Segelboote auf dem Edersee

Rheingau statt Riviera: Hessen wird dank Corona für mehr Menschen zum Urlaubsland. Vor allem an Flüssen und Seen wird es eng. Doch längst nicht überall tummeln sich die Touristen.

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Mann trinkt Cocktail am Strand, Frau sonnst sich auf dem Balkon.
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Über fehlende Nachfrage kann sich Ernst-Rudolf Müller nicht beschweren: Schon vor Wochen war sein Camping- und Ferienpark am Edersee über die Sommerferien ausgebucht. Immer noch gehen täglich Dutzende Anfragen ein, doch die 550 Zelt- und Stellplätze sind alle bis Mitte August belegt, die Ferienhäuser ebenso. Müller freut sich auf die kommenden Sommermonate mit vielen Gästen. "Aber ein bisschen Anspannung ist schon dabei, weil man nicht weiß, was kommt."

Denn dieses Jahr ist wegen der Corona-Pandemie vieles unvorhersehbar – und vieles anders. Überall haben er und seine Familie Spender mit Desinfektionsmittel aufgehängt, Plakate erinnern an die Hygiene- und Abstandsregeln. Die Gäste seien überwiegend diszipliniert, so Müller. Der Badesee ist inzwischen wieder freigegeben, auch die Waschhäuser sind offen. Kinderanimation, Fackelläufe, Lagerfeuerabende – all das soll auch in diesen Ferien stattfinden, natürlich corona-konform.

Campingplätze gefragt

Die Corona-Krise hat dem Trend zum Verreisen per Wohnmobil noch einmal Aufwind beschert. "Im Moment ist Camping die Urlaubsform, die am einfachsten und am sichersten ist", meint Müller. "Die Gäste haben ihren eigenen Platz, sind für sich. Wir machen alles an der frischen Luft."

Auch auf vielen der rund 230 anderen hessischen Campingplätze ist die Nachfrage groß. "An den Seen sind wir voll, da gibt es höchstens mal vereinzelte Plätze", berichtet Reinhold Becker vom Landesverband der Campingwirtschaft in Hessen. Auch im Rheingau, wo sowieso immer viel Betrieb herrsche, sei mit Sicherheit alles ausgebucht. "Auf den Plätzen im Landesinnern, die nicht gerade an Flüssen liegen, gibt es noch freie Kapazitäten."

Campingplatz Teichmann am Edersee

Doch nicht nur das Campen am Edersee ist gefragt, die ganze Region gewinnt durch die Corona-Krise in diesem Sommer an Beliebtheit. Freie Ferienwohnungen gibt es laut Edersee Touristic kaum noch, auch die Hotels seien gut gebucht. Die Gäste erwarte in Pandemiezeiten ein vergleichsweise normaler Urlaub: Freizeitangebote wie Sommerrodelbahn, Bergbahn, Baumkronenweg und Maislabyrinth seien geöffnet. Auf dem Wasser sei alles möglich.

Hessische Hotspots ausgebucht

Vom Wunsch nach einem möglichst sicheren Urlaubsziel in Corona-Zeiten profitieren auch andere bekannte und etablierte Regionen in Hessen, wie der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) berichtet. So sei die Buchungslage für den Sommer in Willingen, im Rheingau und in Teilen des Odenwalds gut. "An manchen Hotspots ist es schon jetzt schwierig, überhaupt noch Zimmer zu bekommen", so Dehoga-Geschäftsführer Julius Wagner.

Odenwald Herbst

"Weite Teile des Landes verspüren den großen Run auf Hessen allerdings noch nicht", sagt der Verbandschef. Viele Menschen seien noch verunsichert, ob und wohin sie in den Sommerurlaub fahren sollen, meint Wagner. Der Dehoga hofft nach den Corona-Lockerungen für den Tourismus nun auf viele kurzentschlossene Reisende in Hessen. Denen empfiehlt Wagner zum Beispiel einen Urlaub in der Rhön oder im Vogelsberg. "Auch im Odenwald und in Nordhessen gibt es viele Regionen, die wunderschön und nicht so bekannt sind."

Leere Hotels in Frankfurt

Edersee, Willingen, Rheingau, Odenwald - es sind die ländlichen Regionen und die Natur, die in diesem Jahr gefragt sind. In größere Städte wie Frankfurt dagegen zieht es nach Jahren des Tourismus-Booms in dieser Urlaubssaison nur wenige Menschen. "Das Motiv urbanes Reisen" habe es schwer, sagt Frankfurts Tourismuschef Thomas Feda. "Die Menschen fragen sich: Wo kann ich sicher reisen, wo kann ich sorglos reisen. Da fährt man nicht in eine Metropole."

Für die Städte sei das ein Problem, gibt Feda zu, zumal auch Geschäftsreisen rückläufig sind. Gäste aus USA, Asien und Arabien - sonst rund ein Viertel der Besucher - bleiben aus. Viele Hotels haben in Frankfurt geschlossen und machen wohl auch bis zum Herbst nicht mehr auf. "Die Prognosen sind nicht optimistisch: Wenn wir 20 Prozent Auslastung haben, ist das viel", sagt Feda.

Umsatzverluste bleiben

Selbst eine gute Auslastung könne die Verluste der Vormonate nicht ausgleichen, als touristische Übernachtung gänzlich verboten waren, erklärt Dehoga-Chef Wagner: "Was einmal verloren ist, ist verloren. Das können wir nicht nachholen." Das sieht auch Reinhold Becker vom Landesverband der Campingwirtschaft so. Das Ostergeschäft und einzelne Feiertage seien verloren gegangen. "Das wird man schwerlich aufholen können."

Ein bisschen optimistischer blickt Ernst-Rudolf Müller vom Campingplatz Teichmann am Edersee auf die kommenden Monate. Zwar seien ihm etwa 150.000 Euro an Umsatz weggebrochen, überschlägt er, "aber ich schätze, dass wir das wieder reinholen." Wer flexibel ist und jetzt in der Hochsaison keinen Platz mehr ergattern konnte, dem hat er empfohlen, im September oder Oktober vorbeizukommen. So hofft er im Herbst auf einen besseren Umsatz als üblich.

Sendung: hr-fernsehen, hessen extra, 03.07.2020, 20.15 Uhr