Sujet Rettungsdienst Rettungswagen Fahrt Tag
Rettungswagen müssen weitere Wege fahren, weil viele Krankenhäuser voll sind. Bild © picture-alliance/dpa

Rettungsdienste bringen Notfallpatienten normalerweise ins nächstgelegene Krankenhaus. Das können sie derzeit oft nicht, weil die Kliniken wegen der Grippewelle überfüllt sind. Sanitäter beklagen, es gebe zu wenige Betten.

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Aus allen Teilen Hessens werden Probleme bei der Unterbringung von Notfallpatienten gemeldet. Erich Wranze-Bielefeld, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Landkreis Marburg-Biedenkopf, macht neben der Grippewelle die Krankenhausplanung dafür verantwortlich: "Allenthalben werden Betten abgebaut. Ich kann das für die Notfallpatienten nicht nachvollziehen. Und gerade jetzt, wo wir diese Grippe-Epidemie haben, überhaupt nicht."

Die Grippe sorgt nicht nur für ungewöhnlich viele Patienten in den Notaufnahmen der Krankenhäuser, sie wütet auch unter den Klinikmitarbeitern. Rettungsdienste müssen deshalb häufig weiter entfernte Kliniken ansteuern, um ihre Patienten unterzubringen.

Das sei bedenklich, warnt Notarzt Wranze-Bielefeld: "Ein Patient, den wir zu einem bestimmten Zeitpunkt als stabil einschätzen, kann später nicht mehr stabil sein. Längere Verlegungsfahrten haben natürlich Risiken. Ich hoffe, dass deswegen niemand stirbt."

150 Kilometer bis zum nächsten freien Bett

In der vorigen Woche wurde ein Patient im Rettungswagen von Rüsselsheim ins knapp 150 Kilometer entfernte Fulda gebracht. Keine näher gelegene Klinik konnte ihn aufnehmen. Im Klinikum Fulda werden inzwischen wegen der vielen Notfälle geplante Operationen aufgeschoben. Das habe auch finanzielle Folgen, berichtet Kliniksprecher Thomas Menzel: "Wenn OP-Termine von Patienten verschoben werden, die dann woanders hingehen, dann fallen uns Einnahmen weg."

Angespannt ist die Lage auch in Frankfurt. René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamtes, fasst die Situation in Hessens größter Stadt so zusammen: "Die Leitstellen sind völlig überlastet. Die Krankenhäuser sind alle abgemeldet. Wir haben dieses Jahr sehr, sehr viele Erkrankte mit Atemwegsinfektionen, darunter eben auch viele Grippekranke." Erst wenn die Grippewelle abflaut, werde sich die Lage entspannen, sagt Gottschalk.

Täglich bis zu 150 zusätzliche Einsätze

Mit "abgemeldeten Krankenhäusern" meint Gottschalk Kliniken, die im landesweiten Meldesystem "Ivena" rot gekennzeichnet sind. "Ivena" zeigt den Rettungsleitstellen, welche Krankenhäuser in Hessen frei sind. Die sind dort grün markiert. Die Intensivstationen der Frankfurter Krankenhäuser werden derzeit fast durchgehend rot angezeigt.

Dass Rettungswagen Patienten durch die Gegend fahren müssen, kommt jetzt häufiger vor. Thomas Müller-Witte, Geschäftsführer des Arbeitersamariterbundes (ASB) in Frankfurt, bestätigt, dass die Besatzungen von Rettungswagen von ihren Leitstellen oft erfahren, dass die Kliniken in der Stadt total ausgelastet sind: "Viele Patienten müssen ins Umland gebracht werden, manchmal auch über die Grenzen unseres Bundeslandes hinweg."

Nach Auskunft der Frankfurter Berufsfeuerwehr, die den Einsatz der 56 Rettungsfahrzeuge in der Stadt koordiniert, müssen derzeit täglich zwischen 450 und 500 Fälle statt der üblichen 300 bis 350 Einsätze bewältigt werden.

20 von 90 Sanitätern selbst grippekrank

Weil auch Rettungskräfte nicht von der Grippe verschont bleiben, seien die verfügbaren Einsatzkräfte am Limit, berichtet ASB-Geschäftsführer Müller-Witte: "Wir haben insgesamt 90 Mitarbeiter in Frankfurt im Rettungsdienst beschäftigt, von denen derzeit 20 ausfallen, weil sie selbst krank sind." Das führe zu zusätzlichen Engpässen.

Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) weiß um den Ernst der Lage. Sein Haus teilt mit, dass Notfallpatienten natürlich auch dann versorgt würden, wenn sich in einem Gebiet alle Krankenhäuser auf der Online-Plattform "Ivena" abgemeldet hätten: "Die Krankenhäuser haben Pläne, auch diese zusätzlichen Patienten versorgen zu können. Allerdings ist die Situation, auch durch eine hohe Erkrankungsrate des Personals, sehr angespannt." Notfälle kämen dann nicht immer in die nächstgelegene Klinik.

Schultern müssen den Ausnahmezustand Notärzte wie Erich Wranze-Bielefeld aus Marburg-Biedenkopf. Aus seiner Sicht ist die Lage allerdings gar nicht so außergewöhnlich. Der Fehler liege im System, sagt er: "Wir haben so eine Situation jedes Jahr. Und jedes Jahr klagen wir darüber, dass wir zu wenige Behandlungskapazitäten haben. Und es ändert sich praktisch nichts daran."