Tatort in Hanau

Tobias R. hat in Hanau zehn Menschen und dann sich selbst getötet. Im Internet hinterließ er irrsinnige Verschwörungstheorien - und ein eindeutig faschistisches Weltbild.

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Täter hatte rassistische Gesinnung
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Wozu er am Abend des 19. Februar 2020 in Hanau fähig werden würde, davon ahnten die Sicherheitsbehörden nach eigenen Angaben nichts. Seinen Schulkollegen wird es einst mit Tobias R. genauso gegangen sein. Dass mit dem jungen Mann was nicht stimmte, blieb ihnen freilich nicht verborgen.

"Einer der durchgeschossensten Leute des Jahrgangs" - so lautet der erste Satz in dem Kurzporträt, das sie ihm als einem der Absolventen 1996 in der Abi-Zeitung widmeten. Ein Spinner also, der nach Abi, Zivildienst, Banklehre und BWL-Studium in Bayreuth nun durchgedreht ist und zehn Menschen und sich selbst tötete? Offenbar ja, aber der Befund greift eindeutig zu kurz.

"Mein Volk" und die anderen

Nicht für AfD-Bundeschef Jörg Meuthen. Der relativierte am Donnerstag auf Twitter: Hier gehe es nicht um rechten Terror, sondern um die "wahnhafte Tat eines Irren". Generalbundesanwalt Peter Frank dagegen hatte Tobias R.s böse Online-Hinterlassenschaften gesehen und gelesen. Er urteilte unmissverständlich: Der Täter habe aus einer "zutiefst rassistischen Gesinnung" gehandelt.

In einem Video und einem 24-seitigen Manifest hielt der 43-jährige mutmaßliche Mörder unter anderem Verschwörungstherorien über einen "Geheimdienst" fest, der ihn überwache und einer geheimen Weltregierung zuarbeite, der ganze Fußball-Europameisterschaften manipuliere und sich in das frühkindliche Gehirn des kleinen Tobias "einklinken" konnte. Vom Wirken des Satans und Kinder-Folterstätten ist auch die Rede.

In diesem kruden Weltbild ist es eine "Elite", die das Volk durch Täuschung beherrsche. Schon solche Ideen erinnern an die rechtsradikale Reichsbürgerszene, für die unsere Republik bloß eine Firma ist.

Völkische Vernichtungsfantasien

Darüber hinaus entwickelt der gelernte Hanauer Bankkaufmann die größenwahnsinnig-hasserfüllten Vernichtungsfantasien eines lupenreinen Faschisten. Hier: "mein Volk", das in einem Land lebt, "aus dem das Beste und Schönste entsteht", was die Welt zu bieten habe. Dort: "destruktive Völker" mit "mehreren Milliarden", die vernichtet werden müssten.

Zwei Dutzend Nationen zählt Tobias R. in erster Linie dazu, vor allem solche mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit. Und er merkt an, "dass nicht jeder, der heute einen deutschen Pass besitzt, reinrassig und wertvoll ist". Auch hier soll eliminiert werden, was die Nazis "unwertes Leben" nannten.

Ohne Partnerin und voller Frauenhass

Der mutmaßliche Attentäter von Hanau hat seine Opfer in einer Shisha-Bar und einem Kiosk eines türkischstämmigen Geschäftsführers ausgewählt, alle Opfer hatten einen Migrationshintergrund. In manchem entspricht er nach derzeitigem Stand dem Typus Attentäter, mit dem es Ermittler wiederholt zu tun bekommen und vor dem sie sich am meisten fürchten: Tobias R. soll politisch unauffällig gewesen sein, er war nicht vorbestraft und offenbar nicht als Rechtsextremist im Visier des Verfassungsschutzes.

Bild vom mutmaßlichen Hanauer Attentäter Tobias R. in der Abizeitung

"Er hat keinerlei ausländerfeindliche Sprüche geklopft", sagte am Donnerstag der Vorsitzende des Frankfurter Schützenvereins, dem Tobias R. angehörte. Und er war offenbar ein "Incel“ ("involuntary celibacy"), hatte also unfreiwillig keine Partnerin. Das kann den ressentiment-geladenen Frauenhass erklären, der auch aus seiner Botschaft spricht. Nachbarn fiel dieser Mann auf, weil er immer solo war, in seinen 40ern noch bei seinen Eltern wohnte und auch im Februar schon mal kurze Hosen trug.

Am Ende Aggression

Ob es tatsächlich kein Warnsignal gegeben hat, wird sich vielleicht noch erweisen. Der Attentäter, der sich übrigens als Anhänger der "America first"-Politik von US-Präsident Donald Trump zu erkennen gibt, erklärt in seinem Video: Er sei mehrmals bei der Polizei gewesen und habe 2002, 2004 und noch vergangenes Jahr vergeblich versucht, Anzeige zu erstatten. Grund: Er fühlte sich überwacht - und er wisse, dass es tatsächlich so sei.

Weder im Video noch in seiner schriftlichen "Botschaft an das gesamte deutsche Volk" hat Tobias R. das Blutbad von Hanau direkt angekündigt. Aber er schrieb: "Aus all diesen Gründen blieb mir nichts anderes übrig, als so zu handeln, wie ich es getan habe, um die notwendige Aufmerksamkeit zu erlangen." Und dass er die Folgen seiner Tat nicht mehr erleben würde.

Danach erschoss er nach Überzeugung der Ermittler neun ihm unbekannte Menschen, seine Mutter und sich selbst. In der Abi-Zeitung hatten seine Mitschüler vor 24 Jahren noch diagnostiziert: "schwankt zwischen lieb und hyperaggressiv".

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 20.02.2020, 16.45 Uhr