerin sucht deshalb das Gespräch mit Landwirten, Jägern und Anwohnern, um über die arktischen Gänse aufzuklären.

Die Gänse kommen seit Generationen ins Hessische Ried

Denn dass die Tiere ausgerechnet in das Hessische Ried kommen, ist für die 32-Jährige etwas ganz Besonderes. Ausschlaggebend dafür seien zum einen traditionelle Gründe, vermutet sie: "Das liegt in den Genen der Gänse. Oder sie kriegen es von ihren Eltern beigebracht". Aber auch die offenen Flächen bei Trebur, die den Gänsen einen guten Überblick ermöglichen, könnten ausschlaggebend sein.

Gefährdete Gänse trotz Schonzeit

Obwohl arktische Gänse in Hessen eine ganzjährige Schonzeit genießen, sind sie laut Natascha Schütze gefährdet. Schuld daran seien Verwechslungen mit anderen Vögeln, wie etwa den Graugänsen, auf die eine Jagd nach wie vor erlaubt sei. Problematisch sei aber auch, dass Rückzugsorte verloren gingen. Das führt Schütze auch darauf zurück, dass immer mehr Leute ihre Freizeit auf den Feldern verbringen, was für die scheuen Vögel eine Bedrohung darstellt.

Natascha Schütze hat sich inzwischen ganz dem Vogelschutz verschrieben. Und Momente, in denen sie durch ihr Fernglas einen großen Trupp entspannt schlafender Gänse sieht, bestärken sie dabei besonders in ihrem Ehrenamt.