Angeklagte Krankenschwester

Mehrere Kollegen brachen zusammen, einer schwebte in Lebensgefahr - aber eine Krankenschwester aus Bad Nauheim will damit nichts zu tun haben. Vor Gericht in Gießen weist sie alle Vorwürfe von sich.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Krankenschwester wegen Mordversuchs vor Gericht

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Eine Angeklagte, sechs Zeugen, sechs Stunden Verhandlung und jede Menge offener Fragen - so lautet das Zwischenfazit nach dem ersten Prozesstag vor dem Gießener Landgericht. Dort muss sich seit Montag eine Krankenschwester wegen gefährlicher Körperverletzung und in einem Fall auch versuchten Mordes verantworten.

Die wichtigste Frage ist die nach dem Motiv: Warum sollte eine Krankenschwester an der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik mindestens drei Mal Schlafmittel in Kaffee und Gebäck gemischt haben, um so offenbar willkürlich Kollegen zu vergiften?

Die 53-Jährige bestreitet die Vorwürfe. "Ich kann mir das nicht erklären", sagt sie an diesem Montag immer wieder. Sie sei "mehr als überrascht und schockiert" gewesen von den Ermittlungen gegen sie. Nur einen Vorwurf, eine Autofahrt mit mehr als 1,1 Promille Alkohol im Blut, räumt sie ein - die Fahrt sei aber eine Folge der Ermittlungen. "Als meine Wohnung durchsucht wurde, liefen die Dinge aus dem Ruder."

Womöglich Schlafmittel im Kaffee

Los geht demnach alles im September 2017. Die 53-Jährige hat Nachtdienst auf ihrer Station, der Gefäßchirurgie. Für die Übergabe mit dem Frühdienst am Schichtende kocht sie, wie üblich, Kaffee für die Mitarbeiter. Kurz darauf bricht eine heute 36-jährige Kollegin zusammen - ihr wird schwindlig, sie sieht doppelt, die Knie geben nach, sie kommt in die Notaufnahme.

Die Angeklagte organisiert Ersatz, aber auch die heute 73-Jährige, die einspringt, muss nach wenigen Stunden mit ähnlichen Symptomen den Dienst abbrechen. Zwei weitere Schwestern berichten, dass ihnen ebenfalls vorübergehend schlecht geworden sei. Die Vermutung: Im Kaffee war ein Schlafmittel.

Arzt unter Lebensgefahr an Uniklinik

Zwölf Tage später: Ein 33 Jahre alter Assistenzarzt trinkt Kaffee und isst ein Käsegebäck, das die Angeklagte gebacken hat. Kurz darauf wird auch ihm schlecht, er sieht Doppelbilder, hat Erinnerungslücken und wird bewusstlos. Als sein Atem aussetzt und seine Herzfrequenz dramatisch sinkt, wird er in Lebensgefahr an die Frankfurter Uniklinik verlegt.

Wenige Stunden später isst eine heute 55 Jahre alte Krankenschwester von dem Gebäck und trinkt Kaffee, kurz darauf bricht auch sie zusammen. Dann passiert lange nichts, bis im März 2019 eine Putzfrau ähnliche Symptome aufweist, nachdem sie ein von der Angeklagten gebackenes Plätzchen gegessen hat. Seit Ende September sitzt die 53-Jährige in Untersuchungshaft.

Merkwürdige Erklärungen

Gegen die Angeklagte sprechen Indizien: Sie war an allen drei Tagen im Dienst, in ihrem Hausmüll finden die Ermittler Reste einer Packung des verwendeten Schlafmittels und Spuren davon auch an ihrem Mixer. Den wiederum will sie mindestens ein Mal in die Klinik gebracht haben, um sich Smoothies zuzubereiten.

Andererseits stand die Teeküche des Krankenhauses, in der Kaffee, Gebäck und angeblich auch der Mixer unbeaufsichtigt standen, offenbar jederzeit allen Menschen auf der Station offen. Auch die Schlafmittel waren zumindest bis zum zweiten Vorfall relativ frei zugänglich. Außerdem fanden Ermittler im Kaffee des vierten Opfers, der 55-Jährigen, Spuren des Schlafmittels - und diesen Kaffee hatte die Angeklagte definitiv nicht zubereitet.

Immer wieder private Probleme

Die Angeklagte arbeitet seit 1982 auf der Station. Ihre Kolleginnen beschreiben sie als nett, hilfsbereit und sehr zuverlässig, loben ihr Fachwissen. Sie sei eine "laute Person" - "sie lacht laut, sie regt sich laut auf".

Allerdings kämpft sie immer wieder mit privaten Problemen: Der heute 17 Jahre alte Sohn, den sie allein erzieht, gilt als "nicht beschulbar", 2016 steckt ihn das Jugendamt in ein betreutes Wohnprojekt, seither sehen sich die beiden nur noch an Wochenenden. Auch der Tod ihrer Mutter kurz darauf nimmt die Angeklagte sehr mit. Eine Zeugin berichtet, dass die Angeklagte auch tagsüber gelegentlich am Telefon betrunken gewirkt habe - aber nie im Dienst.

So sind auch auf der Station, so berichtet es eine Schwester, "wenige zu 100 Prozent überzeugt, dass sie schuldig ist". Und das an den kommenden Prozesstagen zu beweisen, dürfte für die Staatsanwaltschaft nicht einfach werden. Sie wirft ihr gefährliche Körperverletzung und in einem Fall versuchten Mord vor. Ein Urteil wird im April erwartet. Die gute Nachricht zumindest: Keines der Opfer hat offenbar bleibende Schäden davongetragen.

Sendung: hr-iNFO, 09.03.2020, 16 Uhr