Eine Ärztin in Schutzkleidung vor einem Patientenzimmer

Es gibt auch in Hessen wieder mehr Neuinfektionen, aber in den Krankenhäusern liegen derzeit kaum Corona-Patienten – und es werden nur wenige Todesfälle gemeldet. Ist das Virus also nicht so schlimm? Unsere Auswertung zeigt eher das Gegenteil.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Weniger Corona-Fälle in den hessischen Kliniken

Eine Krankenschwester in einem Krankenhaus.
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Es ist ruhiger geworden um Corona in den Krankenhäusern. Ende April wurden noch knapp tausend hessische Corona-Patienten in einer Klinik behandelt - und damit knapp die Hälfte aller laufenden Infektionsfälle zu diesem Zeitpunkt. Jetzt, fast ein halbes Jahr später, sind es nur noch etwas über 200.

Die Zahl schwerer Krankheitsverläufe ist also überschaubar, die einst befürchtete Überlastung der Krankenhäuser derzeit kein Thema: Von den in Hessen verfügbaren Intensivbetten ist im September etwa ein Prozent durch schwere Corona-Fälle belegt. (Die jeweils tagesaktuellen Zahlen für Hessen und Ihren Kreis finden Sie in unserer ständig aktualisierten Corona-Infografik.)

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Nicht nur die Zahl der Fälle ist niedriger. Der Anteil der schweren Verläufe an den gemeldeten Corona-Infektionen ist gesunken. Mussten Ende April noch mehr als ein Viertel aller Corona-Patienten beatmet werden, sind es im September nicht einmal mehr fünf Prozent.

Bessere Behandlungsmethoden

Waren die Befürchtungen übertrieben? Richtig ist: Seit dem Frühjahr haben Mediziner viel über Corona gelernt. "Als es im März losging, gab es sehr viel Unsicherheit", erinnert sich Dr. Cihan Çelik, Oberarzt für Innere Medizin und Pneumologie am Klinikum Darmstadt. "Wir hatten sehr wenig Erfahrung; es war schwierig, mit Erkenntnissen aus China mit dieser Erkrankung umzugehen."

Zitat
„Hinweise für eine abnehmende Schädlichkeit des Virus gibt es bisher nicht.“ Zitat von Situationsbericht des Robert-Koch-Instituts, 22.9.2020
Zitat Ende

Inzwischen haben die Mediziner Erfahrung gesammelt - und Wissen entwickelt, wie sie Messwerte interpretieren und wann sie welche Behandlung anwenden. Sie dämpfen gefährliche Immunreaktionen, behandeln die Blutgerinnung, die das Virus auslöst, und beatmen nicht mehr so früh invasiv. "Das alles hat dazu geführt, dass sich die Patienten besser behandeln lassen und dass die Letalität, die Sterblichkeit, gesunken ist", so Çelik.

Leichte Fälle und junge Infizierte verändern das Bild

Vor allem mache sich aber ein Faktor bemerkbar: Die aktuellen Corona-Fälle sind im Schnitt deutlich jünger, deshalb müssten sehr viel weniger positiv getestete Patienten auf seine Station. Im März seien Neuinfizierte im Schnitt 52 Jahre alt gewesen. "Heute liegt der Altersschnitt bei 32."

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Dass die neu Infizierten im Schnitt deutlich jünger sind, nennt auch das Robert-Koch-Institut als Grund für den gesunkenen Anteil schwerer Covid-Erkrankungen. Ein weiterer Faktor komme hinzu, schreibt die Behörde in ihrer aktuellen Bewertung der Situation: die Ausweitung der Tests. "Es werden zunehmend nicht nur Menschen getestet, die entweder durch die Schwere der Symptomatik auffielen oder im Umfeld eines schwer verlaufenden Falls dem Virus ausgesetzt waren. Damit wurden mehr Infizierte und Erkrankte identifiziert."

Dies bedeute aber nicht, dass die Gefährlichkeit des Virus abnehme, betont das RKI: Unter denen, die wegen Corona ins Krankenhaus müssen, sei der Prozentsatz der Todesfälle gleich geblieben.

Was, wenn die Alten wieder betroffen sind?

Im April häuften sich in einigen hessischen Regionen die Corona-Fälle - und Todesfälle: Das Virus grassierte in Seniorenheimen im Odenwaldkreis und im Schwalm-Eder-Kreis; mehrere Heime wurden unter Quarantäne gestellt, dutzende Menschen starben. Das ist das Szenario, dass die Warner fürchten - auch wenn sich im Augenblick eher jüngere Menschen anstecken.

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Denn: Steigende Infektionszahlen bei den Jüngeren bergen das Risiko, dass das Virus die Risikogruppen erreicht - wie es im US-Bundestaat Florida im Sommer zu beobachten war. Die Virologin Isabella Eckerle, Professorin in Genf, verweist im Interview mit dem "Tagesspiegel" auf die Entwicklung in Florida.

Im Frühsommer blieben dort die Todesraten trotz steigender Infektionszahlen niedrig - weil sich vor allem Jüngere ansteckten. "Das wurde als Argument verwendet, um zu sagen: Das ist alles nicht mehr so schlimm", berichtet Eckerle. Aber: "Von den Jungen ist das Virus weitergewandert in die höheren Altersgruppen. Die stecken sich an und landen nach wenigen Wochen im Krankenhaus." Einige überlebten die Infektion nicht.

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Der Darmstädter Lungenfacharzt Cihan Çelik macht sich Gedanken über den Herbst - zumal die Infektionsrisiken steigen, wenn sich die Menschen wieder mehr in geschlossenen Räumen aufhalten. "Die Frage wird natürlich in den kommenden Wochen sein, ob es bei den 30- bis 40-Jährigen bleibt, oder ob das Virus auch in anderen Alterspopulationen voranschreitet."

Çelik meint auch, dass man sich nicht zu sicher sein dürfe, dass die Klinikkapazitäten reichten: Ausbrüche wie in Hamm hätten gezeigt, dass Kliniken zumindest lokal schnell an ihre Grenzen kommen könnten. Dass er dazu neigt, eher das Risiko zu betonen, liegt in der Natur seines Berufs: "Wir müssen uns in der Klinik immer auf den Worst Case einstellen."

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Daten, Quellen, Methoden

Für diese Auswertung wurden Datensätze zusammengeführt:

  • Belegungszahlen der Krankenhäuser: IVENA eHealth - Interdisziplinärer Versorgungsnachweis, Sonderauswertung (auf Anfrage beim Hessischen Ministerium für Soziales und Integration)
  • Aktive Fälle, Todesfälle, Altersgruppe: Meldedaten des Robert-Koch-Instituts
  • Daten für Florida: The Covid Tracking Project


Da sich das Datum der Genesung bzw. des Todes nicht rückwirkend aus den RKI-Meldedaten herauslesen lässt, haben wir unsere eigenen Archivdaten der RKI-Meldungen ausgewertet.

Aktive Fälle sind alle Corona-Fälle, die zum Stichtag nicht als gesundet oder verstorben gekennzeichnet sind. Als Stichtag für die Zahl der aktiven Fälle wurde der Freitag der jeweiligen Woche gewählt - um sich die kompliziertere Berechnung beispielsweise des Median-Werts für diese Woche zu berechnen.

Man sollte außerdem im Kopf behalten, dass die Zahl der Genesenen - und damit der aktiven Fälle - zu großen Teilen auf einer Schätzung mit einer einfachen Formel beruht: Wer zwei Wochen ohne weitere Meldung krank war, gilt als gesundet.

Die Daten können Sie auf dieser Seite des Google-Kalkulationsprogramm Sheets einsehen und herunterladen.

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Sendung: hr-iNFO, 25.9.2020, 9:30 Uhr