Stromstoß-Opfer Julia S. und ihr Anwalt Alexander Hauer

Ein 30-Jähriger brachte über fünf Jahre hinweg Frauen dazu, sich selbst lebensgefährliche Stromstöße zu versetzen. Dafür wurde er zu elf Jahren Haft verurteilt. Hier berichtet eines seiner Opfer, eine 25-Jährige aus Gießen: "Ich spüre immer wieder dieses Brennen."

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Hohe Haftstrafe für lebensgefährliche Stromstöße

Stromstoß-Opfer Julia S. und ihr Anwalt Alexander Hauer
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"Ich bin ziemlich froh, dass ich jetzt einen Schlussstrich ziehen kann", sagt Julia S. (Name von der Redaktion geändert) nach der Urteilsverkündung des Münchener Landgerichts. Das Strafmaß von elf Jahren Haft gegen den 30-Jährigen ist aus ihrer Sicht gerechtfertigt. Schließlich hat sie diesen beispiellosen Fall am eigenen Leib erlebt.

"In diesem Ausmaß, so viele Straftaten, so organisiert, das kann man nicht mit einer Bewährungsstrafe begleichen", meint die Frau aus Gießen. Sie bezieht sich dabei auf die Verteidigung des Täters aus dem Raum Würzburg. Sie hatte für den Mann eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren mit Bewährung beantragt. Das Gericht sah indes in 13 Fällen den Straftatbestand des versuchten Mords, der gefährlichen Körperverletzung und der Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs von mehr als 60 Frauen erfüllt.

Der Täter bot Julia S. 200 Euro für das Experiment

Zwischen 2013 und 2018 hatte der 30-Jährige im Internet bei Ebay auf Jobgesuche von überwiegend jungen Frauen geantwortet. Dort gab er sich als Wissenschaftler, Professor oder Arzt aus, der eine Studie im Rahmen von Schmerztherapien durchführt. Dabei sollten die Probandinnen sich selbst Strom zuführen.

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„Alles klang sehr schlüssig und fundiert.“ Zitat von Julia S.
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Auch Julia S. willigte nach der Anbahnung über das Internet ein. "Weil er mir einen eloquenten Text zuschickte per E-Mail", sagt sie. Es habe alles sehr schlüssig und fundiert geklungen. Zudem habe er ihr Geld für die Teilnahme an der Studie versprochen. "Um die 200 Euro waren das, das Geld konnte ich gut gebrauchen", sagt Julia S.

In anderen Fällen bot der Mann nach Erkenntnissen des Münchener Landgerichts den überwiegend jungen Frauen, darunter sogar ein 13-jähriges Mädchen, bis zu dreitausend Euro fürs Mitmachen. In allen Fällen sandte er den Teilnehmerinnen eine genaue Beschreibung, wie sie bei den Experimenten vorgehen sollten.

Der Täter sah sich alles über die Computer-Kamera an

Julia S. nahm daraufhin ein altes Lampenkabel, entfernte die Isolierung und legte so die inneren Stromkabel frei. "Die habe ich dann mit zwei metallenen Löffel verbunden und daran noch mal Holzlöffel befestigt", erklärt die 25-Jährige. Anschließend steckte sie das andere Ende mit dem Stromnetz und hielt die Löffel an ihre Schläfen. Sie sei sogar ein bisschen stolz darauf gewesen, dass sie es so gut hinbekommen habe, gibt sie zu.

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„Dauert dieser Vorgang länger als eine halbe Sekunde, sind bleibende Schäden wahrscheinlich.“ Zitat von Anwalt Alexander Hauer
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Der für sie damals unbekannte vermeintliche Wissenschaftler hielt dabei mit ihr über das Internet Kontakt. Julia S. saß wie die anderen Frauen auch vor der eingeschalteten Kamera ihres Computers. Die Frauen waren also für den Mann sichtbar. Der 30-Jährige korrespondierte mit seinen Opfern jedoch nur schriftlich, angeblich weil an seinem Computer etwas defekt gewesen sei. So konnte der Täter auch sämtliche Experimente als Videodatei aufnehmen. Eine Praxis, die ihm später allerdings zum Verhängnis wurde, nachdem die Polizei auf seine Spur gekommen war.

Der Strom floss durch den ganzen Körper

Als Julia S. Strom durch ihren Körper fließen ließ, "war es, als würde mein Gehirn brennen", erinnert sie sich an das grausame Experiment im Juni 2017: "Ich habe damals auf dem Stuhl gesessen, hab' mir diese Apparatur an die Schläfen gehalten, und dann wurde mir schwarz vor Augen." Währenddessen hielt Julia S. auch noch ihre nackten Füße an einen Heizkörper.

"Dadurch kam es zu einer Längsdurchströmung durch ihren gesamten Körper", zitiert Julia S.s Anwalt Alexander Hauer aus einem Gutachten. Der Strom sei durch ihr Gehirn, durch Herz und Lunge bis zu den Füßen geflossen. "Wenn dieser Vorgang eine halbe Sekunde und länger dauert, dann sind bleibende Schäden oder sogar der Tod wahrscheinlich", sagt der Jurist mit Verweis auf Sachverständige im Gerichtsprozess.

Das große Glück für Julia S. sei gewesen, dass ein Sicherheitsschalter in der Hauselektrik den Strom nach 0,3 Sekunden unterbrach. Wahrscheinlich lebensrettend für die junge Frau, sagt ihr Anwalt.

Blauäugigkeit des Opfers und Überzeugungskraft des Täters

Auch dreieinhalb Jahre danach und unter dem Eindruck des Prozesses kommt bei Julia S. immer mal wieder die Erinnerung hoch. "Wenn ich Angst habe, dann spüre ich immer wieder dieses Brennen", sagt sie.

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„Wenn ich Angst habe, dann spüre ich immer wieder dieses Brennen.“ Zitat von Julia S.
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Dass sie sich überhaupt auf das Experiment eingelassen habe, erklärt sie heute mit einem Schuss Blauäugigkeit: "Ich denke, dass ich damals naiv an die Sache herangegangen bin." Sie habe wegen der fundierten Texte des Täters schnell Zutrauen gefunden. "Er hat eine perfide Art gehabt, Leute zu überzeugen", erinnert sich Julia S.

Beim Prozess in München sah sie den Mann jetzt zum ersten Mal. Julia S. war nur ein Mal für ihre Zeugenaussage im Gericht anwesend. An den weiteren Verhandlungstagen ließ sie sich als Nebenklägerin von ihrem Anwalt vertreten.

Als dieser ihr am Montag ihr nicht nur den Urteilsspruch durchgab, sondern ihr auch vom zugesprochenen Schmerzensgeld berichtete, war Julia S. nach eigener Aussage erleichtert. Die 2.000 Euro seien ein kleiner Trost für sie, "für das, was ich durchgemacht habe", sagt sie: "Es ist zwar schön, aber es macht die Sache nicht wieder gut."

Sendung: hr-iNFO, 21.01.2020, 19.13 Uhr