Die Haftanstalt in Weiterstadt (Darmstadt-Dieburg).

In hessischen Gefängnissen sitzen zwar immer weniger Häftlinge. Die werden nach Beobachtung der Gewerkschaft BSBD aber immer aggressiver. Einen wesentlichen Grund dafür haben die Gefängnismitarbeiter identifiziert.

"Die Zahl der psychisch auffälligen Gefangenen nimmt von Jahr zu Jahr zu." Das diagnostizierte Franz Josef Pfeifer, Leiter von Hessens größter Haftanstalt Frankfurt I. "Diese Leute sind nicht bereit, sich an Regeln zu halten", sagte Pfeifer als Ehrengast beim Gewerkschaftstag des Landesverbands der Hessischen Justizvollzugbediensteten (BSBD) am Freitag in Butzbach (Wetterau).

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Justizvollzug warnt vor Gewalt in Gefängnissen

Birgit Kannegießer (links) und Eva Kühne-Hörmann
Ende des Audiobeitrags

Die Entwicklung betreffe die Justizvollzugsbeamten unmittelbar: "Da kommen dann Beleidigungen, aber auch versuchte oder tatsächliche Angriffe auf die Beamten." Mit seiner Beobachtung ist der Frankfurter JVA-Leiter nicht allein.

Wilma Volkenand, die in der ebenfalls großen Haftanstalt Kassel I arbeitet, sagt: "Wir sind ja ein Spiegel der Gesellschaft. Alles, was draußen nicht funktioniert, ist bei uns, und wir haben es konzentriert." Wenn also auf der Straße der Respekt vor Uniformen nur noch gering sei, sei er im Gefängnis oft gar nicht mehr vorhanden.

"Im Vergleich zu damals, als ich angefangen habe, haben wir immer mehr psychisch auffällige Gefangene", sagt auch Florian Haas, der in der JVA Frankfurt IV arbeitet. "Sie beleidigen uns, und wenn sie sich in die Enge gedrängt fühlen, werden sie auch körperlich übergriffig." Er und seine Kollegen versuchten, das verbal zu lösen. "Aber irgendwann geht das nicht mehr, dann müssen wir unmittelbaren Zwang anwenden."

Der BSBD will mehr Personal und moderne Technik

Um dieses Problem in den Griff zu bekommen, fordert der BSBD mehr Stellen für die Gefängnisse. 150 zusätzliche Kräfte sollen es sein, davon 110 im Allgemeinen Vollzugsdienst, wünscht sich die BSBD-Vorsitzende Birgit Kannegießer im Gespräch mit dem hr. Und dann sei da noch der "massive Sanierungs- und Modernisierungsstau" in den Bereichen Technik und Gebäude. Rund 4.500 Gefangene sind auf 16 Haftanstalten in Hessen verteilt, "und viele der Häuser sind ja über 100 Jahre alt". Weiter wichtig seien Sicherheitsflügel in den Gefängnissen, also eigene Abteilungen für schwierige Gefangene, "damit sie den Alltag einer Vollzugsanstalt nicht markant stören oder anhalten."

Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) ist als Gast zum Gewerkschaftstag gekommen und versucht, die Wogen zu glätten. Im Haushalt für 2020 seien bereits 70 zusätzliche Stellen vorgesehen, davon 40 im Vollzugsdienst, außerdem Geld für Baumaßnahmen und Deradikalisierungsmaßnahmen. "Das Gesamtpaket ist ein echter Schritt in die positive Richtung."

63 Bedienstete für 100 Gefangene

Dabei kann Kühne-Hörmann ohnehin schon Erfreuliches erkennen. So sei das Verhältnis zwischen der Zahl der Bediensteten und der Gefangenen "noch nie so gut gewesen wie jetzt": Auf 100 Gefangene kämen 63 Bedienstete. Ein Grund dafür: Seit 2010 sei die Zahl der Gefangenen um rund 25 Prozent zurückgegangen, die der Bediensteten dagegen sei konstant geblieben. Was die Betreuung der psychisch auffälligen Gefangenen betrifft, so setzt Kühne-Hörmann auch auf Anti-Aggressions-Trainings und eine besondere Betreuung.

Als eine mögliche Ursache für das zunehmend aggressive Auftreten der Gefangenen vermutet Gewerkschaftschefin Kannegießer den Konsum von "Substanzen, die hirnschädigend sind". Auch Anstaltsleiter Pfeifer vermutet häufig "jahrelangen Drogenkonsum" als Ursache, überwiegend durch synthetische Drogen. Schon jetzt kämen mehr externe Psychiater in seine Anstalt. "Mit Medikamenten kann es gelingen, die Leute wieder in die Spur zu bringen", sagt er - aber das ginge natürlich nur, wenn die Gefangenen freiwillig mitmachten.

Sendung: hr-iNFO, 15.11.2019, 16.30 Uhr