Graffitikünstler sprühen Stromkasten bunt

Graue Stromkästen in Darmstadt sind plötzlich bunt - gestaltet von Graffiti-Künstlern auf Einladung der Stadt. Die Streetart soll nicht nur das Stadtbild verschönern, sondern auch Reinigungskosten sparen.

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Graffitikünstler besprühen Stromkästen in Darmstadt
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Streetart-Künstlerin Aine (Künstlername) kontrolliert kritisch, ob die pastellblaue Farbe auf dem Stromkasten vor ihr schon trocken ist. "Ich hab erst einmal alles sauber gemacht, dann grundiert. Jetzt spraye ich die Hintergrundflächen in Pastellfarben. Das passt gut zum Frühling", erklärt die 37-Jährige. "Danach plakatiere ich meine Zeichnung drauf."

Die gelernte Köchin darf einen von 33 Stromkästen in der Darmstädter Innenstadt mit ihrem persönlichen Kunstwerk versehen. Ihr Bild "Superant" (dt. Superameise) überzeugte eine fünfköpfige Jury.

Stadt ruft Sprayer auf, sich zu bewerben

Bereits im Juni 2020 hatte die Stadt Darmstadt einen Wettbewerb ausgerufen. Künstler und Künstlerinnen aus der Graffitiszene sollten ihre Ideen einbringen, Darmstadts graue Stromkästen neu zu gestalten.

"Die Jury hat sich alle Einsendungen angeschaut und dann ganz genau überlegt: Welches Kunstwerk passt zu Darmstadt? Wo fügt es sich besonders gut in die Umgebung ein? Schließlich soll es den Leuten ja auch gefallen", erklärt Jugendbildungsreferentin Eva Pelikan, die das Kunstprojekt mit betreut. Nun fiel der Startschuss. Die ersten Kästen werden bunt. Doch warum gerade durch Graffitis?

Hunderte Anzeigen im Jahr wegen Sachbeschädigung

Die bunten Schriftzüge aus der Dose haben nicht unbedingt den besten Ruf. Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei in Darmstadt rund 230 Fälle von Sachbeschädigungen durch Farbschmierereien. Die Stadt hatte 2020 nach eigenen Angaben Reinigungskosten in Höhe von 40.000 Euro.

Jüngster Fall: die neue Fußgängerbrücke über der Rheinstraße. Keine zwei Monate alt, schon bemalt.

Hessens längste offizielle Graffiti Wall ist sehr beliebt bei den Künstler*innen

Legale Plattformen müssen her

Jugendbildungsreferentin Pelikan weiß um den Ärger wegen der Schmierereien. "Graffitikunst ist da, ob wir sie wollen oder nicht. Das ist ein Ausdruck von Jugendkultur." Um illegales Sprayen einzudämmen, macht sich die Stadt und vor allem Jugend- und Sozialdezernentin Barbara Akdeniz (Grüne) immer wieder stark für offizielle Flächen.

So sind in den letzten fünf Jahren der Blütentunnel in Arheilgen enstanden, die Graffiti Wall Eberstadt und die mittlerweile europaweit bekannte Lincoln Wall in der Lincoln Siedlung. Mit rund 600 Metern freier Sprühfläche zählt diese zu den größten Graffitiflächen in ganz Hessen.

"Das ist Kunstgenuss"

Die Flächen werden gut angenommen. "Das Interesse der jungen Leute am Sprayen ist riesig. Und da sind wirklich große Talente unter den Künstlerinnen und Künstlern. An der Lincoln Wall vorbeizuradeln, das ist für mich Kunstgenuss", schwärmt Akdeniz.

Um die Leistungen der Jugendlichen noch mehr in den Mittelpunkt zu rücken, müssten diese nun aus den Randbezirken Darmstadts mitten in die Innenstadt geholt werden. Daher auch die Idee mit den Stromkästen. "Wir wollen mit der Aktion zeigen, dass die Stadt für alle da ist, auch für die Jugendlichen. Das ist ein Ausdruck von Wertschätzung", ergänzt Jugendbildungsreferentin Pelikan.

Über das jugendforum* Darmstadt hat sie engen Kontakt zur Szene, auch zu Streetartkünstlerin Aine.

Darmstädter Stromkasten vor und nach der Verschönerung

Darmstadt kann Farbe gebrauchen

Deren Superameise wird im letzten Schritt mit einem speziellen Lack versiegelt, um besser vor Wind und Wetter geschützt zu sein. Die Idee, Stromkästen zu gestalten, findet Aine prima: "Darmstadt ist so eine junge vielfältige Stadt. Das soll man ruhig auch sehen können."

Und auch bei den Passanten kommt die Aktion gut an. So kommentiert ein Fußgänger im Vorbeilaufen: "Schöne Sache. Sonne und Farbe, das ist es doch, was uns gerade in Corona-Zeiten ein bisschen aufheitern kann."

Sendung: hr4, 01.03.2021, 14.00 Uhr