Obduktion in der Frankfurter Gerichtsmedizin
Dr. Jens Amendt und Dr. Ildiko Szelecz bei der Obduktion in der Frankfurter Gerichtsmedizin, Insektenlarven vom Leichenfundort Bild © hr

Frankfurter Rechtsmediziner planen die erste deutsche "Bodyfarm": Unter realistischen Bedingungen in freier Natur sollen ungeklärte Todesfälle rekonstruiert werden. Die Helfer der Experten: Insekten.

Videobeitrag
hessenschau

Video

zum Video Bodyfarms im Auftrag der Wissenschaft

Ende des Videobeitrags

Ein dichtes Waldstück im Taunus, einen Kilometer vom beliebten Ausflugsziel Fuchstanz entfernt: Gut versteckt hinter einem Gebüsch und fernab von Wegen kauern Gerichtsmediziner am Boden. Sie suchen auf dem moosigen Untergrund nach Insekten und Larven. Mit kleinen Schaufeln nehmen sie Erdproben und füllen sie in Klarsichtbeutel ab.

Noch gut zu erkennen ist ein etwa menschengroßer Abdruck im Waldboden. Wenige Tage zuvor hatte hier ein Waldarbeiter einen grausigen Fund gemacht: In einem gut verschlossenen Zelt, das kaum sichtbar mitten im Wald stand, lag die Leiche eines seit drei Monaten vermissten Mannes.

Fliegenlarven helfen bei der Arbeit

Bei der anschließenden Obduktion in der Frankfurter Gerichtsmedizin stellte sich heraus, dass die Zeit seines Verschwindens und der Zustand seines Körpers nicht zusammen passten. Wann ist der Mann also gestorben? Diese Frage ist für Polizei und Gerichtsmedizin entscheidend, um die letzten Tage und Wochen seines Lebens rekonstruieren zu können und um herauszufinden, mit wem er diese Zeit verbracht hatte und ob er eventuell Opfer eines Verbrechens wurde.

xyz
Gerichtsmediziner nehmen Bodenproben im Taunus Bild © hr

Das Zelt, in dem der Leichnam gefunden wurde, war gut verschlossen. Fliegen und andere Insekten hatten es schwer, durch Reißverschlüsse und Nähte ins Innere zu kommen. Jens Amendt, Biologe der Frankfurter Rechtsmedizin, schildert seinen vier Kolleginnen, die die Fundstelle untersuchen, dass Fliegen ihre Eier zwar am Körper des Toten ablegen, sich aber im Madenstadium von ihrer Nahrungsquelle entfernen. Deshalb sind die fünf heute nochmal an den Fundort gekommen, um Insektenreste zu finden, die außerhalb des Zelts waren.

Anhand von Maden, Larven und Fliegen in verschiedenen Entwicklungsstadien können die Rechtsmediziner zurückrechnen, wie lange ein Todeszeitpunkt mindestens zurückliegen muss. Denn sie kennen die Lebenszyklen der jeweiligen Fliegenarten auf den Tag genau. Doch wie schnell Fliegen in das Zelt kommen konnten, ist völlig unklar. Und ein ähnlicher Fall ist bislang nicht dokumentiert.

Abgeschottet von der Außenwelt

Für Fälle wie diesen planen die Frankfurter Rechtsmediziner gerade die bundesweit erste sogenannte Bodyfarm - eine Farm der Leichen. Dort sollen Fundorte und Auffindesituationen so genau wie möglich nachgestellt werden können, um wichtige Hinweise für die Ermittler zu liefern. Derzeit suchen Amendt und seine Kollegin Ildiko Szelcz, eine Biologin, die sich auf Bodenanalysen spezialisiert hat, nach einem geeigneten Gelände im Rhein-Main-Gebiet.

Leiche auf einer Bodyfarm in den USA
Leiche auf einer Bodyfarm in den USA Bild © hr

Ihr Problem dabei ist die dichte Besiedlung. Denn das Gelände soll etwa einen Hektar groß sein, Wald und Wiesen haben, dazu unterschiedlich feuchte oder trockene Abschnitte und wenn möglich auch noch Gebäude darauf. Und es muss nach außen hin geschützt sein, damit nicht zufällig Wanderer hinein laufen, Segelflieger von oben die Leichen sehen oder Neugierige selbst oder mit Drohnen Zugang zum Versuchsgelände haben können.

Freiwillige für die Forschung

So wie nach US-amerikanischem Vorbild sollen die Leichen der ersten deutschen Bodyfarm in Hessen von Körperspendern stammen, die sich selbst nach ihrem Tod der Forschung zur Verfügung stellen. Schon jetzt gibt es diese Körperspenden im Zuge der Ausbildung von Medizinern im Studium, die daran die menschliche Anatomie ergründen.

Und wie in den USA übersteigt die Zahl der Körperspender bei weitem den Bedarf, wohl auch weil viele Menschen dadurch ihre Bestattungskosten einsparen können. Eine Grundvoraussetzung für Körperspender gibt es jedoch: Sie dürfen an keiner gefährlichen, ansteckenden Krankheit gestorben sein.

Weitere Informationen

Bodyfarms

In den USA sind solche Versuchsgelände bereits Realität. Die größte von vier Bodyfarms gibt es in einem 12.000 qm großen Waldstück in Tennessee. Dort liegen ständig etwa 40 Leichen in verschiedenen Verwesungsstadien. Auch diese Anlage ist streng geschützt, nur Rechtsmediziner haben Zutritt sowie FBI-Schüler im Zuge ihrer Ausbildung. Eine weitere, deutlich kleinere Bodyfarm existiert in Amsterdam. Auf einem Areal von 20 mal 25 Metern erforschen die Niederländer Todesfälle unter anderen klimatischen Bedingungen, als sie in den USA herrschen.

Ende der weiteren Informationen